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UTÖLERWELT
VOLKSMÄRCHEN, SAGEN, VOLKSLIEDER UND REIME
GESAMMELT VON
WILHELM BUSCH
MÜNCHEN
LOTHAR JOACHIM VERLAG
1910
F. Bruckmann A.-G., München
VORWORT
Hiermit übergebe ich die von meinem Onkel Wilhelm Busch um 1850 ge- sammelten Märchen, Sagen, Volkslieder und Reime der Öffentlichkeit ; es sind nicht Kinder- und Hausmärchen wie die von den Brüdern Grimm, von Bechstein, Musäus u. a. herausgegebenen Sammlungen; diese Sammlung ist für Erwachsene, insonderheit für wissenschaftlich interessierte Leser bestimmt.
Diese Sachen »Ut 61er weit« (Aus alter Zeit) lagen in sorgfältig ge- schriebenen Manuskripten meines Onkels druckfertig vor. Nur die Reihen- folge ist z. T. nach seinen späteren Bemerkungen besonders bei den Sagen- stoffen etwas geändert. Er hatte gleich damals, als er sie sammelte, vor- gehabt, sie heraus zu geben, auch schon den Entwurf zum Titelblatt »Volks- märchen« gezeichnet. Da fand er bei den Brüdern Grimm, Müllenhof, Kuhn und Schwanz u. a. ähnliche Erzählungen oder Stoffe und meinte, die Ver- öffentlichung der von ihm gesammelten hätte deshalb keinen Wert. Später sagte er wohl, daß doch vielleicht die Wiedensahler Überlieferung manches für den Fachmann Interessante enthalten möchte. Aber die öfter besprochene Herausgabe unterblieb doch.
Erst um 1900 in Mechtshausen kam mein Onkel dazu, einige wenige Sachen im Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung zu veröffentlichen.*) Es wurde von verschiedenen Mitarbeitern, Professor Roethe- Berlin u. a. hervorgehoben, wie diese Proben der Wiedensahler Er- zählungen und Reime manche bisher nicht bekannte Variation oder gute Dar- stellung anderweit bekannter Stoffe enthielten.
Hier werden nun alle von meinem Onkel vollständig niedergeschriebenen Stücke der um 1850 noch lebendigen Volksüberlieferung veröffentlicht, genau in der Darstellungsweise, auch in der Rechtschreibung, wie er sie aufgezeichnet
*) Vergl. Korrespondenzbl. f. niederd. Sprachforschung, Heft XXI, 5,6; XXII, 1,2,3,4; XXIII, 6; XXIV, 2.
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hat; die plattdeutschen Laute sind möglichst genau in der Form wieder- gegeben, wie sie im Korrespondenzblatt gedruckt vorliegen. Die hochdeutsche Fassung einzelner zunächst plattdeutsch überlieferter Stücke rührt natürlich von meinem Onkel her.
Zu den mit abgedruckten Zeichnungen haben die Märchen- und Sagen- stoffe die unmittelbare Anregung gegeben, wie schon aus Skizzenbüchern der fünfziger Jahre zu ersehen ist. Das leider nur im Entwurf angefertigte Titel- blatt und die Bleifederzeichnung »Bremer Stadtmusikanten« sind hier zum ersten Mal veröffentlicht; die anderen drei Feder- und Tusch-Zeichnungen sind schon in dem Prachtwerk »Wilhelm Busch's künstlerischer Nachlaß« er- schienen und werden hier mit Genehmigung der Hofkunstanstalt Franz Hanf- staengl in München reproduziert.
Mein Onkel selbst hat sich verschiedentlich zu der Sammlung dieser Märchen und Sagen geäußert. So schreibt er 1893 in der kurzen Selbst- biographie »Von mir über mich«:
»Nach Antwerpen hielt ich mich in der Heimath auf.
Was damals die Leute ut öler weit erzählten, sucht ich mir fleißig zu merken, doch wußte ich leider zu wenig, um zu wissen, was darunter wissen- schaftlich bemerkenswerth ist. Das Vorspuken eines demnächstig|en Feuers hieß: wabern. Den Wirbelwind, der auf der Landstraße den Staub auftrichtert, nannte man warwind; es sitzt eine Hexe drin. Übrigens hörte ich, seit der »alte Fritz« das Hexen verboten hätte, müßten sich die Hexen überhaupt sehr in Acht nehmen mit ihrer Kunst.
Am meisten wußte ein alter stiller für gewöhnlich wortkarger Mann. Einsam saß er abends im Dunkeln. Klopft ich ans Fenster, so steckte er freudig den Thrankrüsel an. In der Ofenecke stand sein Sorgensitz. Rechts von der Wand langte er sich die sinnreich senkrecht im Kattunbeutel hängende kurze Pfeife, links vom Ofen den Topf voll heimischen Tabacks ; und nachdem er gestopft, gesogen und Dampf gemacht, fing er seine vom Mütterlein ererbten Geschichten an. Er erzählte gemächlich; wurde es aber dramatisch, so stand er auf und wechselte den Platz, je nach den redenden Personen, wobei denn auch die Zipfelmütze, die sonst nur leise nach vorne nickte, in mannigfachen Schwung gerieth.
In den Spinnstuben sangen die Mädchen, was ihre Mütter und Groß- mütter gesungen. Während der Pause, abends um neun, wurde getanzt; auf der weiten Haustenne; unter der Stalllaterne; nach dem Liede: maren will wi hawern meihn ; wer schall den wol binnen ? dat schall (meiers dortchen) don. de will eck wol finnen.«
Als im Jahre 1900 die ersten Märchen im Korrespondenzblatt erschienen,
gab mein Onkel über unser Heimatdorf Wiedensahl, wo die meisten erzählt und von ihm gesammelt sind, Folgendes an*):
»Wiedensahl, platt Wiensaol, hat seinen Namen zum Theil von dem in der Mitte des Orts befindlichen Teiche, dat saol genannt, so daß jemand, der Freud am Vermuthen findet, sich denken mag, die Bedeutung des Ganzen könnte vielleicht Wald-, Weiden- oder Heiligensee sein.
Neben der Pfarre lag einst der Edelhof. Einer der edlen Herrn, die dort gehaust, ist wohl ein grimmiger Kerl gewesen, denn es heißt, er habe aus Ärger über einen Hahn, der oft über die Hecke flog und im adeligen Garten kratzte, seinen Nachbar, den Pastor, maustodtgeschossen.
Draußen, wo jetzt die alte Windmühle ihre Flügel dreht, hat vor Zeiten ein Schloß gestanden. Es ist lange verschwunden, nur der Brunnen blieb später noch sichtbar, bis schließlich das Gras darüber wuchs. Als die drei Frölen, denen das Schloß gehörte, nach Bockeloh zogen, schenkten sie ihr Land, die wiäme, der Pfarre, den Wald der Gemeinde. Dafür mußten die Wiedensahler eine Abgabe in Geld entrichten. Mal ließ sich der Mann, der es hob, mehre Jahre nicht blicken. Dem damals regierenden Burgemeister kam es bedenklich vor, wenn es so weiter ginge und dann die Summe auf einmal gefordert würde. Drum ging er los, um sich persönlich deshalb zu erkundigen. In Bockeloh, wo die Sache bereits gründlich vergessen war, hat man ihn sehr gelobt und freundlich entlassen mit der festen Versicherung, daß die Rückstände eingezogen und die Abgabe wieder regelmäßig geholt werden sollte, was denn auch pünktlich geschah.
Nicht weit von der Wiedensahler Grenze zieht sich im Schauenburger Walde der Schanzgraben oder Drusenwall hin. Eine Stelle, an der er doppelt ist, nennt man den Pferdestall. Rückten nun die Schlüsselburger von der Weser her, wie sie öfters thaten, zum Sengen und Plündern aus, dann zogen sich die Wiedensahler hinter den Wall zurück, und regelmäßig eilte ihnen der tapfere Ritter von Bückeburg mit seinen Leuten zu Hülfe. Die Wiedensahler waren nicht undankbar. So oft die gnädige Frau in Wochen kam, brachten sie ihr Eier und junge Hähnchen. Was aber gutswillens geschah, wurde später ein Zwang. Die Eier und Hähnchen mußten nach Bückeburg geliefert werden, ob die Gnädige in Wochen war oder nicht. Bis um die Mitte des letzten Jahrhunderts ist die Verpflichtung inkraft geblieben.
Die Zeit kramt alles um; nur thut sie es in abgelegener Gegend etwas später als anderswo.
Erst mit den zwanziger Jahren verlor sich der Brauch, in der Hespe, einem Fahrweg zwischen zwei Hecken, die Schweine von gemeindewegen durchs wilde Feuer zu treiben.
*) Vergl. Nöldeke, Wilhelm Busch. S. i ff.
Noch zu Ende der dreißiger oder anfangs der vierziger Jahre sah man das Halseisen, als Wahrzeichen einstiger Bußen, am steinernen Kirchhofsthor.
Alle ländlichen Häuser waren mit Stroh gedeckt. Über dem offenen Heerde unter der oosten hing der Kessel oder stand der Topf auf dem Drei- fuß. In der Döntzen am drehbaren Holzarm schwebte abends der Krüsel mit Thran gefüllt.
Noch immer wurde der Taback, dreißig Pfund für n Thaler, auf dem Wiedensahler Jahrmarkt von den Landsberger Bauern verkauft. Noch immer holten sich die Großväter aus dem Wald ihren tunder und dörrten und klopften ihn tüchtig, damit er gut Funken fing.
So war es einmal. Jetzt sind es »geschienten ut 61er weit«.
Höckelheim, August 1910.
O. Nöldeke.
I.VOLKSMÄRCHEN.
i. De häister un de willen duben.
Bi Fürst Erenst siner tit, ans dat swin Dirk häite un de käo Barteid, do könne de häister dat beste näist bäon. Do käimen de willen duben na öne hen un säen: »Nawer, will ji nich säo gäot wäsen un üsch*) dat 6k lehren wo ji dat maoket?« »Jao, säe de häister, worümme dat nich; awerst wat giäwe ji mi? »Die bunte kuh, die bunte kuh, die bunte kühle säen de willen duben. Den häister was dat recht, un häi flog mee. Ans häi nu de ersten sprikker te höp elegt harre, do menen de willen duben, säi können dat nu ök all sülbenst un säen: »Nawer, gaet nu man weer hen, wi willt et nu woll sülbenst fertig maoken.« De häister läit sik dat nich twäimaol seggen, namm sine bunte käo un flog weg. — Do nu de willen duben awerst sülbenst täo bäon anföngen, do käimen se man jümmer säo wit, ans de häister et säi ewiset harre. Do föngen se an täo schräin*) un räipen: »Die bunte kuh, die bunte kuh, die bunte kuh!« un menen, de häister schölle*) de bunte käo weer herutgiäwen; awerst de häister was mit der käo wäge un blew wäge. Darümme küent de willen duben ök vandage noch näin orntliket näist bäon un räopet noch jümmer: »Die bunte kuh, die bunte kuh, die bunte kuh!« bet up düssen dag. Un däi mi düsse geschiente*) verteilt hat, mit däne hebbe ek sülbenst ekört.
2. Die [schwarze Prinzessin.
Es war einmal ein König und eine Königin, die kriegten gar keine Kinder. Da sagte die Königin: »Ich wollte, ich kriegte ein Kind und wenn es auch vom Teufel wäre.« Nicht lange darnach ward die Königin schwanger und
*) In allen plattdeutschen Stücken ist seh mit westfälischer Aussprache = s — ch oder s— k zu sprechen. W. B.
gebar ein kleines Kind, das war eine Dirne. Sie ward, wie sie wuchs, von Tage zu Tage schöner, so daß sie ein jeder, der sie sah, von Herzen gerne leiden mochte. Den Tag aber vor ihrem fünfzehnten Geburtstage sagt sie auf einmal zu ihrem Vater: »Morgen, Vater, muß ich sterben.« »Mein liebes Kind,« sagte der König, »sprich mir doch nicht von sterben.« »Doch Vater! Ich weiß gewiß, daß ich morgen sterben muß. Eins mußt du mir aber versprechen: daß mein Sarg in der Schloßkirche vor den Altar gestellt und ein ganzes Jahr lang jede Nacht Wache dabei gehalten wird. Wenn sich dann unter der Wache Einer findet, der nichts Schlechtes gethan hat, so kann der mich wieder erlösen.« Das mußte der König versprechen und ihr die Hand drauf geben.
Wie die Königstochter gesagt hatte, so kam es auch. Den andern Tag nahm sie noch von Vater und Mutter Abschied, legte sich und starb und ward dar- nach kohlschwarz. Der König ließ sie nun in ihrem Sarge in die Schloß- kirche vor den Altar stellen mit einer Wache dabei, wie die Prinzessin es verlangt hatte. Des Nachts, da die Glocke gerade Zwölf schlug, fuhr die Prin- zessin aus ihrem Sarge, packte die Wache, drehte ihr den Hals um und warf sie in ein finsteres Gewölbe, das da unter der Kirche war. Sobald aber die Glocke Eins schlug, mußte sie wieder in ihren Sarg hinein. In der zweiten Nacht ging es ebenso. Als die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter aus ihrem Sarge, drehte der Wache den Hals um und warf sie in das Gewölbe, das unter der Kirche war. In jeder folgenden Nacht ging es ebenso; jeden Morgen war die Wache verschwunden und kein Mensch wußte, wo sie ge- blieben war. Nun wollte zuletzt keiner mehr bei der Königstochter wachen. Da ließ der König im ganzen Lande bekannt machen: wer seine Tochter er- lösen könnte, der sollte sie zur Frau haben und König werden.
Nun war da ein junger Schäfer mit gelben Haaren, der hieß Jakob, der reiste nach der Königsstadt und ließ sich anstellen als Wache bei dem Sarge der Prinzessin. In der ersten Nacht, da es kurz vor Zwölfe war und der Schäfer daran dachte, daß die andern Wachen alle so sonderbar verschwunden waren, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinter ihm her: »Jakob, geh nicht fort, du kannst mich erlösen, wenn du drei Nächte hintereinander an meinem Sarge wachst.« Da kehrte der Schäfer wieder um und versteckte sich unter den Sarg der Prinzessin. Als nun die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter aus ihrem Sarge und suchte die ganze Kirche durch; in dem Augenblick aber, wo sie an den Sarg kam und den Schäfer eben fassen wollte, schlug die Glocke gerade Eins; da mußte sie wieder in ihren Sarg hinein. In der zweiten Nacht, da es wieder bald Zwölfe war und der Schäfer daran dachte, daß es ihm auch ergehen könnte wie den andern Wachen, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinter ihm her: /Jakob, geh nicht fort; du kannst mich erlösen.« Als der Schäfer das hörte, kehrte er wieder um und versteckte sich in das Gewölbe, wo die
Leichen der früheren Wachen lagen. Er beschmierte sich Gesicht und Hände ganz mit Blut, deckte einige der Toten über sich und verhielt sich so ruhig, als ob er auch eine Leiche wäre. Als nun die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochter wieder aus ihrem Sarge, durchsuchte die ganze Kirche und kam auch zuletzt in das Gewölbe, wo der Schäfer unter den Leichen lag. »Dem die Füße warm sind, der ist's I« rief sie und tastete zwischen den Leichen herum. Schon war sie dem Schäfer ganz nahe, das Blut gerann ihm in den Adern, da schlug die Glocke Eins. Nun mußte die Prinzessin wieder zurück in ihren Sarg. — Am andern Morgen kam der König mit seinem ganzen Hof- staate in die Kirche, um nach dem Schäfer zu sehen, und als sie das viele Blut in seinem Gesicht und an seinen Händen sahen, erschraken sie und meinten nicht anders, denn es sei ihm ein Leid widerfahren. Jakob aber sprach: »Wisset, daß ich gesonnen bin, auch noch die dritte Nacht Wache zu halten; Morgen früh Glocke Sechs, da kommt mit Pauken und Trompeten und der ganzen Musik, denn entweder bin ich todt oder die Prinzessin ist erlöst.« Das mußte ihm der König versprechen.
Kurz vor Zwölfe in der Nacht kroch der Schäfer unter den Sarg der Prin- zessin, und als sie nun mit dem Schlage Zwölf herausfuhr, legte sich der Schäfer schnell selber in den Sarg hinein. Nun suchte die Prinzessin die ganze Kirche durch; als sie aber zuletzt auch an den Sarg kam, da schlug die Glocke Eins. In demselben Augenblick fing die Prinzessin an zu sprechen und sagte: »Jakob, ich danke dir viel tausend Mal; du hast mich nun erlöst.« Von Stund an begann sie auch allmählich weiß zu werden, und Morgens Glock sechs stand sie da in voller Schönheit und weiß wie zuvor. Da kamen auch der König und die Königin mit ihrem ganzen Hofstaate und vielem Volk, mit Pauken und Trompeten und voller Musik; und als nun Jakob mit der Prinzessin an der Hand aus der Kirche trat, da rief alles Volk: »Vivat, unser König Jakob!« und wollte des Jubilierens kein Ende wrerden.
3. Das Öl der Zwerge.
Es ist einmal eine Hebamme gewesen, zu der kam in der Nacht ein kleines Männlein mit einer Laterne und forderte sie auf, eilig mit ihm zu gehen. Sie nahm ihren Mantel über und folgte dem Zwerge, welcher über Feld und Wiesen voranschritt bis zu einem Wasser, unter welchem er seine Wohnung hatte. Hierinnen lag die Frau des Zwerges in Kindesnöten. Nachdem die Hebamme ihr Beistand geleistet und das Kindlein geboren und gewaschen war, reichte ihr das Männlein ein Glas mit wohlriechendem Öle und forderte sie auf, das Kindlein damit einzureiben. Nun hatte die Hebamme trübe, thränende Augen und darum die Gewohnheit, von Zeit zu Zeit mit der Hand darüber zu streichen. Als sie nun so mit dem Einreiben des Kindes beschäftigt war.
juckte und flirrte es ihr auch wieder in dem einen Auge, so daß sie mit dem Finger herüberfuhr und es auswischte.
Nachdem sie nun das Kind angezogen hatte und sich zum Weggehen an- schickte, gab ihr der Zwerg einiges Geld. Sie ging darauf an das Bett der Wöch- nerin, um ihr gute Besserung zu wünschen und Adieu zu sagen. Die Wöchnerin zog sie aber nahe zu sich und sagte ihr heimlich ins Ohr: sie sollte das Geld, welches ihr der Mann gegeben, nur wegwerfen, aber statt dessen den Kehricht aufraffen, der da vor der Stubentür an der Schwelle läge. Das that sie, behielt aber doch auch das Geld. Während dem hatte der Zwerg seine Laterne wieder angezündet, begleitete die Hebamme nach Hause und verabschiedete sich von ihr, nachdem er sich noch vielmals für die gute Hilfe bedankt hatte. Als jetzt die Frau nach ihrem Gelde sehen wollte, war es Pferdemist, der Kehricht aber war eitel rothes Gold.
Einige Zeit darnach ging die Hebamme zum Jahrmarkt in die nächste Stadt und gedachte da tüchtig einzukaufen, denn sie hatte nun Geld in Menge. Sie mußte sich ordentlich drängen lassen, so voll war's da auf dem Markte. Da sah sie auf einmal denselben Zwerg, der sie in der Nacht zu seiner Frau geholt hatte; er ging von einer Krambude zur andern und packte in seinen Schnapp- sack, was ihm gefiel, schöne Honigkuchen und gute, braune Pfeffernüsse, Bänder und Tücher, ohne daß die Eigentümer das Geringste zu merken schienen. Die Frau drängte sich zu ihm hin, tupfte ihm mit dem Finger auf die Schulter und redete ihn an: »Sieh da! Guten Tag, guten Tag, Herr Zwerg! Auch hier?« Der Zwerg drehte sich rasch um und sah die Frau so recht verwundert an. »J! Frau!« — sagte er — »kann Sie mich denn sehen?« »Oja, recht gut! Warum das nicht?« »Und mit beiden Augen?« fragte der Zwerg. Die Frau hielt das rechte Auge zu. »Nein, nun sehe ich ihn nicht.« Darauf drückte sie das linke Auge zu. »Ja, nun sehe ich ihn wieder.« »J!« — sagte der Zwerg — »das ist doch sonderbar! Zeige Sie mal her! Puh!« Da pustete er ihr ins rechte Auge, daß es sogleich blind wurde und sie nicht wieder damit sehen konnte ihr Lebelang.
4. Ilsabein.
Es war einmal ein Mädchen, hieß Ilsabein, das hatte rothe Augen und konnte auch nicht zum Besten damit gucken; darum so wurde es alt und wartete lange vergeblich auf einen Freier, der es möchte unter die Haube bringen. Endlich ließ sich einer melden auf den Nachmittag, denkend: »es wird so schlimm nicht sein, wie's die Leute machen, du sollst dich selbst erst überzeugen, ob das Mädchen wirklich nicht gut sehen kann.« Da stellte Ilsabein beizeiten eine Leiter an die Hausthüre, nahm eine Nähnadel von der feinsten Sorte und steckte sie hoch oben in den Thürriegel. Nach Mittag kam der
Bräutigam richtig an, und Ilsabein, die ihn schon erwartet hatte, sprang ihm munter auf dem Hof entgegen und faßte ihn bei der Hand, daß sie ihn ins Haus brächte. »Sieh doch einmal, mein Schatz!« sprach sie da, »dort oben im Thürriegel steckt wahrhaftig eine Nähnadel.« »Ei wirklich!« sagte der Freier, der seine Augen ordentlich anstrengen mußte, um die Nadel in der Höhe zu bemerken, »das ist wirklich eine Nähnadel!« und dachte bei sich: »Das Mäd- chen sieht doch schärfer, als die Leute wohl denken mögen; die nimm nur!' So gingen sie denn ganz einmüthig zusammen in die Stube und setzten sich an den Tisch. Mit dem so brachte die Muhme das Vesperbrod herein, hatte auch eine schöne große Butterbemme beigelegt und stellte das alles vor die Brautleute auf den Tisch. Wie nun Ilsabein die große Butterwälze da so auf dem Tische stehen sah, meinte sie nicht anders, als ihre weiße Katze wär's, welche von dem Vesperbrode naschen wollte. »Schuh!« rief sie, »KatzutI« und klappte mit der Hand in die weiche Butter. Da merkte der Freier, daß das Mädchen doch nicht gut sehen konnte, stand auf, sah nach der Uhr und that, als ob er noch etwas Eiliges zu bestellen hätte. »Ich muß jetzt fort,« sagte er, »Adieu, mein Schatz, bis Morgen!« Damit ging er zur Thüre hinaus, kam aber niemals wieder, so daß die arme Ilsabein wieder warten und warten mußte; und wenn sie noch nicht gestorben ist, dann wartet sie heute noch.
5. Gerdmann un Alheid.
Dar was äis en gante un en goos, un de gante häit Gerdmann un de goos häit Alheid, de beiden güngen in der harwesttit te hope henut up dat stoppelfeeld un föngen dar täo fräten an. Gerdmann, ans de kläukeste, bleef jümmer up den hogen rüggen van'n stücke, wo häi säen könne, wat rund ümme her passiren döe, de goos Alheid fratt awerst in der däipen fore hendal, dar stünnen de besten greunen spiere, denn dat wäit'n woll, dat et dar jümmer natt is, un wenn emeihet werd, säo kann'n ok mit der seessen nich orntliken heninraken. Et dure nich lange, säo maoke Gerdmann up äis sinen hals säo lang un keek sick ümme. Do sach häi, dat de voss ganz liseken längs in der fore herdal sleek un der goos jümmer nöger kam. Do wolle häi der goos beschäid seggen un räip:
»Alheid!
Sühst du nich, wat dar in der fore geit?« De goos bleef awerst jümmer mit fräten värtüge un antwore nix ans:
»Tatterattatt, tatterattatt!
Ette wat, ette wat!« un meene, Gerdmann schölle fräten un dat kören laten.
De voss, de sick mitterwile dal eduked harre, kam nu weer nöger un nöger. Do räip Gerdmann täon twäiten male:
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»Alheid!
Sühst du nich, wat dar in der fore geit?« Awerst Alheid keek sick nich ümme un antwore nix ans: »Tatterattatt, tatterattatt! Ette wat, ette wat!« Dat schölle säo viäl häiten ans: kör hen, kör her! ek säie nixl Mit dessen was de voss ganz dichte herbi ekuomen; un Gerdmann räip täon drüdden male:
»Alheid!
Sühst du nich, wat dar in der fore geit?« Un de goos antwore weer :
»Tatterattatt, tatterattatt! Ette wat, ette wat!« In densülbigen ogenblicke sprung de voss täo un packe mine läiben goos bi'n hals. Do fong se an täo schräin un räip: »Gerdmann, Gerdmann, help mi doch! Sühste nich, wo häi mi ritt, wo häi mi tüht?!«
»Recht di dat, recht di da — at!« räip Gerdmann, breede sine flitke ut un streek aber dat feeld hen na sinen dörpe hentäo.
Dat, min junge, is de geschiente van den kläoken ganten Gerdmann un der dummen goos Alheid.
Gerdmann und Alheid
(hochdeutsch). Gerdmann der Gante und Alheid die Gans gingen mal in der Herbstzeit aufs Feld hinaus. Gerdmann, der vorsichtige, blieb auf dem hohen Rücken des Ackers, von wo er weit umher sehen konnte, während Alheid in der tiefen Furche fraß, weil da die grünsten Spiere standen. Als nun der Fuchs heran geschlichen kam, rief Gerdmann warnend:
»Alheid,
sühste nich, wat dar in der fore geit?« Doch Alheid schnatterte sorglos:
»tatterrattat!
ette wat, ette wat.« Inzwischen schlich der Fuchs immer näher. Zweimal noch vergebens erhob Gerdmann seine warnende Stimme. Jetzt sprang der Fuchs zu und packte Alheid beim Halse. Da schrie sie kläglich:
»Gerdmann, Gerdmann, sühste nich,
wo häi mi ritt, wo häi mi tüht?« Aber Gerdmann rief:
Recht di da — t, recht di da — t!« breitete seine Fittiche aus und flog ins Dorf zurück.
»4
6. Das harte Gelübde.
In einem wilden, wüsten Walde verirrte sich eine Frau. Als nun die dunkle Nacht hereinbrach, überkam die Frau eine große Angst, so daß sie seufzend sprach: »Weh! Wie komme ich zu Haus! Wenn doch wer käme und mir den Weg wiese aus dieser Wildnis!« Da trat aus dem Gesträuch ein graues Männchen. »Wenn du mir versprichst, Frau, was du jetzt unter deinem Herzen trägst, so will ich dich hinausgeleiten, daß du bald zu Hause bist.« Das versprach die Frau in ihrer Angst, und als sie es versprochen hatte, lachte das Männchen mit Hohn laut auf und rief: »Der Knabe unter deinem Herzen ist mein! Nach zwölf Jahren bringst du ihn mir zu dieser selben Stunde, zu dieser selben Stelle, oder ich fordere ihn selbst. Dann will ich ihm drei Fragen aufgeben; kann er die beantworten, so habe ich keine Macht über ihn; sonst gehört er mir für alle Ewigkeit.«
Darauf brachte das graue Männchen die Frau bald aus dem Walde, daß sie wieder zu Haus kam.
Eine Zeit darnach kriegte die Frau einen kleinen Jungen, der war ein stilles gutes Kind, wuchs heran und war so gelehrig, daß sich alle Leute darüber verwundern mußten. Seine Mutter aber hatte keine frohe Stunde mehr; immer und immer mußte sie daran denken, daß sie ihr liebes gutes Kind dem Bösen versprochen hatte. Wenn sie dann dem Knaben sein Brot schnitt, so sah sie ihn immer so traurig dabei an und konnte das Weinen nicht lassen. Da faßte das Kind ihre Hand und sagte: »Mutter, warum seid Ihr nur so traurig und weint in einem fort? Gebt Ihr mir das Brot nicht gern, oder bin ich nicht gut und folgsam, daß Ihr immer weinen müßt, wenn Ihr mir das Brot gebt? Das sagt mir doch!« Aber sie weinte nur immer mehr und mochte es ihm nicht sagen, was ihr das Herz so schwer machte ; bis der Knabe so lange bittend in sie drang, daß sie es doch endlich erzählte, wie sie sich in dem wilden Walde verirrt habe, wie das graue Männchen ge- kommen sei und daß sie ihm das Kind unter ihrem Herzen versprochen habe. »Mutter,« sagte da der Knabe, »das war hart! Doch laßt das Weinen und seid nur wieder froh; mit Gottes Hülfe mag noch endlich alles gut werden.« Darauf ist der Knabe noch lerneifriger geworden als vorher, und in der Schule haben ihm seine Lehrer alle Fragen, die nur zu erdenken gewesen sind, aufgeben müssen, und als er nun sein zwölftes Jahr erreichte, da hat er alle und alle Fragen beantworten können.
Zu der bestimmten Stunde brachte die Frau den Knaben in den Wald, und gingen auch seine Lehrer und viele Leute mit. Als sie nun bald zu der Stelle kamen, mußten sie alle zurückbleiben; da ging der Knabe allein irei- mütig in den Busch, und ob ihm gleich durch des Bösen Anstiften allerlei feurige Gespenster begegneten, auch ein Fuder Heu mit Ochsen bespannt auf
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ihn zu kam, ihn zu schrecken, so ließ er sich doch nicht wirren, ging weiter und kam zur Stelle, wo das graue Männchen ihn erwartete. »Es ist dein Glück, daß du gekommen bist!« sprach er; »nun gib mir Antwort auf drei Fragen; kannst du sie nicht lösen, so greif ich dich.« »Sag her!« erwiderte mit ruhigem Mute das Kind. Da fragte das Männchen: »Was ist härter als ein Stein?« Das Kind antwortete: »Mutterherz.« »Was ist weicher als ein Daunenbett?« Das Kind antwortete: »Mutterschoß.« »Was ist süßer als Milch und Honig?« Das Kind antwortete: »Mutterbrust.« Da ist das Männchen ver- schwunden und abgestunken.
Als nun das Kind unversehrt heraustrat, sahen die, welche zurückgeblieben waren, daß ihm der Arge nichts hatte anhaben können, und freuten sich, denn alle hatten das Kind lieb, weil es so klug war und so gut; da hat auch seine Mutter wieder frohe Tage erlebt.
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7. Die böse Stiefmutter.
Meine Großmutter hat mir erzählt, es wäre mal eine kleine hübsche Dirne gewesen, die hat eine Stiefmutter und auch eine Stiefschwester gehabt. Die Stiefmutter ließ ihre rechte Tochter immer in schönen Kleidern' gehen und that ihr alles zu Willen; sie brauchte auch gar nicht zu arbeiten; aber die Stief- tochter mußte den ganzen lieben Tag draußen am Brunnen sitzen und Garn winden, daß ihr der Faden zuletzt die Finger ordentlich blutig schnitt. Davon hatte sie aber wenig Dank, mußte immer in lumpigem Zeuge gehen, und ihre Stiefmutter sagte ihr nichts als böse Worte. So saß sie auch mal wieder und wand und wand, und die Hände wurden ihr zuletzt so lahm von allem wickeln, daß ihr unversehends der dicke Knäuel in den Brunnen sprang. Da kriegte sie große Angst, denn die böse Stiefmutter hätte sie gewiß geschlagen, wenn sie den Knäuel nicht wiederbrachte. Darum stieg sie in den Brunnen hinab; der war wohl tief, aber ganz zerfallen und kein Wasser mehr drinn.
Wie das Mädchen nun unten auf den Boden kam, so war da eine ordent- lich kleine Thür, die machte sie auf und ging hindurch; da war alles frei und schön. Dicht neben der Pforte lag auf einem Blocke ein großes scharfes Beil und Holz dabei, das rief: »Hau mich entzwei, hau mich entzwei!« Da nahm das Kind das Beil und hackte das Holz. Als es das gethan, ging es weiter und kam zu einem Backofen, drinnen rief das Brot: »Zieh mich raus, zieh mich raus.< Da zog das Kind das Brot aus dem Ofen, und als es nun weiter ging, begegnete ihm eine Kuh, die rief: »Melk mich, melk mich!« Das tat das Mädchen auch und ging weiter. Nicht lange, so begegnete ihm eine Ziege, die rief: »Melk mich, melk mich!« Als das Mädchen die auch gemelkt hatte, ging es weiter und kam zuletzt an ein Haus, davor saß eine alte Frau und spann und hatte einen Hund und zwei Katzen bei sich. »Du mußt nun bei
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mir bleiben,« sprach die Alte zu dem Kinde, und sollst es gut haben, wenn du alle Tage meinen Hund und meine beiden Katzen ordentlich flöhen willst; und dann habe ich da drei Stuben; zwei davon mußt du jeden Morgen hübsch ausfegen, aber in die dritte darfst du bei Leibe nicht gehen, sonst geht's dir schlecht.«
Da ist denn das Mädchen bei der alten Frau geblieben, hat den Katzen und dem Hunde alle Tage ordentlich den Pelz besehen und auch die beiden Stuben gefegt; aber in die dritte Stube ist es nicht hineingegangen.
Als nun der Sonntag herankam, zog die alte Frau ihr Sonntagskleid an und sagte zu dem Kinde: »Ich will jetzt zur Kirche, darum geh mir derweilen nicht weg, sondern achte gehörig auf das Haus.« Damit ist sie fort in die Kirche gegangen. Das Mädchen aber, während es so ganz allein im Hause war, überkam eine große Neugierde zu wissen, was die alte Frau wohl in dem dritten Zimmer haben möchte; es ließ ihr auch nicht eher Ruhe, bis sie das Zimmer aufgeschlossen hatte. O Leute! Was war da für vieles Geld! Ein Sack stand neben dem andern; hier Kupfergeld, hier Silbergeld, da nichts als lauter Gold. Da raffte das Mädchen schnell einen kleinen Sack voll Gold in seine Schürze, sprang aus dem Hause und fort.
Zuerst begegnete ihm die Ziege, der rief es zu: »Verrath mich nicht!« »Ich verrath dich nicht,« sagte die Ziege; »aber lauf was du kannst.« Da kam es zu der Kuh und rief wieder: »Verrath mich nicht!« »Ich verrath dich nicht, sagte die Kuh; »aber lauf was du kannst!« Da lief das Mädchen weiter, so schnell es nur konnte.
Mittlerweile war aber auch die alte Frau aus der Kirche wieder nach Hause gekommen; als sie sah, daß die dritte Stube offen und das Mädchen fort war, sprang sie schnell hinaus und hinterher. Zuerst kam sie zu der Ziege und fragte: »Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen :-. »Ne!« sagte die Ziege; »ich habe hier keine Dirne gesehen.« Da lief die Alte weiter zu der Kuh und fragte wieder: »Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen ?« »Nein!« sagte die Kuh; »ich habe keine Dirne laufen sehen.« Da ist die alte Frau wieder umgekehrt, denn sie hat gemeint, das Mädchen müßte wohl einen andern Weg gelaufen sein.
Das Mädchen ist aber glücklich durch den Brunnen wieder heraufge- kommen, ist zu seiner Stiefmutter und seiner Stiefschwester gelaufen und hat ihnen das viele Gold gezeigt und gesagt: »Seht! Das habe ich alles von einer alten Frau gekriegt, die da unten im Brunnen wohnt.« Wie das die Stief- schwester hörte, trieb sie der Neid, daß sie auch alsbald in den Brunnen hinab- stieg, die alte Frau zu suchen, von welcher ihre Schwester das Gold hatte. Sie fand unten auch die kleine Thür, und als sie hindurchging, lag da der Klotz mit dem großen Beil und Holz daneben, das rief: »Hau mich entzwei, hau mich entzwei! »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen, denn es
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war ganz erschrecklich laul und mochte keine Arbeit tun. Als es eine Strecke weiter gegangen war, kam es zu einem Backofen, darinnen rief das Brot: »Zieh mich raus, zieh mich raus!« »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen und ging weiter. Mit dem, so begegnete ihr eine Kuh, die rief: »Melk mich, melk mich!« »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen, und als es nun weiterging, kam es zu einer Ziege, die rief auch: »Melk mich, melk mich!« »Ich will dir was flöten!« sagte das Mädchen wieder und ging ihres Weges. Zuletzt kam sie auch an das Haus, wo die Alte saß und spann. »Du mußt nun bei mir bleiben,« sprach die Alte, »und sollst es gut haben; aber jeden Tag mußt du meinen Hund und meine beiden Katzen ordentlich flöhen; und dann habe ich drei Stuben, davon mußt du zwrei jeden Morgen hübsch ausfegen, aber die dritte darfst du ja nicht aufmachen, sonst geht es dir schlecht.« Da ist denn das Mädchen bei der alten Frau geblieben.
Den nächsten Sonntagmorgen, als es Zeit war in die Kirche zu gehen, zog sich die Frau hübsch an, nahm ihr Gesangbuch und sagte, als sie weg- ging: »Ich will jetzt mal in die Kirche; darum so achte mir ordentlich auf das Haus, bis ich wiederkomme.« Damit ist sie fortgegangen. »Jetzt ist's Zeit!« dachte das Mädchen; »nun sollst du doch mal zusehen, was in der dritten Stube ist!« Und als es die aufmachte, stand da ein Goldsack neben dem andern. Schnell raffte es sich die Schürze voll Goldstücke und lief fort aus dem Hause.
Mittlerweile war aber auch die alte Frau aus der Kirche zurückgekommen. Als sie sah, daß die dritte Stube offen und das Mädchen fort war, sprang sie schnell hinaus und hinterher. Zuerst kam sie zu der Ziege und fragte: »Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen?« »Jawyohl!« sagte die Ziege; »da ist sie hingelaufen.« Dann kam die Frau zu der Kuh und fragte wieder: »Ist hier nicht eben eine kleine Dirne vorbeigelaufen?« »Ja wohl!« sagte die Kuh; »dort hinten läuft sie noch.« Da hat sich die alte Frau ge- tummelt, was sie nur konnte, und gerade, als das Mädchen durch die Brunnenthüre entspringen wollte, faßte es die Alte bei den Haaren, nahm das große Beil, was da lag, und hackte ihm damit den Kopf ab.
8. Die Zwerghütchen.
Mi is fär wisse un wohr verteilt, et harre sick täo edrägen, ans en scheper des abends bi sinen schapen up'n feele lag, dat dar dichte bi ohne herum fine stimmen wach wören, däi räipen äin na'n ander: »Smiet häutken herut, smiethäutken herut!« »I!« dachte de scheper, »dat schost du doch ok äis räopen«, un räip ok: »Smiet häutken herut, smiet häutken herut!« Do antwore'ne stimme ut der ere: »Is näine mehr, ans den grotevaar sin häot?« »Is ok all gäotl« säe de scheper, un kuum dat häi dat woord esegt harre, säo satt ok all en
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häot up sinen koppc, un häi sach nu, dat rund ümme ohne herum viäle lütke twarge wören, de danzen, süngen un Sprüngen. »Juchhe, hochtit! Scheper ga mee! \vi willt üsch äis en recht lustigen abend maoken.« Un do verteilen säi den scheper, dat säi in't dörp na'r hochtit wollen un spreuken ohne täo, dat häi ok mee gaen schölle, denn säo lange ans en jeder sinen häot up'n koppe behaue, säo lange könne säi näin minsche täo säin kriegen.
De scheper läit sick bekören un gung mee; un up der hochtit dar wören säi alle recht lustig, drünken win un äiten braen un dicken ries, säo viäl ans säi man jümmer möchten. Ans de twarge nu genäog egiäten un edrunken harren un weer na hus mössten, häilen säi rat ünder sick, wo säi't wol up'n besten anföngen, dat säi den scheper den häot weer afnäimen, denn öhren. grotevaar sinen häot dröften säi doch nich in Stiche laten. Xu was awerst de scheper säo lang un groot tiägen de twarge, dat säi ohne gar nich afrecken können, un mit goen den häot weer hergiäben dat wolle häi ok nich. »Teuf! dachten do de twarge; di will wi anführen!« un bekören den scheper, de ok all en lütken täo viäl harre, häi schölle sick spaosses halber äis da boxen los maoken un sick baben den grooten riesnapp setten, de dar vär brut un bröejam up'n dische stund. De scheper, de sick up sine unsichtbarkeit verläit, döe dat ok; säo bolle awerst, ans häi sick nu lütk un krumm maoke, sleugen ohne de twarge sinen häot van'n koppe un läipen weg. Dar satt nu de scheper up äis anse botter an der sünnen, un en jeder äine was an't erste ganz verwundert un röge sick nich. Dat dure awerst nich lange, do füngen de fräonslüe luer täo juuehen an un de kerelslüe haolen öhre witkedören stöcker ut der ecken un swüngen den swiniägel foorts täo'r dönzen un darna täo'n huse henut.
Die Zwerghütchen.
(Hochdeutsch.) Als eines Abends ein Schäfer bei seiner Herde auf dem Felde lag, sah er viele ganz kleine Zwerge, die riefen in ein Erdloch hinein:
Smiet häutken herut, und jeder kriegte ein Hütchen herausgeworfen, und wenn er es aulsetzte, wurde er unsichtbar. Das gefiel dem Schäfer. Er rief auch in das Loch:
Smiet häutken herut. Da rief es von innen: Is näine mehr
ans den grotevaar sin häot. Aber der Schäfer antwortete: Is ok all gäot.
Und das traf sich auch günstig, denn der größere Hut war für den dicken Kopf des Schäfers grad passend. Im Dorf war Hochzeit. Da gingen die Zwerge hin, und der Schäfer ging mit, und weil sie keiner sehen konnte, aßen und tranken sie, so viel sie nur wollten. Nun hätten die Zwerge ihrem
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Großvater seinen Hut dem Schäfer gern wieder abgenommen. Sie konnten nur nicht dran reichen. Da beredeten sie den Schäfer, er sollte sich doch über die große Schale mit Reisbrei, die auf dem Tische stand, zum Spaß mal in die Hurke setzen, und wie er das tat und sich klein machte, schnupp, rissen ihm die Zwerge den Hut weg, so daß er plötzlich dasaß in seiner Blöße vor den Augen der Hochzeitsgäste. Und so 'ne Tracht Schläge, wie da, meinte der Schäfer, hätt er vorher noch nie gekriegt.
9. Königin Isabelle.
Es hatte ein armer Mann einen einzigen Acker; da kamen die großen reichen Bauern daher, fragten nicht lange, sondern bauten auf des armen Mannes Acker einen langen Schafstall. Alle Einreden waren vergeblich, so daß der Mann mit seiner Klage endlich vor den König ging. »Gib dich nur zufrieden,« sprach der König; »ich will dir einen andern Acker geben.« Das that er auch.
Wie nun der Mann daran ging, ihn zu bestellen, grub er aus der Erde heraus einen goldenen Mörserkolben, aber den Mörser dazu konnjte er nicht finden, so viel er auch suchen mochte. Da sprach er zu seiner Tochter, die hieß Isabelle: »Isabelle«, sprach er, »der König hat uns doch das Land ge- schenkt, nun will ich ihm auch den goldenen Kolben schenken, den ich in dem Lande gefunden habe.« Darauf entgegnete Isabelle: »Ich rath Euch, Vater, laßt das lieber sein ; denn wenn der König den Stößer sieht, so wird er auch nach dem Mörser fragen, und wenn Ihr den nicht schaffen könnt, so wird er meinen, Ihr hättet ihn für Euch behalten.« Aber der Mann ließ sich nicht bereden, sondern ging hin vor den König. »Mit Gunst, Herr König! Ich wollte Euch wohl einen goldenen Stößer bringen, den habe ich in dem Acker gefunden, den Ihr mir neulich geschenkt habt, so Ihr noch wohl wissen werdet.« »Gut das!« sprach der König; »aber, lieber Mann', der Mörser, wo ist denn der?« »Mit Verlaub, Herr, den Mörser fand ich nicht, so viel ich auch gesucht habe.« »Ei Mann!« sprach der König; »wo der Stößer ist, da muß doch auch der Mörser sein; du möchtest ihn wohl gern für dich behalten?« »Gewiß und wahrhaftig, Herr König, den Mörser habe ich nicht.« »Ja, warte nur, Bösewicht!« fuhr der König voll Zorns heraus; »ich will dich setzen lassen bei Wasser und Brot, und nicht eher sollst du loskommen, bis du mir kund tust, wo du den Mörser ließest, der zu dem goldenen Stößer gehört.« Da ließ der König den armen Mann ins Gefängnis werfen; der fing an zu klagen und rief in einem fort: »Hätt' ich doch meiner Töchter geglaubt!« Als das dem König hinterbracht wurde, ließ er ihn vor sich fordern und fragte ihn, warum er denn immer riefe: »Hätte ich doch meiner Tochter geglaubt!« Da erzählte er dem Könige, wie ihm seine Tochter vorhergesagt
hätte, daß es alles so kommen würde. Sprach darauf der König: «Wenn Eure Tochter wirklich so klug ist, wie Ihr sagt, so mochte ich sie wohl sehen und auf die Probe stellen.« Und sogleich sandte er seine Diener aus und ließ sie rufen.
Als Isabelle nun vor den König kam, redete er sie an und sprach: »Ich habe viel von deiner Klugheit reden hören, darum will ich dir jetzt eine Auf- gabe stellen, du sollst zu mir auf mein Schloß kommen; nicht nackt und nicht bekleidet, nicht gegangen und nicht geritten, nicht zu Pferde und nicht zu Wagen, nicht bei Tage und nicht bei Nacht; wenn du das kannst, so will ich dich zur Frau nehmen und sollst die Königin sein. < Da hat das Mädchen gesagt: ja, das wollte sie wohl können und ist fortgegangen.
Den nächsten Mittwoch nahm sie ein Fischnetz, da kroch sie splitternackt hinein, band es einem Esel an den Sattel, doch so, daß sie eben mit den großen Zehen den Boden streitte und ließ sich hintragen zu des Königs Schlosse; so kam sie denn an: nicht nackt und nicht bekleidet, nicht gegangen und nicht geritten, nicht zu Pferde und nicht zu Wagen, nicht bei Tage und nicht bei Nacht, denn es war an einem Mittwoch*) morgen. Als das der König sah, verwunderte er sich zum höchsten über ihre Klugheit und sprach: Ich will dich nun zu meiner Frau annehmen; nur eins muß ich mir zuvor noch ausbedingen, daß du mit allem zufrieden bist, was ich thue, es mag sein, was es will; solltest du aber jemals dawider sein, so werde ich dich aus meinem Hause verstoßen.« Das mußte sie dem Könige versprechen; der nahm sie dann zur Frau.
Eine Zeit darnach kriegte die Königin ein kleines Kind, das war ein Mädchen. Da sprach der König: »Ich will das Kind von der Welt schaffen lassen; wir haben doch nur Last davon.« Da bebte der Königin das Herz in der Brust vor Schrecken, aber doch blieb sie ihrem Versprechen getreu und antwortete: »Wenn Ihr es wollt, Herr, so bin ich zufrieden.« So ließ denn der König das Kind von seinen Dienern hinwegtragen.
Es verging eine Zeit, da kriegte die Königin ein zweites Kind, das war ein Knabe; und wieder sprach der König: »Ich will das Kind von der Welt schaffen, wir haben doch nur Last davon.« »Wenn es Euer Wille ist, Herr, so bin ich zufrieden«, sagte Isabelle, ob es ihr gleich an die Seele ging, daß sie sich von ihrem lieben, unschuldigen Kinde scheiden sollte. So ließ es denn der König durch seine Diener hinwegtragen. Die Zeit verging, aber die Königin kriegte nun keine Kinder mehr; sie verschloß ihre Traurigkeit in der Brust, ohne jemals gegen den König zu murren.
Nun trug es sich einstmals zu, daß ein Bauer mit seiner Mähre über Feld zog, und als er zu eines andern Bauern Hofe kam, wo er Geschäfte
*) Plattdeutsches Sprichwort: middewiäken is näin dag.
hatte, band er derweilen sein Pferd an einen Wagen, der mit Heu beladen war. Da traf es sich, daß die Mähre ein Füllen warf; das freute den Mann sehr; als er aber das Füllen mit sich hinweg führen wollte, trat der, welchem das Fuder Heu gehörte, hinzu und sagte: das ginge nur nicht so; das Füllen käme von Rechts wegen ihm zu, weil die Mähre an seinem Fuder Heu gestanden hätte, als sie das Füllen zur Welt brachte. Weil sie nun darüber in heftigen Streit geriethen, so gingen sie zuletzt mit ihrer Klage vor den König; der that den Ausspruch: daß der das Füllen haben sollte, an dessen Wagen die Mähre gestanden hätte. Der Bauer, dem das Füllen zugesprochen war, ging mit lachendem Munde fort, der andere aber war ganz traurig über des Königs ungerechte Entscheidung. Da ward ihm gesagt, er solle zur Königin gehen, die wäre sehr klug und herzlich gut und könne ihm vielleicht einen nützlichen Rath geben. Ging da der arme Bauer zu der Königin und stellte ihr seine Sache vor. Da sprach sie: »Kaufe dir ein Fischnetz, und Morgen früh, wTenn der König mit seinen Leuten durch die Stadt gehet, ziehe das Netz über die Pflastersteine, als wolltest du Fische fangen. Wenn dich dann der König fragt, so antworte ihm: »ebensogut, wie ein Fuder Heu ein Füllen werfen kann, ebensowohl kann ich auf dem Pflaster hier auch Fische fangen.« Der Bauer that, wie ihm die Königin gesagt hatte; und 'als er nun am andern Morgen sein Netz durch die Straßen zog, kam der König mit seinen Hofleuten auch bald des Wegs gegangen und fragte verwundert: was er denn da thäte. »Ich fische,« sagte der Bauer. »Aber, guter Freund,« sprach der König, »wie magst du in den Straßen fischen, da doch kein Wasser ist?« »Ei, Herr!« entgegnete der Bauer; »ebensogut, wie ein Fuder Heu ein Füllen zur Welt bringen kann, ebensogut kann ich auf der Straße hier auch Fische fangen.« Da erkannte der König den Bauer wieder und sprach: »Du sollst dein Füllen ersetzt haben; aber den Einfall mit dem Netze, den kann dir niemand gesagt haben, außer der Königin, das merk ich wohl.« Jetzt ist der König von da gleich zu der Königin gegangen und hat gesagt: »Ich sehe wohl, daß dir, was ich thue, nicht recht ist; darum mußt du noch heute mein Haus verlassen und hingehen, woher du gekommen bist.« »Wenn das euer Wille ist,« sprach Isabelle, >so will ich auch zufrieden sein.« Da ließ ihr der König alte zerrissene Kleider geben und verstieß sie, daß sie arm und halb nackt wieder zu ihres Vaters Hause kam; aber doch sprach sie wider den König kein böses Wort.
Über eine Zeit, da ließ der König bekannt machen, daß er sich wieder vermählen wolle; und als nun die Hochzeit sein sollte, sandte er einen Boten an Isabelle: sie möchte doch kommen und in der Küche behülflich sein. »Wenn es der König wünscht,« ließ sie widersagen, »so will ich es gerne thun.« Zur bestimmten Zeit ging sie hin und half in der Küche, und als alles zum Essen bereit war, ließ ihr der König hinaussagen : ob sie nicht einmal
hereinkommen und die neue Braut sehen wollte. Wie sie nun hereintrat, saß da neben dem König eine junge schöne Prinzessin und auch ein junger Prinz. Da sprach der König: »Das ist meine Braut; nun sag, Isabelle, wie gefällt sie dir?« »O, sehr gut,«; sagte sie; aber bei den Worten brach ihr Schmerz hervor, daß sie bitterlich weinen mußte. »Weine nicht, Isabelle,« sprach der König und faßte sie bei der Hand; »sieh I die da sitzt, ist nicht meine Braut, sondern unsere Tochter, und da ist auch unser Sohn ; sie sind nicht todt, wie du geglaubt hast, sondern gesund und wohl ; deine Prüfungs- zeit ist aus, und nun sollst du wieder frohe Tage haben.« Da sind die Kinder ihrer Mutter um den Hals gefallen und alle haben sie angefangen zu weinen vor lauter Freude. Der König aber und die Königin haben noch einmal Hochzeit gehalten und haben glücklich zusammengelebt bis an ihr Ende.
10. Die bestrafte Hexe.
Es ist einmal eine rechte alte Hexe gewesen, die hatte zwei Töchter, eine rechte Tochter und eine Stieftochter, und die Stieftochter war schön und gut, die rechte Tochter aber boshaft und häßlich. Da kam ein junger Jäger, nahm die Stieftochter zur Frau, weil sie ihm gut gefiel und zog mit ihr in sein Haus, das im Walde lag. Die alte Hexe stellte sich dazu ganz freundlich; in ihrem Herzen wußte sie sich aber vor Ärger und Bosheit nicht zu lassen, darum, daß der Jäger ihre eigene Tochter nicht genommen hatte, sondern die Stieftochter, die sie gar nicht leiden konnte.
Über eine Zeit kriegte die Jägersfrau einen kleinen Jungen und mußte zu Bett liegen. Da wurde die Stiefmutter geholt, daß sie das Kind wüsche und anzöge, auch die Suppe kochte und sonst zur Hand wäre, wenn die kranke Frau ihrer bedürfen sollte. Der Jäger aber hatte zur Erheiterung und Kurzweil seiner Frau allerlei Vögel in die Stube gebracht, die sangen, und ein Spiel hatte er gemacht von allerlei Glocken, die klangen.
Dicht an dem Flause lag ein großer Teich, auf dem viele Enten schwammen. Nun stand eines Tages die Stiefmutter am offenen Fenster und sab auf den Teich hinaus, und weil des Jägers Frau schon wieder auf Besserung war und zuweilen aufstehen konnte, rief ihr die Hexe zu: »Steh doch auf, mein Kind, und sieh einmal die vielen Enten, die da auf dem Teiche schwimmen.« Ohne an Arges zu denken, stand die Frau auf und lehnte sich aus dem Fenster, und indem, so gab ihr das boshafte Weib einen hef- tigen Stoß, daß sie hinab in den Teich stürzte, und verwünschte sie in eine Ente; da schwamm sie nun mit den anderen Enten auf dem Teiche herum. Ihr Kind aber fing an zu weinen, und ihren Mann befiel zu derselben Stunde eine große Traurigkeit und wußte doch nicht warum ; die Vögel sangen nicht, die Glocken klangen nicht. Da nahm die Hexe ihre eigene Tochter, legte
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sie in der Frauen Bett und band ihr ein Tuch um den Kopf, als ob sie krank wäre, so daß sie der Mann nicht erkennen konnte, als er kam, seine Frau zu besuchen.
Als es nun Abend ward und die Magd allein in der Küche war, kam auf dem Teich her eine Ente angeschwommen, die schnatterte vor dem Gossensteine wie Enten thun : »Niep, Niep ! Natt, Natt!« und dann fing sie ordentlich an zu sprechen :
»Weint mein liebes Kind auch noch ?
Weint mein lieber Mann auch noch ?
Singen meine Vögel auch noch ?
Klingen meine Glocken auch noch?« Da antwortete die Magd :
»Eure Glocken klingen nicht,
Eure Vöglein singen nicht,
Euer Mann und Kind die weinen.« Darauf ist die Ente wieder weggeschwommen. — Den zweiten Abend kam sie wieder, steckte den Kopf durch das Gossenloch und schnatterte ganz betrübt: »Niep, Niep! Natt, Natt!« und dann fing sie an zu sprechen:
»Weint mein liebes Kind auch noch? ■
Weint mein lieber Mann auch noch ?
Singen meine Vögel auch noch ?
Klingen meine Glocken auch noch ?« Und die Magd antwortete:
»Eure Glocken klingen nicht,
Eure Vöglein singen nicht,
Euer Mann und Kind die weinen.«. Darauf sprach die Ente: »Nun komme ich noch ein einziges Mal; dann fasse mich und haue mir den Kopf ab, so bin ich erlöst,« und schwamm fort. Das alles erzählte die Magd ihrem Herrn, der sagte: »Wenn die arme Ente so erlöst werden kann, so mußt du es thun.« Als nun die Ente den dritten Abend wieder den Kopf durch das Gossenloch steckte, faßte die Magd ein Beil und hieb ihn ab; in demselben Augenblicke, da das Blut floß, wich der Zauber ; die Frau war erlöst und ging zu ihrem Manne; der freute sich, daß er seine liebe Frau wieder hatte, denn sie er- zählte ihm, wie das alles so gekommen und welcher großen Gefahr sie ent- gangen war.
Der Jäger, der nun wußte, was die Stiefmutter für ein böses Weib war, ließ sich nichts merken, sondern sann, wie er sich am besten an ihr rächen könnte. Auf den andern Abend lud er eine große Gesellschaft; doch mußte seine Frau noch zurückbleiben. Wie sie nun alle zu Tische saßen, stand der Jäger auf und fragje, was sie wohl meinten, daß der Mutter geschehen müßte,
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die ihre Tochter in ein unvernünftiges Thier verwünscht hätte. Da sprang die Stiefmutter auf von ihrem Stuhle und war ganz verblendet und schrie: »Die verdient, daß sie in ein durchnageltes Faß gesteckt und darin so lange gewälzt wird, bis sie todt ist.« »Du hast dir selbst dein Urtheil gesprochen, du Hexe!« rief der Jäger und ließ seine Frau herein in die Stube treten. Wie das die Hexe sah, daß sie verrathen war, ward sie kreideweiß vor Schreck und stürzte der Länge nach auf den Boden hin. Da wurde sie in ein Faß gesteckt, welches mit eisernen Nägeln durchschlagen war; das wurde auf den höchsten Berg gebracht und da hinabgerollt. So hat die Hexe ihren ver- dienten Lohn erhalten.
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Märlein vom Schafbock, Kuh und Ziegenbock, welche im Walde in ein Wolfshaus kamen. (Vgl. Bremer Stadtmusikanten von Grimm.)
1 2. Kükeweih.
Heuneken un häneken, däi breuen beer. Do säi dat häneken täo den heuneken: »Heuneken, ga äis henut un smecke dat beer.« Do gung heuneken henut un slog up dat fatt un keek in dat beer un fäll'r henin. Anse nu heuneken säo lange ute bleef un gar nich weer kämm, do säe dat häneken täo seck sülbest: »Eck mot doch äis täo kieken, wo min heuneken blifft«, un gung henut in de küeken, da lag heuneken in den beere un was ganz matt und all half dote. Do nam häneken dat heuneken un dräog et henut in den gaaren un henge et up den hagen in de sünnen. Mittlerwile dat häneken weer in dat huus egahen was, kämm de kükeweih un hale dat heuneken weg. Anse nu häneken weer herut kämm un wolle na sinen heuneken säien, was min leiwet heuneken wäge. Do woord häneken ganz bedreuwet un spann sinen wagen an un före in de wie weit, ümme sin heuneken täo seuken. Ünnerweges begegne ohne ne neihnateln, de säe, of sä woll mehe upsitten könne. »Ja woll«, säe dat häneken, »sette di fär up, dat du achter nich herdal fällst.« Danach kämm en mühlstein un sette seck ok mehe up. Nich lange, säo keimen se an den kükeweih sin huus, däi was nich inne. De mühlstein lähe seck up den riegel, de neihnateln Stack seck in dat stäolkissen un dat häneken flog up kükeweih sinen heunerwiben, wo sin heuneken was. Anse kükeweih nu inkamm un wolle seck up sinen stäol setten, do stack'n de neih- natel; do wolle häi henut lopen, aberst de mühlstein fölle'n up'n kopp un sleug en dot. Nu sette seck häneken mit sin heuneken weer in sinen wragen un föhren na huus. Un wenn se noch nich 'estörben sind, säo leiwet se van dage noch.
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13. Der Gärtner und die Kröte.
Ein Gärtner hatte einen schönen Garten, dahin kam immer eine ganz dicke aufgeschwollene Kröte und fraß von dem schönen frischen Salat, der da im Garten stand. »Die alte häßliche Ütsche, die wollen wir todtschlagen,« sagten des Gärtners Knaben, »die frißt uns noch all den schönen grünen Salat.« Nein!« sprach der Gärtner ernst, »das laßt!« Er nahm seine Schaufel, unter- stach die Kröte, trug sie langsam zu der Mauer, die rings um den Garten ging, und setzte sie sanft und behutsam hinüber auf die andere Seite. »Da,« sagte er, »lauf hin, wenn du ein Kind kriegst, so will ich Gevatter stehen.« Nicht lange Zeit danach kam ein Zwerg zu dem Gärtner und bat ihn bei seinem Kinde zu Gevatter. Der Gärtner nahm die Einladung an und ging mit. Bei der Kindtaufe war alles aufs Beste eingerichtet. Als sie aber zu Tische saßen, bemerkte der Gärtner mit einem Mal zu seinem Schrecken, daß ein Mühlstein an einem Pferdehaar über seinem Kopfe hing. Entsetzt von seinem Sitze aufspringend, wollte er das Weite suchen; der Zwerg aber hielt ihn zurück mit den Worten: »Sei unbesorgt. Ebensowenig wie meine Frau am Leben geblieben wäre, da sie als Kröte in deinen Garten kam, wenn du deinen Knaben nicht gewehrt hättest, ebensowenig würdest du lebendig von diesem Orte gehen, wenn ich dein Leben nicht beschützte.« Der Gärtner konnte jedoch keine rechte Fröhlichkeit wieder fassen und rüstete sich bald zum Nachhausegehen. Beim Abschied füllten ihm die Zwerge seine Taschen noch mit Pferdemist, der sich zu Haus aber in Gold verwandelt hatte.
14. Bauer Pihwitt.
Ein Bauer hieß Pihwitt (Kiebitz); der pflügte mit seinem einzigen Ochsen auf dem Felde. Über seinem Kopfe kreiste ein Kiebitz und schrie: »Pih — witt.« — »So heiß ich,« sagte der Bauer. — »Pih — witt!« »So heiß ich,« sagte der Bauer. -- »Pih — witt! Pih — witt!« — »Ich sage dir,« rief der Bauer ärgerlich, »schrei nicht immer so meinen Namen oder ich werfe!« — »Pih — witt! Pih — witt! Pih — witt!« - - Da nahm Pihwitt seine Pflugschaufel und schleuderte sie nach dem Vogel hoch in die Luft. »Pih — witt! Pih — witt!« Da flog er hin; aber die Schaufel traf beim Herabfallen den Ochsen so heftig zwischen die Hörner, daß er todt umfiel. »Oh, oh!« rief Pihwitt und kratzte sich hinter den Ohren, »das ist doch ärgerlich; wenn das meine Frau erfährt, so wirds einen schönen Lärm abgeben. Nur rasch dem Ochsen die Haut abgezogen und zum Gerber damit, daß ich meinem Weibe wenigstens das Geld für die Haut bringen kann.« Wie gesagt, so gethan. Der Gerber war aber gerade nicht zu Haus, und da hatte der Edelmann denn seine Abwesenheit wahrgenommen, um zu des Gerbers Frau zu gehen, die ihm das Beste aufgetischt hatte, was sie in ihrem Haushalte besaß;
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das durfte aber der Mann nicht wissen. Als nun Pihwitt ins Haus trat, sprang der Edelmann rasch in eine große Tonne hinter der Hausthür. Pihwitt that, als hätte er nichts gemerkt; ging zu der l;rau sprechend: Wie stehen denn jetzt die Ochsenhäute im Preise? Ich habe hier eine, die wollte ich wohl ver- kaufen.« »Ja,« sagte die Frau, »sie kosten jetzt drei Thaler; aber ich kann euch die da nicht abnehmen, denn mein Mann hat's Geld in den Kasten geschlossen und ist nicht zu Haus.« »Na,« sagte Pihwitt, »gebt mir die alte Tonne, die da in der Ecke steht, so mögt ihr dafür die Haut behalten. »Ei, ja wohl; wenns weiter nichts ist, die mögt ihr immerhin nehmen, ist doch zu nichts mehr zu gebrauchen.« Die Frau hatte aber nicht gesehen, daß der Edelmann sich darin versteckt hatte.
Nun ging Pihwitt dabei, nagelte die Deckel recht fest zu, legte die Tonne auf die Seite und rollte sie vor sich her zum Hause hinaus. Nicht lange dauerte es, so rief's in der Tonne: »Wohin, wohin?« »Ins Wasser, ins Wasser!« antwortete Pihwitt. »Ach, laß mich raus, ich will dir auch hundert Thaler geben.« »Ins Wasser, ins Wasser!« »Oh weh,« stöhnte es im Fasse, ich gebe dir fünfhundert Thaler, nur laß mich raus.« »Nichts da, ins Wasser, ins Wasser!« »O weh, o weh; mach doch auf und laß mich leben, ich will dir auch tausend Thaler geben.« »No ja,« sagte Pihwitt, »so komm heraus; aber ich sage dir, gibst du mir die tausend Thaler nicht, so steck ich dich wieder in's Faß und rolle dich in den Fluß hinein.« Als der Edelmann heraus war, zahlte er dem Pihwitt das Geld. Der ging damit zu seiner Frau: »Sieh, Frau, die tausend Thaler habe ich für unsern Ochsen seine Haut bekommen.« »Ei, Mann,« rief die vor Freuden, »das ist der beste Handel, den du in deinem Leben gemacht hast;« und das war viel gesagt, denn sonst gab sie ihm nie recht und war niemals zufrieden, er mochte thun wyas er wollte.
Bald war es im ganzen Dorfe bekannt, daß Pihwitt seine Ochsenhaut so schrecklich gut verkauft hatte. Sammt und sonders schlugen nun die Bauern ihre Ochsen todt und trugen die Haut zum Gerber. Der wies sie aber als Narren mit Spott zum Hause hinaus. Voll Grimmes kehrten sie zurück, griffen den Pihwitt, den Urheber ihres Unglücks, fest des Sinnes, ihn stracks in der Weser zu ersäufen. Nun war's gerad an einem Sonntagmorgen; und als sie unfern an einem Kirchlein vorüber kamen, da die Leute so schön zu der Orgel sangen, meinten sie, es sei gut, hier erst einzukehren und den armen Sünder dann nach dem Gottesdienste ins Wasser zu bringen. Sie steckten ihn darum in einen Schäferkarren, der nicht weit davon im Felde stand, schlössen die Tür und gingen zur Kirche.
Nicht lange, so trieb der Schäfer seine Heerde vorüber. Da rief Pihwitt drinnen im Karren:
»Amtmanns Tochter will ich nicht! Amtmanns Tochter will ich nicht!«
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Narr, nimm se doch!« sagte der Schäfer. »O nein, o nein, es ist mir wahrhaftig nicht möglich; aber, wenn du sie willst, so mach auf und steig nur statt meiner hier herein.« Das ließ sich der Schäfer nicht zweimal sagen, half dem Pihwitt heraus und stieg dann selbst hinein. Da machte Pihwitt den Karren rasch fest zu und trieb dann die Heerde gemächlich dem Strome zu. Als die Bauern endlich aus der Kirche kamen, setzten sie bald den Karren in Bewegung; und weil der drinnen fortwährend rief:
»Die Amtmannstochter will ich wohl!
Die Amtmannstochter will ich wohl!« so hielten sie's für Spott, trieben den Karren eilig an den Uferrand und stießen ihn mit Hurrah in den Strom. Nach diesem nahmen sie den Heimweg; als sie aber von ungefähr über eine fette Trift kamen, ging da eine Heerde der schönsten Schafe, und der sie weidete, das war Pihwitt. »Ei, Pihwitt,« riefen die Bauern, »haben wir dich nicht eben in's Wasser geworfen? Wo kommst du her?« »Ja, ja,« sagte Pihwitt, »aus dem Wasser! aus dem Wasser! Als ich da unten ankam, das erste was ich faßte, war jener fette Leithammel, und als ich den nur hatte, kamen die andern Schafe gleich hinterdrein. Ich sollt's eigentlich nicht verrathen, aber es sind auf dem Grunde des Stromes noch viel mehr und, ich möchte fast sagen, noch schönere zu finden als diese hier. Darum seid so freundlich und werft mich noch einmal ins Wasser; denn selbst hinein- zuspringen, dazu habe ich den Muth nicht.« »Ne, ne,« riefen die Bauern alle, »das thun wir nicht; die schönen Schafe wollen wir selber holen,« liefen darum schnell zum Flusse zurück und stürzten sich kopfüber hinein, daß sie versaufen mußten. Pihwitt aber behielt die vielen Schafe und war reich, so lange er lebte.
15. Muschetier, Grenadier und Pumpedier.
Ein König hatte drei Töchter, die machten zu ihrer Lust einen Gang in den Wald und setzten sich unter die Blumen in das Gras und strickten. Da kamen des Weges her drei Riesen. Als die die schönen Königstöchter sahen, liefen sie herbei, hoben sie auf ihre Arme und schleppten sie tief in den Wald hinein, bis sie zu einer Höhle kamen. In die Höhle konnte man aber nur durch ein Seil gelangen; an dem ließen sich die Riesen mit ihren Prinzessinnen tief in die Erde hinab. Zuerst kamen sie in einen großen Saal; da hing an der Wand ein gewaltig langes Schwert und auf dem Tische stand eine Flasche Wein und lag ein Brief dabei. Hinter dem Saale waren aber noch drei andere Zimmer, für jeden Riesen eins; da hinein brachten sie die Königstöchter und sagten : Hier wollen wir zusammen wohnen. Und der erste Riese schenkte der ersten Königstochter eine goldene Sonne, der zweite Riese schenkte der zweiten Königstochter einen goldenen Mond, der dritte Riese gab der dritten Königstochter einen goldenen Stern. Aber die Prin-
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zessinnen mochten die häßlichen Riesen doch nicht leiden; sie wären viel lieber wieder zu Hause an des Königs Hofe gewesen; darum saßen sie und weinten den ganzen Tag.
Als es nun Abend wurde und die Königstöchter noch immer nicht zurück- kamen, sandte der König seine Diener aus, daß sie im Walde nach ihnen suchen möchten. Sie fanden aber nur die drei Strickzeuge, welche die Prin- zessinnen zurückgelassen hatten; und als sie nun auch die Spur der Riesen im Grase sahen, sprangen sie eilig aus dem Walde. Der König, als er die Kunde vernommen und die drei Wahrzeichen erblickte, fiel in große Traurig- keit, legte Trauerkleider an mit seinem ganzen Hofe und gab Befehl, daß man die ganze Stadt mit schwarzem Flor überziehen sollte. Nachdem ließ er ausschreiben und bekannt machen in seiner Stadt und seinem Reiche, daß dem viel Geld und großer Lohn verheißen sei, der es wagen und ausführen würde, die Königstöchter aus der Gewalt der Riesen zu befreien.
Da traten dreie aus des Königs Heer, die nannten sich Muschetier, Gre- nadier und Pumpedier, und wollten Hals und Leben wagen, daß sie die Königstöchter befreien und den Lohn erlangen möchten. Sie schnürten ihre Bündel und zogen in den Wald hinein. Acht Tage waren sie schon herum- gewandert; das Reisebrod ging zu Ende und Grenadier und Pumpedier meinten, es sei besser umzukehren als in dem Walde zu verhungern oder gar den schrecklichen Riesen in die Hände zu fallen. Aber Muschetier sprach ihnen Muth ein; daß es schimpflich sei, auf halbem Wege umzukehren, daß sie doch nur wenig zu verlieren, aber recht viel zu gewinnen hätten, und daß, wenn sie umkehren wollten, er allein sein Glück versuchen wolle. Da gingen sie mit. Es währte nicht lange, so kamen sie vor ein Schloß, das war ganz todt und menschenleer, die Küche jedoch mit allen Vorräthen wohl versehen. Das freute die drei Gesellen, die nun schon so lange nur Trockenes gegessen, daß sie endlich einmal wieder warme Löffelkost kriegen sollten. Sie kamen überein, daß zwei von ihnen auf die Jagd gehen sollten, während der dritte das Essen koche; darum zogen sie die Loose und kam die Reihe zuerst an Pumpedier. Der zündete bald ein Feuer an, hängte einen Topf darüber und that Erbsen und Speck hinein, denn das war der drei Gesellen Leibgericht. Muschetier und Grenadier gingen derweilen auf die Jagd. Als nun Pumpedier das Erbsengericht bereitet hatte, die beiden Gesellen aber immer noch nicht zurück waren, setzte er sich allein zu Tische, weil er großen Hunger hatte. Da trat zur Thür herein ein greises Männchen, das trug in der Hand einen eisernen Stock und sprach den Gesellen an: »Guten Tag, mein Herr !« »Schön Dank, mein Herr!«
»Ich meint, ich wäre hier ganz allein.
Es freut mich, daß hier auch Leute sein.
Denn ich muß mich von diesem Schloß nähren.«
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Danach bat das Männchen den Gesellen um etwas Essen. Als er ihm ein Brod gab, ließ es wie aus Versehen ein Stück davon auf die Erde fallen ; der Gesell bückte sich, es wieder aufzunehmen ; aber in demselben Augenblicke saß auch das Männchen ihm auf dem Rücken und schlug ihn so heftig mit seinem eisernen Stabe in den Nacken, daß er die Besinnung verlor. Danach verschwand das Männchen. Pumpedier war noch nicht lange wieder zu sich selbst gekommen, als Muschetier und Grenadier von der Jagd zurückkehrten ; er erzählte ihnen aber nicht, wie es ihm ergangen war.
Den zweiten Tag kam an Grenadier die Reihe, das Haus zu hüthen. Er kochte auch Erbsen und Speck ; als er sich aber eben zu Tisch gesetzt hatte, trat wieder das Männchen herein, sprach seinen Gruß, bat um ein wenig Essen, ließ das Brod auf den Boden fallen, und als der Geselle sich eilig danach bückte, sprang es ihm auf den Rücken und schlug ihn mit seinem Eisenstab so lange, bis ihm die Besinnung ausging. Als er wieder zu sich selbst kam, kehrten die beiden anderen gerade von der Jagd zurück und fragten, wie's ihm gegangen sei. »O, ganz gut,« sagte er, denn von den Schlägen wollte er nicht gerne erzählen.
Den dritten Tag mußte Muschetier den Haushalt versehen. Auch er kriegte Erbsen und Speck zu Feuer, denn das mochten die drei am liebsten essen. Als das Gericht nun fertig war, gedachte er, daß die andern zwei noch lange außen bleiben könnten, nahm sein Theil vorweg und stellte das Übrige in die Kohlen, daß es warm bliebe. Da trat plötzlich durch die Thür herein das graue Männchen mit dem eisernen Stabe. »Guten Tag, mein Herr!« — »Schön Dank, mein Herr!«
»Ich meint, ich wäre hier ganz allein.
Es freut mich, daß hier auch Leute sein.
Denn ich muß mich von diesem Schloß nähren.«
Darauf bat es um eine kleine Gabe. »Da hast Du Brod,« sprach Muschetier und gab ihm ein gutes Stück; aber das Männchen versah's mit Absicht, so daß das Brod auf die Erde fiel. »Wie? was?« sagte Muschetier, »wirfst du Gottes Gabe auf die Erde?« sprang eilig herzu, riß dem Männchen den Eisenstab aus der Hand und prügelte es damit so tüchtig durch, daß es erbärmlich quiekend durch die Thüre entsprang. Nun setzte er sich mit Ruhe zum Essen nieder. Bald kamen auch die beiden andern von der Jagd zurück; da wies ihnen Muschetier den eisernen Stock und sagte: »Kennt ihr den? Mich dünkt, daß es euch hier nicht zum Besten ergangen ist.« Da mußten die zwei alles bekennen. »Wir haben uns hier nun lange genug ver- weilt,* sprach Muschetier darauf; > es wird Zeit, weiter zu ziehen, daß wir womöglich die Riesen bekämpfen und des Königs Dank und Lohn empfangen mögen.« Ob nun gleich Grenadier und Pumpedier gern noch länger in dem Schlosse verblieben wären, so mochten sie doch allein das Wagstück nicht
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bestehen, entsagten darum der warmen Löffelkost, füllten die Ranzen wieder mit trockener Ware und zogen weiter in den dichten Wald hinein.
Acht Tage mußten sie wandern, da kamen sie endlich an das Felsloch, welches in die unterirdische Höhle der Riesen führte. Weil nun Grenadier und Pumpedier gänzlich der Muth entsank, so daß sie lieber umkehren, als Hals und Leben wagen wollten, so unternahm es Muschetier allein, in das dunkle Loch hinabzusteigen. Es ging nur ein Seil hinunter, daran ließ er sich hinab, nachdem ihm seine Gefährten hatten schwören müssen, daß sie ihn wieder aufziehen wollten, wenn er unten das Zeichen geben würde. Zuerst kam er in den großen Saal; an der Wand hing das Schwert, auf dem Tische stand die Flasche mit Wein und daneben lag der Brief; darin stand geschrieben: »Wer von dem Weine dreimal trinkt, der kann das Schwert bewegen wie er will.«
Als Muschetier das gelesen hatte, trank er den Wein, holte das Schwert von der Wand und öffnete leise die Thür, die in das Gemach des ersten Riesen mit der goldenen Sonne ging. Es war gerade in der Mittagszeit, und der Riese, vom Essen müde geworden, hatte seinen Kopf in der Prinzessin Schooß gelegt und ließ sich von ihr lausen, wie er das immer nach dem Essen zu thun pflegte. Durch das behagliche Krauen war er aber fest eingeschlafen, so daß er tüchtig schnarchte. Wie das Muschetier bemerkte, gab er der Königstochter ein Zeichen, den Kopf des Riesen leise niederzulegen, holte weit aus mit dem Schwerte und — klatsch! — mit einem Hiebe flog der Kopf vom Rumpfe, daß er weithin auf den Boden rollte; aus dem Halse sprang ein schwarzer dicker Blutstrahl, der Riese zappelte noch ein wenig mit Händen und Füßen, dann war er still und todt. Mit dem wären wir also fertig!
Nun ging Muschetier in das Zimmer des zweiten Riesen mit dem gol- denen Monde, der war auch eingeschlafen, hatte seinen Kopf in den Schooß der Königstochter gelegt und ließ sich von ihr lausen. Wie das Muschetier bemerkte, gab er ihr ein Zeichen, den Kopf des Riesen leise niederzulegen, holte weit aus mit dem Schwerte und — klapp! — mit einem Hiebe flog der Kopf vom Rumpfe, daß er weit hin auf den Boden kollerte ; aus dem Halse schoß ein schwarzer Blutstrahl, der Riese zappelte noch ein wenig mit Händen und Füßen, dann war er todt.
Nun ging Muschetier in das Zimmer des dritten Riesen mit dem goldenen Stern, der wrar auch eingeschlafen, hatte seinen dicken Kopf in den Schooß der Prinzessin gelegt und ließ sich von ihr lausen, wie er das immer zu thun pflegte, wenn er was gegessen hatte. Wie das Muschetier bemerkte, so gab er der Königstochter ein Zeichen, den Kopf des Riesen leise niederzulegen, dann holte er weit aus mit seinem Schwerte; weil es nun oben schon stumpf geworden war, so wollte der Kopf erst gar nicht ab ; der Riese schrie und spalkerte schrecklich, aber mit dem dritten Hiebe flog der Kopf vom Rumpfe,
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daß er weithin auf den Boden kollerte; aus dem Halse schoß ein schwarzer Blutstrahl, der Riese zappelte noch ein wenig, dann war er todt.
Da dankten die Königtöchter dem Muschetier vielmal für ihre Erlösung. Der brachte sie an den Ausgang der Höhle, gab den beiden Gefährten das Zeichen zum Aufziehen, und so wurden die Prinzessinnen nacheinander glück- lich in die Höhe gezogen. Zuletzt hing sich Muschetier selbst an den Strick; da schnitten aber die treulosen Gesellen das Seil entzwei, weil sie ihre Zag- haftigkeit nicht wollten kund werden lassen, nahmen den drei Königstöchtern den Eid des Schweigens ab, zogen mit ihnen an den Königshof, machten da viel Geschrei von ihren Heldentaten und nahmen Lohn und Ehre und Dank des Königs für sich allein.
Nun hört, wie's Muschetier erging ! Er war traurig in der Ries.enhöhle zurückgeblieben, fand keinen Ausweg, wie er auch suchen mochte und meinte schon, das Tageslicht nie wieder zu sehen, als plötzlich das greise Männchen aus dem verwünschten Schlosse vor ihm stand, das aber schnell entfliehen wollte, als es seiner ansichtig wurde. »Halt!« rief Muschetier, »bist du herein- gekommen, so weißt du auch, wie man hier wieder herauskommt; zeige mir gleich einen Ausgang aus dieser Höhle, oder ich prügele dich noch einmal mit deinem eigenen Stocke.« Da wurde das Männchen ganz demü,thig, denn Muschetier hatte den eisernen Stock noch bei sich, den er aus dem ver- wünschten Schlosse mitgebracht hatte. Das Männchen führte ihn vor einen großen Spiegel und ließ ihn da hinein sehen. Da wurde er zu einer Ameise, nahm die goldene Sonne, den goldenen Mond und den goldenen Stern, welche die Königstöchter vergessen hatten, in seinen Ranzen und kletterte an der Wand hinauf. Als er oben war, bekam er seine vorige Gestalt wieder, schritt rüstig weiter und kam nach acht Tagen aus dem Walde und in die Stadt des Königs. Da sprach er in der Bude eines Goldschmieds vor, den fragte er, ob er keinen Gesellen gebrauchen könne. »O ja!« sprach der Meister, wenn du fleißig sein willst und eine goldene Sonne, einen goldenen Mond und einen goldenen Stern zu schmieden verstehst, so kommst du mir schon recht, Gesell ! Denn die drei Dinge hat der König gestern bei mir bestellt und sagte, seine Töchter plagten ihn und ließen ihm keine Ruhe den ganzen Tag, weil sie durchaus eine goldene Sonne, einen goldenen Mond und einen goldenen Stern haben wollten. Nun bin ich in Verlegenheit, weil das Ding Eile hat, ich dergleichen aber nie gemacht habe, auch wohl nie zu Stande bringen werde.« »Seid ohne Sorgen, Meister«, sprach Muschetier; »darauf ver- stehe ich mich, denn das ist gerade mein Fach«; und verdingte sich also bei dem Goldschmiede. Am andern Tage ging er, die Arbeit anzugreifen, in die Werkstätte, schloß aber die Thür hinter sich zu, »denn.« sprach er, »beim Ar- beiten muß ich ungestört sein, das ist so meine Art«. Es währte nicht gar zu lange, so trat er wieder hervor, trug die goldene Sonne, den goldenen
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Mond und den goldenen Stern in seinen Händen, sie dem Meister zu zeigen, der den Gesellen ob seiner Kunst höchlich loben mußte. »Nun will ich auch selber damit zum Könige, daß ich sehe, ob er noch etwas daran zu ändern habe«, sprach Muschetier, zog sich sauber an und ging auf des Königs Schloß. Als er nun vor den König gelassen wurde, so waren des Königs drei Töchter auch da, denen überreichte er die goldene Sonne, den goldenen Mond und den goldenen Stern, und als sie die drei Dinge und den Mann, der sie brachte, genauer ansahen, erkannten sie ihn, waren voller Freuden und sprachen zu ihrem Vater, dem Könige: »Lieber Vater, wir können nun und nimmermehr verschweigen, daß dies der Mann ist, der uns aus der Gefangenschaft der Riesen erlöst hat; die andern zwei aber haben mit Unrecht Dank und Lohn dafür genommen.« Da ließ der König Grenadier und Pumpedier vor sich fordern, schalt sie tüchtig aus und befahl, ihnen ihr Geld wieder abzunehmen und sie darnach in den festen Thurm zu werfen. Muschetier aber wurde ein angesehener Herr an des Königs Hofe und hundert Jahre alt. (Das ist aber in alten Zeiten gewesen, wo die Jahre noch kürzer waren als jetzt.)
16. Der dumme Hans.
Es ist einmal ein Junge gewesen, der w?ar ein rechter dummer Hans, aber sonst ganz ordentlich und fleißig. Den schickte eines Tages seine Mutter in das nächste Dorf, wo seine Base gerade Hochzeit hielt, und sagte, als er wegging, zu ihm: »Hans, mein Junge,« hat sie gesagt, »nun mach dich nur recht lustig auf der Hochzeit, komm aber nicht zu spät wieder heim.« »Seid ohne Sorge, Mutter,« sprach Hans, »ich will lustig sein, daß es eine Art haben soll,« nahm seinen Hut und ging die Straße hin dem Dorfe zu. Als er aber vor seiner Base Haus kam, war darin eine Brunst entstanden und schlug die helle Lohe schon zum Dache heraus, so daß die Hochzeitsgäste hin und her rannten vor Schrecken und in großer Verwirrung. Da lief Hans eilig herzu, schwang lustig seinen Hut und schrie in einem fort: »Ju! Hochzeit I« Das verdroß aber die Leute sehr; darum riefen sie: »Stopft doch dem Narren das Maul; er will uns hier wohl noch gar zum besten haben.« Es waren auch gleich einige handfeste Männer bereit, die faßten Hans am Kragen und prügelten ihn, daß er schreiend aus dem Dorfe lief, auch nicht eher wieder zu lauten aufhörte, bis er bei seiner Mutter war. »Schon wieder da, Hans?« hat die Mutter gesagt. »Hat's dir auf der Hochzeit nicht gefallen?« »Ach ja, Mutter, das schon,« sagte Hans; »aber als ich hinkam, da brannte meiner Base Haus, und da habe ich in einem fort geschrien: ju! Hochzeit! ju! Hochzeit! und da haben mich die Leute geprügelt und da bin ich weggelaufen«. »Das war nicht recht, Hans,« sagte die Mutter; »da hättest du rufen müssen: He, Feuer, Feuerl Wasser her! Wasser her!« s Gut Mutter,« sprach Hans, »wenns wieder
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so kommt, will ich's schon besser machen.« Nun schickte ihn nach einiger Zeit die Mutter in die Stadt, beim Bäcker Brod zu kaufen ; als er da die Glut im Backofen bemerkte, fing er gleich groß Geschrei an: »Feuer! Feuer! Wasser her! Wasser her!« griff auch in Eile den ersten besten Eimer und goß Wasser damit in die Flamme. Auf den Lärm sammelte sich bald eine große Menge Menschen mit Feuereimern, den Brand damit zu löschen; wie die sahen, daß sie gefoppt waren und nirgends Feuer war, außer im Backofen, prügelten sie den Hans zur Stadt hinaus, daß er heulend zu seiner Mutter lief. »Ei, Hans, was heulst du denn so?« fragte ihn die; »hat der Bäcker kein Brot gehabt?« j Das schon,« sagte Hans; »aber als ich hinkam, sah ich den Backofen, der brannte lichterloh, da habe ich geschrien: He Feuer! Feuer! Wasser her! Wasser her! und da sind die Leute herzugelaufen und haben mich zur Stadt hinaus geprügelt.« »Ich sehe wohl ein, Hans,« hat darauf die Mutter gesagt, »es wäre für dich das beste, wenn du eine Frau nähmest.« »Schon recht! Mutter!« sprach Hans; »wenn nur eine käme.« Da ist Hansens Mutter aus- gegangen und hat auch bald eine gefunden, die den Hans wohl nehmen wollte ; aber vorher wollte sie ihn erst sehen und auch die ganze Hausgelegen- heit. Wie nun der nächste Sonntag war, fegte die Mutter das Haus und streute weißen Sand, und als die Braut ankam, brachte die Mutter das Essen herein; den Hans aber schickte sie mit dem Kruge in den Keller, für die Braut einen frischen Trunk zu holen. Nun saß vorn an im Keller eine Gans auf einem Nest voll Eier und brütete. Wie der Hans an ihr vorbei gehen wollte, machte die Gans den Hals lang und zischte, wie Gänse thun. »Sieh mal!« sagte Hans, »du wolltest wohl beißen!« drehte sich um und klapps! gab er ihr mit dem Kruge einen auf den Kopf, daß sie auch gleich todt war. Da freute sich Hans, daß die Gans nicht mehr beißen konnte und sagte: »Um die alte Gans ist es mir gar nicht zu thun; aber wer soll nun die Eier aus- brüten!« Da fiel ihm ein, daß in der Kellerecke ein Faß mit Honig stand; er zog darum eilig seine Kleider aus, kletterte in das Faß und drehte sich in dem Honig um und um; dann rupfte er die Gans, wickelte sich in die Federn und setzte sich schnell auf die Eier, um sie selber auszubrüten. Mit dem, so guckt die Braut in den Keller, zu sehen, warum Hans mit dem Bier so lange außen bleibt. Da sah sie denn den wunderlichen Vogel auf dem Neste sitzen, der zischte und schnatterte wie eine Gans. Als das die Braut sah, klappte sie schnell die Thüre zu und ist aus dem Hause gelaufen.
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17. Der kluge Bauer.
Eines schönen Tages pflügte ein Bauer seinen Acker, welcher an einem Bache lag, und als er eben wieder wenden wollte, hörte er, daß in dem Bache etwas knurrte und plätscherte. Wie er nun näher hinzutrat, so sah er, daß
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es ein Fuchs und ein Hecht waren, die hatten einer den andern halb ein- geschluckt. »Ei,« dachte der Bauer, »das ist doch lustig; das wäre ein Spaß für den König; wenn du die zwei so zum König brächtest, so würde er dir gewiß ein gutes Trinkgeld geben.« Der Bauer, der kein Dummer war, fing sich den Fuchs und den Hecht, steckte sie in einen Sack und brachte sie, weil sie nicht von einander loskommen konnten, in dieser drolligen Lage zu des Königs Schloß. »Wohin?« rief die Schildwache, welche den Bauern in seinem schlechten Zeuge nicht durchlassen wollte. »Ich will dem König einen Fuchs und einen Hecht bringen, die haben sich einander halb eingeschluckt.« »Wenn das ist,« sagte die Schildwache, »so geh nur hinein, da wird dir der König gewiß ein gutes Trinkgeld geben; aber gieb mir auch was ab.« »Recht gern,« antwortete der Bauer, »du sollst die Hälfte abhaben.« Wie er nun weiter ging, so stand da noch eine Schildwache, die wollte ihn auch nicht durchlassen; als er ihr aber die Hälfte seines Trinkgeldes versprach, ließ sie ihn hineingehen.
Der König saß gerade mit seinen Herren und Damen zu Tische; der Bauer klopfte an und der König rief herein ! Da ging der Bauer in die Stube, that sein Sack auf und sagte, »daß er ihm da wohl einen Fuchs und einen Hecht bringen wollte, die hätten sich halb eingeschluckt, i So was hatte nun der König in seinem Leben noch nicht gesehen, und auch alle die Hotieute nicht, darum mußten sie herzlich darüber lachen. »Hier, Bauer,« sagte der König, und schenkte ihm ein Glas Wein ein, »hier trinke Er erst mal, denn der Weg ist Ihm doch gewiß sauer geworden.« »Mit Verlaub, Herr König,« antwortete der Bauer; »von den Beestern da sind mir die Hände so naß und dreckig geworden, daß ich mich wohl erst ein bischen abtrocknen möchte.« Da rief der König gleich eins von den jungen Hoffräulein und sagte: »He! Jungfer! Hole sie doch dem Manne mal ein Handtuch; sie weiß ja wohl, in meiner Kammer gleich rechts hinter der Thür, da hängt eins am Haken.« So- gleich ist das Fräulein hingelaufen, und als sie wiederkam, hatte sie das Hand- tuch über die Schulter gehängt; da faßte der Bauer den einen Zipfel, trocknete seine Hände daran ab und trank das Glas Wein aus, was ihm der König ein- geschenkt hatte.
»Mein lieber Freund,« sprach nun der König, »mit den beiden Thieren hat er mir ein großes Vergnügen gemacht; nun bitte er sich auch eine Gnade aus.« »Wenn Ihr mir was schenken wollt, Herr König,« antwortete der Bauer, »so gebt mir hundert Stockprügel.« »Gut,« sprach lachend der König, »wenn 's weiter nichts ist, die sollen ihm gleich ausbezahlt werden.« »Mit Verlaub,« sagte der Bauer; »ich darf sie nicht mehr annehmen, denn vorhin habe ich sie schon an Eure beiden Schildwachen verschenkt, die da unten im Hofe stehen.« Über diesen Einfall des Bauern mußte der König herzlich lachen und sprach: »Er ist ein drolliger Gesell, das muß ich sagen, darum bitte er
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sich noch eine andere Gnade aus, sie soll ihm gewährt sein.« »Nun,« sagte der Bauer, »so schenkt mir den Nagel, an welchem das Handtuch gehängt hat, worin ich mich vorhin abgetrocknet habe.« »Die Bitte soll dir gewährt sein,« sprach der König. Da faßte der Bauer das junge Hoffräulein bei der Hand, über dessen Schulter das Handtuch gehängt hatte, und sagte: »Seht, Herr König, dies ist der Nagel, woran vorhin das Handtuch hing, die soll meine Frau werden.«
Weil sich nun das Fräulein gewaltig sträubte und den Bauern nicht haben wollte, so machte ihn der König, um sein Wort zu halten, zu einem Edel- mann; da nahm sie ihn.
18. Des Todtengräbers Sohn.
Es war einmal ein armer Kulengräber (Todtengräber), der hatte einen einzigen Sohn mit Namen Fritz, und ist da auch ein reicher Bürgermeister gewesen, der hatte eine einzige Tochter, die hieß Karoline. Weil nun die beiden Kinder zusammen in die Schule gingen und täglich bei einander waren, auch gleiches Alter hatten, so wurden sie sich von Herzen gut. Die Jahre kamen und vergingen, die Kinder wurden groß, aber ihre Liebe blieb dieselbe. Das war aber dem Vater des Mädchens gar nicht recht, daß sie sich zu so einem armen Jungen hielt, dessen Vater nur ein Todtengräber war. Er machte dem Fritz das Leben sauer, wie und wo er nur konnte, und verbot seiner Tochter zuletzt auf das strengste, mit ihm zu verkehren und zu sprechen, sodaß die zwei sich nur zuweilen heimlich sehen konnten. Da dachte der Fritz endlich: »Ich will nun in die weite Welt gehen, ob ich nicht da mein Glück machen und Geld erwerben kann ; so geht es doch nie und nimmer gut.« Und als er nun zum letzten Mal zu seiner Karoline ging, ihr Lebe- wohl zu sagen, fing sie bitterlich zu weinen an und gab ihm einen Ring und sagte, daß er sie doch nicht vergessen möchte, wenn er nun so weit in der Fremde wäre. »Nie und nimmer will ich dich vergessen«, 'hat er da gesagt; »ich gehe nun nach Spanien, das ist ein weiter, weiter Weg; darum versprich mir, daß du mir sieben Jahre lang treu bleiben willst; bin ich dann nicht zurück, so bin ich todt und komme niemals wieder«. Das haben sich die zwei fest versprochen und haben mit Weinen von einander Abschied genommen ; der Fritz ist dann fortgewandert auf dem Wege, der nach Spanien geht.
Gegen Abend kam er zu einem Schlosse, drinnen wohnte ein alter Ritter mit seiner Frau, die nahmen ihn freundlich auf und gaben ihm Her- berge. Er erzählte ihnen, als sie zu Tische saßen, wie es ihm so traurig er- gangen sei, und daß er nun hinwollte nach Spanien, ob er da nicht sein Glück machen könne. Weil er nun so offen und treuherzig war, gewannen ihn der Ritter und seine Frau lieb, und da sie keine Kinder hatten, so behielten
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sie ihn bei sich als ihren Sohn, gaben ihm gute Kleider und ließen ihn in allem unterrichten, was einem Rittersmann zukommt.
Über eine Zeit, so ging die Kunde, der König von Spanien, der schon alt und des Regierens müde sei, hätte eine Krone ausgehängt, wer die in vollem Jagen herunterstäche, der sollte Vizekönig von Spanien sein und des Königs Tochter zur Frau haben. Da bat Fritz seine Pflegeeltern, daß sie ihn möchten nach Spanien an des Königs Hof ziehen lassen, denn das Kronen- stechen hätte er doch gar zu gerne mitgemacht. »Wer weiß, ob es dir nicht glückt,« dachte er und bat so lange, bis ihm der Ritter ein Pferd gab und ihn ziehen ließ. So ritt er denn fort auf dem Wege, der nach Spanien geht, und als er dort ankam, da hatten sich schon alle Ritter im Stechen versucht, aber keiner hatte die Krone erlangen können. So war er der letzte an der Reihe, und richtig! es gelang ihm, die Krone herunterzustechen. Da wurde er zum Vizekönig von Spanien gemacht und sollte des Königs Tochter haben.
Es waren aber zu der Zeit gerade die sieben Jahre herum, darum sprach er: »Ehe die Hochzeit ist, will ich noch einmal in meine Heimath zu meinem alten Vater reisen.« Des war der König zufrieden. So zog er denn fort in seine Heimath, und als er da ankam, war es Abend ; da kehrte er in dem ersten Gasthofe ein, der des Bürgermeisters Hause gerade gegenüber lag. Dem Bürgermeister sein Haus war aber ganz hell erleuchtet und war Musik darin und wurde getanzt. Da fragte er den Wirth, was denn das zu be- deuten hätte, daß es in dem Hause da auf der andern Seite so lustig herginge. »Das kommt daher,« antwortete der Wirth, »daß unsers Bürgermeisters Tochter heute Hochzeit hält.« Da fragte er weiter, ob er es als Fremder wohl wagen könnte, auch mal hinüber auf die Hochzeit zu gehen. »Das könnt Ihr nur dreist thun,« sagte der Wirth, »so einen feinen, reichen Herrn, wie Ihr seid, wird man da gerne sehen.« So ging er denn auf die Hochzeit; aber von den Leuten, die da waren, kannte ihn keiner wieder und alle freuten sie sich, daß so ein vornehmer Herr ihnen die Ehre anthäte, bei ihnen einzusprechen. »Ist es wohl erlaubt,« fragte er da, »mit der Braut einen Tanz zu machen?« »Ei ja wohl«, sprachen alle, »das wird der Braut eine große Ehre sein.« Da ging er hin zu den Musikanten und bestellte seinen Lieblingswalzer, den er sonst mit seiner Karoline immer so gern getanzt hatte, und als er sie nun zum Tanze holte und die Musik den Walzer zu spielen anfing, wurde sie ganz still und dachte bei sich: »Es ist doch sonderbar, daß dieser fremde Herr mich gerade heute an meinen Fritz erinnern muß, der doch gewiß schon lange todt ist; nun ich seinen Lieblingswalzer spielen höre, wird mir ordent- lich das Herz schwer;« aber doch erkannte sie ihn nicht. Als nun der Tanz zu Ende war und der fremde Herr wieder fortgehen wollte, drückte er der Braut ein Papier in die Hand, und als sie das aufmachte, so lag darin der
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Ring, den sie ihrem Fritz vor sieben Jahren gegeben hatte, als sie von ein- ander Abschied nahmen. Sowie sie aber den Ring erkannte, wurde sie ganz blaß und fiel für todt auf den Boden hin. Da nahm die Hochzeit ein trauriges Ende. Fritz aber ging zu seinem Vater und gab sich ihm zu erkennen und erzählte ihm, daß er nun Vizekönig von Spanien sei; das ist dem alten Manne eine große Freude gewesen.
Den andern Tag wurde Karoline in ihrem Sarge in das Todtengewölbe ge- bracht, denn sie war nicht wieder zum Leben zurückgekommen. Mittlerweile kam ein Bote von Spanien, der brachte die Nachricht an Fritz, die Königs- tochter wäre plötzlich gestorben und der König wollte nun die Regierung ganz abtreten ; darum solle er doch schnell nach Spanien zurückkommen. Weil er aber, ehe er fortreiste, seine liebe Karoline doch noch zum letzten Male sehen wollte, so ging er mit seinem Vater, der den Schlüssel zu dem Todtengewölbe hatte, in der Nacht dahin ; da lag sie still in ihrem Sarge, und als er sich nun weinend über sie beugte, um sie zu küssen, fühlte er mit einem Male, daß sie noch leise Athem holte. Da brachte er sie mit seinem Vater aus dem kalten Gewölbe ins Haus, und in der Wärme kam sie nach und nach wieder ins Leben zurück; und als sie ihren Fritz erkannte, fielen sie sich beide um den Hals und weinten vor Freude, daß sie sich nun endlich wieder hatten.
Den folgenden Tag mußte Fritz wieder fort nach Spanien ; seine Karoline ließ er aber bei seinem Vater und sagte ihr, daß sie da heimlich bleiben sollte, bis er wieder käme. Es verging ein Jahr und ein Tag, da kam er zurück und veranstaltete ein großes Gastmahl, dazu ließ er auch den Bürgermeister einladen, und als sie zu Tische saßen, sagte er, er wolle ihnen mal ein Gleichnis aufgeben, darüber sollten sie ihm alle ihre Meinung sagen. »Es war mal ein Gärtner,« sprach er da, »der hatte eine wunderschöne Blume; die Blume verwelkte, und der Gärtner riß sie aus und warf sie aus seinem Garten. Nun kam des Wegs ein Mann, der fand die Blume, nahm sie mit und pflanzte sie in seinen Blumengarten, und weil er sie pflegte und wohl begoß, so wurde die Blume wieder frisch und schön wie vorher. Nun sagt! Wem kam die Blume zur Dem Gärtner, der sie aus seinem Garten warf, oder dem Manne, der sie fand und pflegte, bis sie wieder frisch und grün geworden war?« Da sagten sie alle, daß dem die Blume gehörte, der sie gefunden und gepflegt hätte. »Nun denn,« sagte er, »so will ich Euch die Blume zeigen!« und indem so machte er die Thür auf und ließ seine Karoline hereinkommen. Seht her! dies ist die Blume, die ich fand und pflegte und wieder ins Leben brachte, als sie verwelkt war; nun will ich sie auch behalten, so lange icli lebe.«
Da nahm er sie mit in sein Königreich und lebte glücklich mit ihr bis an sein Ende.
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i9- Rettungsräthsel.
Es war einmal ein Mädchen, das wurde unschuldig zum Tode verurtheilt, und weil es so viel jammerte und wehklagte, so sagten die Richter endlich, wenn es ihnen ein Räthsel aufgäbe, was sie nicht errathen könnten, so sollte ihm das Leben geschenkt sein. Das Mädchen sann und sann, aber wie viel es sich auch besinnen mochte, es wollte ihm gar nichts Schweres einfallen. So wurde es denn zu der bestimmten Stunde ohne Gnade auf den Wagen gesetzt und sollte nach dem Galgen gefahren werden. Wie sie nun so aut dem Wagen saß und ganz an ihrer Rettung verzweifelte, da sah sie auf ein- mal in der Luft zwei Raben fliegen, die trugen eine Maus und rissen sich darum, denn keiner wollte die Maus loslassen. Da sagte das Mädchen, als es auf dem Galgenberge angekommen war, zu seinen Richtern, sie hätte sich nun auf ein Räthsel besonnen, das wollte sie ihnen jetzt aufgeben; ob sie das wohl rathen könnten :
Sorge satt up'n wagen,
Sach zwei den dritten dragen ;
Drei Koppe un acht beine
Hatten se in's gemeine. Da riethen die Richter hin und her, aber was sie auch rathen mochten, sie konnten es nicht herausbringen und sagten endlich: »Das bringen wir unsere Lebtage nicht heraus; darum sage nur, was dein Räthsel bedeutet.« Da sprach das Mädchen: »Weil Ihr denn mein Räthsel nicht rathen könnt, so will ich es Euch sagen und deuten! Sorge satt up'n Wagen, das bin ich, denn ich war in Sorge um mein Leben, als ich auf dem Wagen saß; sach zwei den dritten dragen, das sind zwei Raben, die ich mit einer Maus in der Luft fliegen sah, und die haben zusammen drei Köpfe und acht Beine, darum habe ich gesagt, drei Koppe un acht beine hatten se in's gemeine.
Da mußten die Richter das Mädchen freigeben und konnten ihm nichts mehr anhaben, weil sie sein Räthsel nicht errathen hatten.
20. Die launische Ziege.
Wenn use Gretwäsche des winter abends satt un spunt, säo säen wi kinder jümmer. »no, gretwäsche, nu verteilt üsch äis 'ne geschiente.« »Och, bälger, säe se denn; latet mi doch mettäme, ji wiätet jo wol, dat eck denn jümmer säo viel häosten mot.« Awerst wi kinder plagen se doch säo lange, bet se ter lest an täo verteilen fong. Do hat se üsch ök äis verteilt, et wöre äis en kerel ewäsen, de hat dräi jungens un ök ene ziegen hat. Do hat häi täo den ölsten jungen esegt, häi schölle de ziegen ütn stalle krigen un er meh int greune täihen un se da höen, bet se orntliken satt wöre. De junge is met
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der ziegen 6k los etägen, un hat se den ganzen dag ehott, un ans et bolle abend wert, segt häi: »No, ziege! nu frett noch'n bieten.« »Ne,« segt de ziege do:
»Eck bin säo satt, Eck mag näin blatt.« »No, denn kumm her, denn willt wi na hüs gaen«, säe de junge un tög mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkam, säo fraget de väer de ziegen: »of se denn nü ök ornt- liken satt wöre«. »Ne!« säe de ziege.
»Dar satt noch'n blatt; Harr eck datt noch 'e hatt Säo wör eck satt.« »I,« segt do de kerel, »säo schall doch den jungen dütt un datt!« krigt sine älen un prügelt den jungen orntliken dör.
Den andern dag mot de twäite junge mit der ziegen los un hat se ök den ganzen dag ehott, un ans et bolle abend weren will, säo segt häi täo siner ziegen: »No ziege! nu frett noch en bieten, ehr et düster werd.« »Ne!« segt de ziege do:
»Eck bin säo satt, Eck mag näin blatt.« »No, denn kumm her, denn willt wi na hüs gaen,« segt de junge, un tut mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkumt, säo fraget de väer de ziegen : »of se denn nu ök orntliken satt wöre.« »Ne,« säe de ziege:
»Dar satt noch'n blatt, Harr eck dat noch 'e hatt Säo wör eck satt.« »I,« segt do de kerel, »säo schall doch den jungen dütt un datt!« krigt sine älen un prügelt minen läiwen jungen orntliken dör.
Den drüdden dag moste de drüdde junge met der ziegen lös. »Eck wicke et di awer,« säe de kerel, »kummst du mi mit der ziegen in, un se is nich satt, säo gift et hibe.« Do hodde de junge de ziegen den ganzen dag, un ans et bolle abend weren wolle, säo segt häi: »No, ziege! nu frett noch en bieten, ehr et düster werd; dat du hernah orntliken satt bist.« »Ne!« segt de ziege:
»Eck bin säo satt, Eck mag näin blatt.« »No, denn kumm her,« segt de junge; »denn willt wi na hüs gaen,« un tög mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkummt, säo fraget de väer de ziegen: »of se denn nu ök orntliken satt wo it. »N6!« säe de ziege:
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»Dar satt noch 'n blatt, Harr eck dat noch 'e hatt Säo wör eck satt. »I,« segt dö de kerel: »säo schall doch den jungen dütt un datt,« krigt sine älen van der wand un prügelt minen läiwen jungen orntliken dör.
Den andern dag denket de kerel: »du schost doch äis sülbenst mit der ziegen losgäen, dat dat arme bäist doch äis orntliken satt werd.« Des cren- dages tut häi los un hot de ziegen bet et abend werd, dö segt häi: »No, ziege, nü frett noch'n bieten, dat du orntlicken satt wärst.« »Ne,« segt de ziege.
»Eck bin säo satt, Eck mag näin blatt.« »No, denn kumm här,« segt de kerel, »denn will wi na hüs gäen,« un trecket mit siner ziegen na hüs.
Ans häi nu inkam un sine ziege anbund, do säe häi: »Nich wahr, ziege,« sägt häi, »vandäge bist du doch äis orntliken satt ewören?« »Ne,« säe de ziege do ök weer:
»Dar satt noch 'n blatt, Harr eck dat noch 'e hatt Säo wör eck satt.« »Verdammte ziege,« säe do de kerel; »eben haste di den balg säo dicke fräten, dat du näin blatt mehr möchtest; un nü segste, du bist nich satt? Ja, teuf man, eck will di betälen!« Do läip de kerel hen un häole sine scheren un snet der ziegen up äiner halwe alle häre van'n balge, un ok dat äine ohr snct he ör af, un ans he dat e däen harre, do nam häi sine älen un klappe mine läiwen ziegen üt'n hüse herüt.
De ziege, de nü ganz verschändet was un sick säo vär näinen minschen säien läten möchte, läip int holt un kämm an'en vosslock un dachte, da wolle se sick inne verstäken. Do räip de voss:
»Halb geschoren, halb ungeschoren! Wer herein kommt Dem rutsch ich, Dem stutz ich Den stuppstert Vorm ase weg!« Do wörd de ziege bange, dat se ören stuppstert ök noch missen schölle, un fong en lopen an un läip jümmer täo in de wie weit henin, un wenn se noch nich up ehört hat, säo lopt se vandage noch.
Die launische Ziege
(hochdeutsch). Es ist mal ein Schneider gewesen, der schaffte sich eine Ziege an. Er
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hatte dreijungens, denen befahl er, einem nach dem andern, sie zu hüthen, draußen an der Hecke, bis sie satt sei. Das thaten sie denn auch mit allem Fleiß, und jedesmal, ehe sie aufhörten mit Hüthen, fragten sie ausdrücklich, ob sie genug hätte, und jedesmal gab die Ziege zur Antwort, sie wäre so satt, daß sie kein Blatt mehr möchte; kamen sie aber nach Hause mit ihr und der Vater fragte nach, dann sagte sie immer das Gegenteil. Auf die Bengels ist kein Verlaß, dachte der Schneider, ich muß selbst mit ihr los. Als er nun meinte, sie hätte sich dick gefressen, fragte er doch noch der Sicherheit wegen: »Na Ziege, bist du nu satt?«
Eck bin säo satt, eck mag näin blatt, versicherte die Ziege. Als er aber mit ihr nach Hause kam und nochmals die nämliche Frage stellte, fing das launische Vieh an zu meckern und schrie:
Neu
Dar satt noch 'n blatt, harr eck dat noch ehatt, säo wör eck satt. Das war dem Meister denn doch zu bunt. Er wurde kraus, nahm seine große Schere, schor die Ziege auf einer Seite rattenkahl, schnitt ihr ein Ohr ab und prügelte sie mit seiner Elle bis in den Wald hinaus. Hier wollte sie sich verstecken in einer Höhle, aber im Hintergrund saß der Fuchs und rief ihr drohend entgegen:
Halbgeschoren, halbungeschoren, wer herein kommt, dem rutsch ich, dem stutz ich den stuppsteert (Stumpfschwanz) vor'm ase weg. Da kriegte sie's mit der Angst, daß sie den Schwanz auch noch missen sollte, und fing zu laufen an, immerzu in die weite Welt hinein, und wenn sie nicht aufgehört hat mit Laufen, dann läuft sie noch heute.
21. Des Kaufmanns Sohn.
Es hatte ein Kaufmann einen einzigen Sohn und auch eine Tochter. Der Sohn war aber ein Erztaugenichts, und weil er gar nicht gut thun wollte, so schickte ihn sein Vater zuletzt unter die Soldaten, da, meinte er, würden sie ihm schon Ordnung lehren.
Es dauerte nicht lange, so schrieb der Junge nach Haus: er wäre Offizier geworden und da müsse er sich denn die theure Uniform an- schaffen, darum möchte ihm sein Vater doch etwas Geld schicken. »Der Junge macht sich,« dachte der Vater und schickte ihm hundert Thaler hin. Er war aber nicht Offizier, sondern noch gemeiner Soldat und ein Tauge-
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nichts vor wie nach, nahm die hundert Thaler und verthat sie auf die leicht- sinnigste Weise.
Als das Geld nun zu Ende war, schrieb er an seinen Vater einen zweiten Brief, da stand drin: er wäre jetzt General geworden, darum möchten sie ihm von Haus doch etwas Geld zukommen lassen. »Der Junge kommt doch recht empor,« dachte der Vater und schickte ihm hundert Thaler hin. Aber der Junge, der noch immer gemeiner Soldat war, verbrachte das Geld in kurzer Zeit und machte noch Schulden obendrein.
Weil er nun nicht aus noch ein wußte, so schrieb er zum dritten Male an seinen Vater: er wäre jetzt König geworden, aber die erste Einrichtung koste viel Geld, darum sollte ihm sein Vater doch mit etwas Geld unter die Arme greifen. »Das kommt mir doch etwas sonderbar vor, daß der Junge nun gar König geworden ist, c dachte der Alte; »ehe ich ihm darum das Geld schicke, will ich doch erst mal nähere Erkundigungen einziehen.«
Da saß nun der Junge und wartete, aber es kam kein Geld und kam kein Geld, und weil er nun seine Schulden nicht bezahlen konnte, auch sonst seinen Dienst nicht ordentlich versehen hatte, so wurde ihm mit Schimpf und Schande der Abschied und eine alte zerrissene Soldatenuniform mit auf den Weg gegeben. So ging er in die weite Welt und hatte nichts zu beißen und zu brechen.
Eines Abends kam er an den Garten des Königs; da sah er, daß ein Apfelbaum darin stand, der hing voll der schönsten Äpfel, und weil er hungrig war, so hätte er gar zu gern einige von den Äpfeln haben mögen. Es ging aber um den Garten eine hohe Mauer und war nur eine einzige Thür darin, und als er da hindurch schleichen wollte, um zu dem Apfelbaume zu gelangen, so stand quer davor ein Bett und lag des Königs Tochter darin, die mußte jede Nacht bei den Äpfeln Wache halten, daß keiner davon gestohlen würde. Da fing er mit ihr ein Gespräch an und fragte, ob es nicht erlaubt wäre, von den Äpfeln einige zu essen? »Nein!« sagte die Königstochter; »aber wenn du diese Nacht bei mir bleiben und mir Gesellschaft leisten willst, so will ich es dir wohl erlauben.« Das versprach der Junge und aß von den Äpfeln so viel er nur mochte. Dann setzte er sich zu der Königstochter aufs Bett und vertrieb ihr die Zeit und blieb bei ihr die ganze Nacht. Das war ihr aber eine große Freude, denn sie fürchtete sich und hatte Langeweile, wenn sie des Nachts so allein im Garten liegen mußte, und da gefiel ihr der Junge so gut, daß sie ihm des Morgens heimlich schöne Kleider gab und zu ihrem Vater dem König ging und ihm sagte, es wäre da ein schöner vor- nehmer Herr angekommen, den möchte sie um alles in der Welt gern zum Manne haben. Erst wollte es der König gar nicht zugeben; das Mädchen plagte aber so lange, bis er doch endlich ja sagte.
Als der Junge nun die Königstochter geheirathet hatte, sagte er eines
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Tages, er wolle mal in seine Heimath zu seinen Eltern reisen, nahm zwei Jäger zu seiner Begleitung und auch viel Geld und schöne Kleider mit. Des Abends kamen sie in einen Wald und verirrten sich; da stieg der eine Jäger auf einen hohen Baum, und als er von da aus in der Ferne ein Licht schimmern sah, gingen die drei in der Richtung weiter und gelangten auch zu der Stelle, wo das Licht brannte, und da sahen sie, daß sie in eine Mördergrube ge- kommen waren. »Von hier geht kein Weg wieder zurück,« sprachen die Räuber; > ihr müßt nun sterben!« Sie führten auch die beiden Jäger gleich auf die Seite, daß sie sie umbrächten, aber ihrem Herrn nahmen sie Geld und Kleider ab und stießen ihn fasernackt in den Wald hinaus. Er mußte lange irren, ehe der Wald licht wurde, und als er nun endlich auf das freie Feld kam, fand er da einen Schäfer in seinem Karren liegen, den sprach er an um einige alte Kleider, seine Blöße damit zu bedecken. »Meine Kleider habe ich selbst groß nöthig,« sprach der Schäfer; »aber in voriger Nacht ist mir ein Schaf gestorben, dem habe ich das Fell abgezogen, das ist alles was ich dir geben kann.« Da bedankte er sich bei dem Schäfer, hing das Fell um seine Schultern und kam so in seines Vaters Hause an. Aber seine Angehörigen erkannten ihn nicht wieder und als er nun sagte, wer er wäre und daß er eine Königstochter geheirathet hätte, da wurde sein Vater zornig und sprach: »Du bist nie und nimmer mein Sohn! Hinaus mit dir, du Bettler! Bei den Hunden im Stalle, da kannst du dein Futter kriegen.« Und als er das gesagt hatte, ließ er ihn zu den Hunden in den Stall werfen, da mußte er Knochen nagen und nur seine Schwester, die den armen, halbnackten Menschen be- dauerte, brachte ihm zuweilen heimlich etwas zu essen.
Die Königstochter saß derweilen daheim und wartete vergeblich, daß er wiederkäme. Da wurde ihre Sehnsucht nach ihm so groß, daß sie aufbrach, ihn in seiner Heimath aufzusuchen. Zu ihrer Begleitung nahm sie viele Jäger mit und kam mit ihnen abends in den Wald und zu der Mördergrube. Da sprach die Königstochter zu den Jägern: »Bleibt ihr jetzt noch zurück, ich will allein hineingehen, ob ich nicht meinen Mann da finde. Wenn ich euch aber ein Zeichen gebe, so kommt mir schnell zu Hülfe. « Da ging die Königstochter allein in die Mörderhöhle. »Von hier geht kein Weg zurück!« schrieen da die Räuber; du mußt nun sterben.« »Wenn ich denn mein Leben lassen muß,« sprach die Königstochter, »so laßt mich vor meinem Tode nur noch einmal eine Pistole losschießen, denn mein Leben lang ist die Jagd mein größtes Vergnügen ge- wesen.« Das erlaubten ihr die Räuber auch; und wie sie die Pistole abdrückte, so stürzten auch schon die Jäger herein, nahmen die Kerle gefangen und stachen sie todt, daß auch nicht einer mit dem Leben davon kam. Darauf suchten sie das Räubernest gehörig durch und fanden eine Masse Gold und auch die schönen Kleider ihres Herrn; das alles nahmen sie mit sich fort.
Als die Königstochter nun bei den Eltern ihres Mannes ankam, so fragte
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sie, ob sie nicht einen Sohn hätten. »Ja,« sagte der Vater; »aber der ist schon vor Jahren in die weite Welt gegangen und da gestorben und verdorben. Vor einiger Zeit kam freilich ein halbnackter Bettler, der sagte, er wäre mein Sohn und hätte eines Königs Tochter geheirathet; ich habe ihn aber zu den Hunden in den Stall sperren lassen. Da ließ sie sich hinbringen, wo er lag, und da war er ganz mit Schmutz bedeckt und sein Haar und sein Bart waren so lang und wüst geworden, daß sie ihn kaum wieder kannte. Da ließ sie ihn waschen und scheren und gab ihm seine schönen Kleider und da erkannten ihn auch seine Eltern und seine Schwester wieder. — Nachdem, so gingen sie miteinander zurück in ihr Königreich.
22. Der Königssohn mit der goldenen Kette.
Es war einmal ein Königssohn, der wollte ausziehen, die Welt zu sehen. Da ließ ihm sein Vater eine goldene Kette um den bloßen Leib schmieden und gab ihm auch noch Geld dazu. Danach nahm der Königssohn Abschied von seinem Vater und reiste fort.
Gegen Abend kam er in eine Stadt, da gingen die Glocken und als er fragte, was das zu bedeuten hätte, daß die Glocken geläutet würden, so wurde ihm gesagt, es wäre ein armer Mann gestorben, der wäre aber noch zehn Thaler schuldig und nun wollte der, der das Geld zu fordern hätte, es nicht zugeben, daß der Arme begraben würde, es käme denn einer und bezahlte das Geld für ihn. Da ging der Königssohn hin und erlegte das Geld, und der arme Mann, der schon lange über der Erde gestanden hatte, kam nun endlich zur Ruhe in seinem Grabe, und der Königssohn ging allein hinter dem Sarge her.
Nachdem so zog der Königssohn weiter und kam in einen finstern Wald, da begegneten ihm zwei Spitzbuben, die fragten ihn: wo denn die Reise hinginge. »Ich bin ausgegangen, das Stehlen zu lernen,« sagte der Königssohn. »Wenn du das lernen willst,« sagten die beiden, »so bist du hier gerade recht gekom- men, das verstehen wir aus dem Grunde gut. Geh nur mit, so sollst du es lernen.« Da nahmen sie ihn mit in ihre Höhle, und waren da im ganzen vierundzwanzig Spitzbuben zusammen, die hatten auch eine Königstochter bei sich, welche sie geraubt hatten und nun gefangen hielten.
Da sprach eines Tages der, welcher der Oberste war, es sollten drei Nächte hintereinander jedesmal acht aufs Stehlen ausgehen; wer dann das meiste mitbrächte, der sollte die Prinzessin zur Frau haben. Als sie nun die erste Nacht auszogen, ging der Königssohn seinen Weg für sich, trat hinter einen Baum und löste ein Stück von seiner goldenen Kette, die er um den Leib trug, und als nun die andern zurückkamen, da hatte er das meiste mitgebracht. Die zweite Nacht machte er es wieder so und die dritte Nacht
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auch, und weil er jedesmal das meiste mit zu Haus gebracht hatte, so kriegte er die Prinzessin zur Frau.
Die Prinzessin weinte aber so viel und war ganz unglücklich, daß sie einen Spitzbuben zum Manne haben und unter lauter Spitzbuben leben sollte ; da gab sich der Königssohn ihr heimlich zu erkennen und sagte: »Weine nur nicht mehr! Ich bin kein Spitzbube, wie du wohl denkst, sondern ein Königs- sohn und will dich aus deiner Gefangenschaft befreien, sobald es geht, und mit dir zu deinem Vater reisen.«
Er wurde nun ordentlich in die Bande aufgenommen und kriegte eine Flöte, darauf spielte er, wenn er zu Hause war und vertrieb der Königstochter die Zeit; zuweilen fuhr er in der Mittagszeit auch mit ihr spazieren, denn der oberste der Spitzbuben hatte eine Kutsche und vier Pferde und hatte es ihm erlaubt, zuweilen darin herumzufahren, aber nur ganz nahe bei dem Hause, damit sie ihn immer sehen konnten.
Nun traf es sich eines Tages, daß die Bande gute Beute gemacht hatte; da stellten sie ein Trinkgelage an und soffen so viel Wein, daß sie alle be- trunken wurden. Der Königssohn hatte aber nur gethan als tränke er mit, und als er nun sah, daß sie alle unter dem Tische lagen, da ging er hinaus, spannte die Pferde vor die Kutsche und jagte mit der Prinzessin, über Stock und Stein aus dem Walde hinaus und hörte nicht eher auf, bis er zu einer Stadt kam, die an der See lag. Über diese See mußten sie aber fahren, um wieder in ihre Heimath zu gelangen; darum beredeten sie sich mit einem Schiffskapitän, der mit seinem Schiffe da im Hafen lag, daß er sie mitnähme. Sie wurden mit dem Manne auch einig und gingen auf das Schiff, das zur Rückfahrt bereit lag. Da sie nun vom Lande gestoßen waren und auf die offene See kamen, da zeigte es sich, daß der Kapitän des Schiffes ein treuloser Mann war.
Er war aus dem Lande, wo die Prinzessin her wrar, und da hatte der König, ihr Vater, bekannt machen lassen, wer seine Tochter aus den Händen der Spitzbuben befreie, der sollte König werden und die Prinzessin zur Frau haben. Nun hatte aber der Schiffskapitän die Königstochter wieder erkannt, darum machte er heimlich einen Anschlag, wie er ihren Gefährten, der. sie befreit hatte, von der Welt schaffen könnte. Er beredete sich mit seinen Ma- trosen, daß sie ihn in der Nacht binden una in das Meer werfen sollten und verhieß ihnen, wenn sie das thäten, guten Lohn. Da waren die Matrosen auch bereit, banden ihn, als er im Bette lag, mit Stricken und wollten ihn über Bord in die See werfen ; er bat aber so viel, sie möchten ihm doch das Leben lassen, daß sie endlich nachgaben und einen alten Kahn losmachten, da setzten sie ihn hinein, gaben ihm altes lumpiges Matrosenzeug, weil er halb nackt war, und stießen den Kahn in die See hinaus. »Der wird uns sicher nicht verrathen, dachten sie; »wenn er nicht verhungert, so muß er doch ertrinken,
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DER SCHATZGRÄBER.
denn der alte Kahn wird nicht lange über Wasser bleiben.« Als sie nun dem Kapitän die Nachricht brachten, daß sie seinen Befehl ausgerichtet hätten, da mußte ihm die Königstochter einen heiligen Eid schwören, daß sie in ihrem Leben niemandem sagen wollte, was hier vorgefallen und daß ein anderer sie erlöst hätte. Danach so fuhren sie weiter und kamen glücklich ans Land und in die Stadt, wo die Königstochter her war; da gab sich der Kapitän für den Mann aus, der sie von den Spitzbuben befreit hatte und brachte sie zu dem Könige; der hatte eine große Freude, daß er seine Tochter endlich wiedersah.
Nun gut! — Der arme Königssohn, der fuhr aber derweilen auf der großen See in seinem Kahn. Zwar sein Geld und seine Flöte hatte er ge- rettet, aber was half ihm das, wenn er nichts zu essen hatte. Er meinte, er müßte elendiglich verhungern und hatte sich schon in sein Schicksal ergeben, als eines Nachts der Kahn an das Ufer stieß; da sprang er heraus und band ihn fest, und weil ihn der Hunger trieb, so stieg er auf einen hohen Tannenbaum, ob er nicht von da ein Licht erspähen könnte und so zu Leuten käme, die ihm etwas zu essen gäben; aber er mochte seine Augen anstrengen, wie er wollte, es zeigte sich nah und fern kein Licht. Da wurde er ganz muthlos und sprach : »Was hilft es mir nun, daß ich der See glücklich entgangen bin ; wenn ich hier in der Wildniß vor Hunger umkommen muß, oder den Spitzbuben wieder in die Hände falle. Hätten mich die Wellen verschlungen, so wäre das wohl für mich das Beste gewesen.« Indem daß er noch so klagte, gewahrte er, daß in seinem Kahn, den er am Ufer zurückgelassen hatte, sich etwas Weißes regte, und als er näher hinzutrat, so war es der Geist des armen Mannes, für welchen er die zehn Thaler bezahlt hatte, daß er konnte begraben werden. »Weil du so gut gegen mich gewesen bist«, sprach der Todte, »und hast mir ein ehrliches Begräbniß geben lassen, so will ich dich nun zum Dank schnell in die Stadt bringen, wo der Kapitän morgen mit deiner Frau Hochzeit halten will, wenn du dich nicht noch zur rechten Zeit einfindest.« Als der Todte das gesagt hatte, führte er den Königssohn in dem Kahne noch denselben Tag zu der Königsstadt bis zu einem Gasthause, welches dem Schlosse gerade gegenüber lag. Der Königssohn fragte die Wirthin, ob er nicht die Nacht dableiben und ein Zimmer haben könnte und forderte sich auch ein Glas Wein. Da sah ihn die Wirtin ganz verächtlich an, denn er war ganz schmutzig und trug noch sein zerrissenes Matrosenzeug; »geh nur weiter,« sprach sie, »dies ist hier keine Herberge für Leute deinesgleichen; ich habe das ganze Haus voll vornehmer Gäste, denn morgen ist Hochzeit gegenüber in des Königs Schloß.« Als er aber das Glas Wein mit einem Goldstücke bezahlte, da wurde die Wirtin auf einmal ganz freundlich und gab ihm auch ein Zimmer, wo er die Nacht bleiben konnte. Da ging der Königs- sohn hinauf, machte das Fenster auf und fing auf seiner Flöte zu spielen an.
Das hörte gegenüber im Schloße die Prinzessin, und an dem Tone und der Melodie erkannte sie, daß der gekommen war, welcher sie aus den Händen der Räuber befreit hatte. Da fing sie laut zu weinen an und ging zu ihrem Vater und fiel ihm mit Schluchzen rund um den Hals und konnte kein ein- ziges Wort hervorbringen. »Was fehlt dir denn, mein Kind,« fragte der König da; »daß du so traurig bist, und morgen ist doch dein Hochzeitstag?« »Ach, lieber Vater,« sprach die Prinzessin, »ich darf und darf es niemals sagen, was mich so traurig macht; das habeich schwören müssen.« »Nun!« sagte der König, »wenn du es nicht sagen darfst, so darfst du es doch schreiben« und ließ Feder, Tinte und Papier holen. Da schrieb sie auf, daß der, welcher in dem Gasthofe die Flöte spielte, sie von den Räubern erlöst hätte ; der SchifFs- kapitän aber wäre ein Betrüger und falscher Mann und gäbe sich mit Unrecht für ihren Befreier aus. Als das der König las, schickte er gleich einen von seinen Dienern hin, daß er den Mann holen sollte, der in dem Gasthofe ge- genüber auf der Flöte spielte. Wie aber der Diener hinkam und den Fremden darum ansprach, so that der ganz säumig und sprach; »Wenn dein Herr, der König, mich zu sprechen wünscht, so kann er selber kommen ; der Weg vom Könige zu mir ist nicht weiter als der Weg, welcher von mir zum Könige geht«. Mit der Antwort ging der Diener vor den König und sagte'ihm auch, was das für ein schmutziger Gesell wäre, der so verwegen gesprochen hatte. Da redete der König seiner Tochter zu, daß sie sich den Landstreicher sollte aus dem Sinne schlagen ; aber die Prinzessin wollte sich nicht eher zufrieden geben, bis ihr Vater selbst hinging und den Mann herüber in das Schloß holte. Da erkannten sich die beiden und fielen sich in die Arme, und dann erzählten sie dem Könige von der Treulosigkeit des SchifFskapitäns und wie das alles so gekommen war. Da gab der König den Befehl aus, daß der Kapitän zur Strafe von vier Ochsen sollte in Stücken gerissen werden ; den Königssohn aber vermählte er mit seiner Tochter und machte ihn zum Könige, und das ist er auch geblieben, bis er starb.
23. Der Königssohn Johannes.
Es war mal ein Königssohn mit Namen Johannes, der wollte auf Reisen gehn, und ob sein Vater gleich dawidersprach, weil er fürchtete, es könnte ihm unterwegs ein Unglück zustoßen, so ließ er sich doch nicht zurückhalten, sondern zog fort in die weite Welt hinein. Mit Anbruch der Nacht kam er in einen großen Wald zu einem Hexenhause, darin wohnte ein altes Weib mit ihrem Manne. Die Hexe war aber so bös geartet, daß sie alle drei Tage wenigstens einen Menschen fraß, den sie vorher in ihrem Backofen gebraten hatte. Als sie nun den schönen Königssohn in ihr Haus treten sah, da lachte ihr das Herz im Leibe, daß sie wieder einen guten Braten kriegte. »Du
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kommst von hier nicht wieder fort«, sprach sie zu ihm, und sollst mir tüchtig arbeiten.«
Den andern Morgen brachte sie ihn hinaus auf ein großes Feld, gab ihm einen Spaten und sagte: »Nun grabe mir das Feld; aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.« Damit ließ sie ihn allein und ging fort. Der Königssohn hatte aber nie in seinem Leben einen Spaten in der Hand gehabt, und nun sollte er in einem Tage das große Feld herumbringen. Darüber gerieth er so in Verzweiflung, daß er sich bitterlich weinend auf den Boden warf.
Nun hatte die Hexe noch ein Mädchen bei sich mit Namen Jette, das mußte dem Königssohn um Mittag was zu Essen bringen, und als sie hinkam, da lag er noch immer und weinte und hatte von seiner Arbeit noch nichts gethan. »Was weinst du denn?« fragte ihn das Mädchen. »Ach!: sagte er; »ich sehe wohl, daß ich die Arbeit doch nimmer fertig bringe, darum bin ich so traurig.« »Sei nur guten Muthes ■-, sprach das Mädchen da; wenn du mir ge- treulich beistehen willst, daß ich aus dem Hause der alten Hexe wegkomme, so will ich die Arbeit schon für dich fertig bringen. Du mußt wissen, ich bin keine gewöhnliche Magd, sondern eines Königs Tochter; aber das alte Weib hat unser Schloß verwünscht, da sind meine Brüder zu drei Riesen geworden, die werfen auf dem Schloßhofe mit Steinen, daß keiner hineinkann, und wenn sie niederwerfen, so werfen sie auf, und wenn sie aufwerfen, so werfen sie nieder. Ich selber muß bei der Hexe dienen als ihre Magd. Wenn wir aber fort wollen, so dürfen wür nicht lange mehr warten, denn von heut über drei Tage muß sie wieder Einen fressen und hat schon gesagt, sie wollte den Backofen heiß machen.« Da versprach der Königssohn dem Mädchen, daß er ihr gerne beistehen wollte, und wenn sie glücklich wegkämen, so wollte er sie zu seiner Frau nehmen. Das Mädchen hatte aber das Wünschen gelernt, und nun wünschte sie, daß das Land herum wäre, und wie sie das gethan hatte, so war auch die Arbeit geschehen. Der Königssohn legte sich nun hin und schlief, bis die Sonne hinunter war; dann ging er zu Hause und sagte, das Land wäre umgegraben. »Gut das ! < sagte die Hexe; morgen will ich dir mehr zu thun geben.«
Den andern Tag brachte sie ihn in den Wald zu einer allmächtig großen Buche, gab ihm eine Axt und sagte : »Nun fälle mir den Baum, und wenn du das gethan hast, so haue ihn in kleine Splittern, daß ich Brennholz kriege; aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.« Damit ging sie weg und ließ ihn allein. Der Königs- sohn hatte aber in seinem Leben noch keine Axt in Händen gehabt, und nun sollte er in einem Tage den allmächtig großen Baum in Splitter hauen. Darüber wurde er ganz mißmuthig, warf sich auf die Erde und fing bitterlich zu weinen an.
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Um Mittag hatte er noch keinen Hieb getan, und als Jettchen mit dem Essen kam, da lag er noch immer und weinte in einem fort. »Weine doch nicht mehr,« sagte sie zu ihm; »ich will die Arbeit wohl für dich thun, wenn du halten willst, was du mir gestern versprochen hast.« »Ja!« sagte der Königssohn; »das will ich dir gewiß und wahrhaftig halten.« Da wünschte sie, daß der Baum gefällt und in Splitter gehauen wäre, und wie sie es ge- wünscht hatte, so war es auch gleich geschehen. Der Königssohn legte sich nun hin und schlief, bis die Sonne hinunter war, dann ging er zu Hause und sagte, mit dem Baum wäre er fertig. »Gut das!« sagte die alte Hexe; »morgen will ich dir mehr zu thun geben.«
Den dritten Tag brachte sie ihn zu einem großen Teiche, gab ihm den Rand von einem Siebe und sagte: »Nun schöpfe mir den Teich aus; aber das wicke ich dir, bist du bis Sonnenuntergang nicht fertig damit, so geht's dir schlecht.« Damit ging sie weg und ließ ihn allein. Der Königssohn aber fing bitterlich zu weinen an, denn mit einem Siebrande Wasser schöpfen, das war ja eine unmögliche Arbeit.
Um Mittag kam Jettchen und brachte das Mittagessen, und als sie ihn so weinend auf der Erde liegen sah, sprach sie ihm Muth ein und sagte : »Weine nicht mehr, Johann! Wenn Du Dein Versprechen halten willst, so will ich die Arbeit für dich ausrichten.« »Ja!« sagte er; »das will ich gewiß und wahrhaftig halten.« Da wünschte sie, daß der Teich leer wäre, und wie sie das gethan hatte, so war auch gleich alles Wasser heraus bis auf den letzten Tropfen.
»Diese Nacht,« sprach sie darauf, »will ich dich wecken; dann wollen wir zusammen fortlaufen, denn es ist die höchste Zeit; morgen früh, das weiß ich, will die Alte den Backofen heizen und wird dich sicher braten und auf- fressen, wenn wir nicht machen, daß wir von hier wegkommen. Darum halte dich bereit.« Das versprach er auch. Als nun die Sonne untergegangen war, ging er zu Hause und sagte, mit dem Teiche wäre er fertig. »Schön!« sagte die Hexe, »so sollst du morgen Feiertag haben« und that ganz freund- lich und lachte, weil sie sich schon im voraus auf den guten Braten freute. Mit dem, so gingen sie zu Bette.
In der Nacht aber stand Jettchen auf, spuckte dreimal vor ihr Bett, weckte den Königssohn, und dann liefen sie fort, so schnell sie nur konnten. -Ich darf mich aber nicht umsehen«, sprach das Mädchen, »sonst hat mich die Hexe wieder in ihrer Gewalt; darum mußt Du zuweilen zusehen, ob wir nicht verfolgt werden.«
Unterdes war aber die Alte auch schon aufgestanden, denn sie konnte die Zeit nicht erwarten, daß der Backofen geheizt würde, und weil Jettchen ihr dabei helfen sollte, so rief sie: >Jettchen!« »Ja!« rief die Spucke. Aber Jettchen kam niglrt. »Jettchen!« rief sie wieder. »Ja!« antwortete die Spucke;
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aber das Mädchen kam nicht. Da rief sie zum dritten Male: »Jettchen I« »Ja!« rief die Spucke. Aber Jettchen kam noch immer nicht, und als sie endlich vor des Mädchens Bett ging, so war das Nest leer und als sie nun den Königssohn auch nicht in seinem Bette fand, da sah sie wohl, daß die Vögel ausgeflogen waren. Da lief sie schnell hin und weckte ihren Mann, der mußte mit drei großen Hunden hinter den beiden her und sollte sie wieder einfangen.
Als sich nun der Königssohn einmal umsah, so war der Kerl mit den Hunden schon dicht hinter ihnen. Da wünschte das Mädchen den Königssohn zu einem Dornstrauche und sich selbst zu einer schönen Blume, die mitten darin stand. Wie da der Kerl herankam und wollte den Dornstrauch fassen, so stachen ihn die Dornen in die Hände; da lief er schnell wrieder nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Ich habe die Beiden nicht fangen können; es stand da ein Dornstrauch und eine Blume darin; aber als ich den Dorn- strauch anfaßte, da stachen mich die Dornen und da bin ich weggelaufen.« »O, wie dumm!« sagte die Hexe und schalt ihren Mann tüchtig aus; »hättest du nur die Blume mitgebracht, so wäre der Dornstrauch von selbst ge- kommen. Mach nur, daß du gleich wieder fortkommst und schaff mir die Blume.« Da mußte der Kerl mit den drei Hunden wieder los und hinter den beiden her.
Die waren aber mittlerweile weitergelaufen. Als sich nun der Königs- sohn einmal umsah, so wrar der Kerl mit seinen großen Hunden schon wieder dicht hinter ihnen. Da wünschte sich das Mädchen zu einem großen Teiche und den Königssohn zu einem Enterich, der schwamm darauf. Indem, so kam der Kerl herzugelaufen, und weil der Enterich immer mitten auf dem Teiche schwamm, so dachte er ihn herbeizulocken und rief: »Niep, Xiep! Niep, Niep!« Aber der Enterich schnatterte immer mitten auf dem Teiche herum, daß ihn der Kerl nicht greifen konnte. Da lief er wieder nach Hause zu seiner Frau und sagte: »Ich habe die beiden nicht fangen können; da war wohl ein Teich, und ein Enterich schwamm darauf, aber der Enterich hielt sich immer mitten auf dem Teiche.« »O, wie dumm!« schalt die Hexe; »hättest du nur den Enterich fangen können, so wäre der Teich von selbst gekommen. Lauf nur schnell wieder fort und schaff mir den Enterich.« Da mußte der Kerl mit den drei Hunden wieder los und hinter den beiden herlaufen.
Die hatten aber mittlerweile ihre natürliche Gestalt wieder angenommen und waren schnell weitergelaufen. Als sich aber der Königssohn einmal um- sah, so war der Kerl mit den drei großen Hunden schon wieder dicht hinter ihnen. Da sagte Jettchen : »Ich will mich jetzt zu einem Gemüsegarten wünschen und du sollst ein alter Mann mit langem Barte sein, der in dem Garten herumgeht.« Und wie sie es gewünscht hatte, so war es auch gleich
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geschehen. Indem, so kam der Mann der alten Hexe herzugelaufen, fand aber nur einen schönen Gemüsegarten, und einen alten Mann mit langem Barte darin, den fragte er, ob er nicht da eben zwei hätte vorbeilaufen sehen! »Gelbe Wurzeln«, sagte der alte Mann. »Ich meine«, schrie ihm der andere zu, »ob Ihr nicht gesehen habt, wo die zwei Leute hingelaufen sind, die hier eben vorbeigekommen sein müssen!« »Gelbe Wurzeln«, sagte der alte Mann. Da fragte der andere zum dritten Male und schrie noch lauter als vorher, aber der alte Mann sagte wieder »Gelbe Wurzeln«. »Hier ist nichts zu machen«, dachte der Mann der Hexe, »ich will nur wieder zu Hause gehen.« Damit trollte er sich heim zu seinem alten Weibe.
Als Jettchen sah, daß der Kerl fort war, wünschte sie sich und Johann wieder in ihre natürliche Gestalt; dann liefen sie weiter und kamen glücklich über die Grenze, wo das Gebiet der Hexe aufhörte, so daß sie ihnen nichts mehr anhaben konnte.
Nicht lange darnach kamen sie an Johann sein Schloß. Da sprach der Königssohn zu dem Mädchen : »Es möchte meinen Eltern nicht recht sein, wenn ich dich so ohne weiteres mitbrächte ; darum will ich erst mal allein zu ihnen gehen; es soll aber nicht lange dauern, so hole ich dich auch herein.« Da setzte sich Jettchen auf einen breiten Stein, der vor dem Schlosse lag und wartete, daß der Königssohn wiederkäme und sie abholte. Als der aber hin- ein zu seinen Eltern kam, vergaß er das Mädchen und ließ es draußen auf dem Steine sitzen und dachte nicht mehr daran.
Über eine Zeit trug es sich zu, daß der Königssohn sein Fenster offen ließ, da flog eine weiße Taube herein, die rief:
»Johann hat Jettchen vergessen Auf einem breiten Stein.« Und als er die Worte hörte, da fiel ihm auf einmal alles wieder ein, was er vergessen hatte, wie das Mädchen so gut gegen ihn gewesen war und daß er sie so treulos hatte sitzen lassen. Er hatte auch nicht eher Ruhe, bis er auszog, das Mädchen aufzusuchen.
Lange Zeit mußte er wandern, da kam er endlich an Jettchen ihr Schloß, das von der Hexe war verwünscht worden. Es war gerade Mittag, und um die Zeit hatten die drei Riesen eine Stunde Frist, wo sie nicht zu werfen brauchten, so daß der Königssohn ungehindert in das Schloß gehen konnte. In dem Schlosse war aber alles ganz still und leer; nur ein alter Mann saß darin, der hatte die Hand an die Wange gelegt und schlief, und vor dem Fenster, dastand eine einzige wunderschöne Blume; und als der Königssohn hereintrat, da schlug der alte Mann die Augen auf und sagte: »Vergiß das Beste nicht!« »Das Beste, was hier zu finden ist, wird wohl die schöne Blume sein, dachte der Königssohn, nahm sie und wollte wieder aus dem Schlosse gehen. Da waren aber die drei Riesen schon wieder dabei und warfen
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Steine; aber der Königssohn wußte wohl, wenn sie niederwarfen, so warfen sie auf, und wenn sie aufwarfen, so warfen sie nieder. Darum so nahm er die Zeit wahr, wo sie niederwarfen, sprang schnell hinzu und berührte sie. Damit hatte er es aber getroffen; die Riesen waren erlöst und wurden drei Königssöhne und die schöne Blume wurde zu Jettchen, ihrer Schwester, die sich in die Blume verwünscht hatte. Da sprach Johann zu ihr: »Nun will ich dich auch nie und nimmer wieder vergessen, so lange ich lebe«, und das hat er treulich gehalten bis an sein Ende.
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24. Das verwünschte Schloss.
In alter Zeit ist mal ein Edelmann gewesen, der hatte einen großen, schönen Wald und vieles Wild darin, aber alle seine Jägersburschen, die er noch gehabt hatte, wenn sie ausgingen, in dem Wald zu jagen, so kamen sie nicht wieder zurück, so daß zuletzt keiner mehr bei dem Edelmann in Dienst gehen wollte.
Nach langer Zeit kam endlich mal wieder ein junger, hübscher Bursche zugereist, der stellte sich dem Edelmann als Jäger vor; da sagte ihm der Edel- mann, wie es mit dem Walde bestellt wäre, und daß noch keiner wieder daraus zurückgekommen sei, aber der Bursche bat so viel, er möchte ihn doch annehmen, daß er ihn zuletzt doch in seinen Dienst nahm.
Gleich den andern Tag sattelte der Jäger sein Pferd und zog zum Jagen in den Wald hinein. Nicht lange war er geritten, so sah er auf einmal dicht vor sich elf prächtige Hirschkühe und einen prächtigen Hirschbock, der trug ein Geweih von purem Golde. Da faßte den Jäger ein heftiges Verlangen, dem wunderbaren Hirsche zu folgen, daß er ihn womöglich erjagen möchte; darum trieb er sein Pferd zu raschem Laufe an. Die zwölf Hirsche aber, als er ihnen nachsetzte, sprangen eilig davon; und zuletzt wurde der Wald so wüst und dicht, daß er die Hirsche ganz aus den Augen verlor und sich ver- irrte. Mit dem, so brach auch die Nacht herein. Da stieg der Jäger auf einen hohen Baum und sah von da aus der Ferne her ein Licht schimmern. Als er nun in der Richtung, wo das Licht herschien, weiter ritt, so kam er an einen großen Pferdestall, darin brannte die Stallaterne, und das war das Licht gewesen, welches er von dem Baume aus hatte schimmern sehen. Da band er sein Pferd wie die andern Pferde in den Stall.
Der Pferdestall gehörte aber zu einem Schlosse, das stand nicht weit davon, und als der Jäger da hineinging, so fand er alles aufs schönste eingerichtet, aber es war ganz still darin und kein lebendes Wesen zu hören und zu sehen. Nun stand da ein Schrank voll schöner Lesebücher, da nahm der Jäger eins von in die Hand, um sich die Zeit zu kürzen. Mit einem Male so wurde eine Stimme wach, die rief: ^>Was beliebt?- Ei! sprach der Jäger, »wenns
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nach meinem Belieben geht, so möchte ich wohl Waschwasser haben und ein gutes Abendbrot.« Und was er verlangt hatte, das wurde ihm auch alles her- gebracht. Da wusch er sich und setzte sich zum Abendessen, und als er gegessen hatte, nahm er wieder sein Buch zur Hand und las.
Um elf Uhr ließ sich wieder die Stimme vernehmen und sagte: wenn es zwölf wäre, so kämen vier Männer und schleppten ihn im ganzen Schlosse herum; dabei dürfte er aber ja keinen Laut von sich geben, sonst müßte er sterben.
Und richtig! Mit dem Schlage zwölf that sich die Thür auf und herein traten vier schwarze Männer, die faßten ihn unsanft an, schleiften ihn Trepp auf, Trepp ab im ganzen Schlosse herum; er gab aber keinen Laut von sich, und als der Schlag eins aus der Glocke ging, da brachten sie ihn wieder in sein Zimmer zurück.
Da sagte die Stimme: auf dem Tische stände Salbe, da sollte er sich mit einreiben, und dann stände in dem Nebenzimmer ein schönes Bett, da sollte er sich hineinlegen.
Das that der Jäger auch und den andern Morgen, da er erwachte, waren all seine Schmerzen vorüber. Es stand auch schon sein Morgenbrod bereit. Er erhob sich, als er das sah, von seinem Lager, verzehrte was ihm gebracht war, und nachdem, so setzte er sich wieder hin und las schöne Geschichts- bücher, die er nach Belieben aus dem Schranke nehmen konnte. Den ganzen Tag über wurde er mit Essen und Trinken wrohl versorgt, so daß es ihm sicher alles Wohlgefallen hätte, wenn ihm nicht die unheimlichen schwarzen Männer von der Nacht vorher noch zu lebhaft in Gedanken gewesen wären. Darum gedachte er, als der Abend anbrach, heimlich davon zu gehen. Aber o weh! Die Zugbrücke wrar aufgezogen und alle Anstrengungen, sie herunter zu lassen, waren vergeblich. Da mußte er denn wohl wieder umkehren, er mochte wollen oder nicht.
Um elf Uhr wurde wieder die Stimme laut und sagte; statt daß gestern vier gekommen wären, würden heute Nacht acht kommen und ihn im ganzen Schlosse herumtragen; wenn er aber den geringsten Laut von sich gäbe, so müßte er sterben.
Und richtig! Mit dem Schlage zwölf that sich die Thüre auf und herein- traten acht große schwarze Männer, die packten ihn bei den Beinen und schleiften ihn mit dem Kopfe zu unterst Trepp auf, Trepp ab im ganzen Schlosse herum, daß ihm alle Rippen im Leibe knackten und sein Kopf voll Beulen wurde. Aber doch gab er keinen Laut von sich ; und wie der Schlag eins aus der Glocke ging, da brachten sie ihn wieder hin, wo sie ihn hergeholt hatten.
Da sagte die Stimme wieder: auf dem Tische stände Salbe, da solle er sich mit einreiben, und in dem Nebenzimmer stände ein schönes Bett, da solle er sich hineinlegen.
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Das that der Jäger auch; und den andern Morgen, als er aufwachte, war sein Kopf wieder heil und that ihm kein Finger weh. Es stand auch schon ein gutes Morgenbrod bereit, das verzehrte er mit Beilagen, und nachdem so setzte er sich wieder hin und las noch viel schönere Bücher als er den Tag vorher gelesen hatte, und zu bestimmter Zeit kriegte er auch wieder sein gutes Essen und war ganz vergnügt bis zum Abend, wo es anfing dunkel zu werden; da fielen ihm die schwarzen Männer wieder ein und herzlich gerne hätte er sich auf und davon gemacht, wenn er nur gekonnt hätte.
Um elf Uhr sagte die Stimme: anstatt daß gestern acht gekommen wären, kämen heute zwölf; er sollte aber nur standhaft bleiben und kein Wort sagen, sonst müsste er sterben.
Und richtig! Mit dem Schlage zwölf that sich die Thür auf und herein traten zwölf kohlschwarze Männer, die banden ihm Hände und Füße mit eisernen Ketten und schleiften ihn im ganzen Schloße herum und zuletzt hinaus auf den Hof zu einem tiefen Brunnen und thaten, als ob sie ihn hinein- werfen wollten. Aber doch blieb er standhaft und gab keinen Laut von sich. Sowie der Schlag eins aus der Glocke ging, brachten sie ihn wieder zurück in sein Gemach. Er war halb todt und alle Knochen thaten ihm im Leibe weh, aber diesmal kam keine Salbe und wurde ihm auch kein Bett gegeben, so daß er auf allen vieren in eine Ecke kroch und da liegen blieb.
Die ganze Nacht that er vor Schmerz kein Auge zu, und den andern Morgen wurde auch kein Essen gebracht; aber es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Thür, und als der Jäger »herein!« rief, da erschien ein wunderschönes Mädchen, das gab ihm von der Heilsalbe und sagte : in dem Nebenzimmer im Schranke, da hingen königliche Kleider, die sollte er an- ziehen, und wenn er das gethan hätte, so sollte er nur oben heraufkommen. Damit ging sie wieder hinaus.
Der Jäger zog nun, nachdem er mit der Salbe seine Schmerzen gestillt hatte, die königlichen Kleider an und ging dann oben in das Schloß hinauf, und als er in den Saal trat, so saß da eine wunderschöne Prinzessin mit ihren elf Jungfrauen; das waren die zwölf Hirsche gewesen, die der Jäger verfolgt hatte; -der mit den goldenen Hörnern war die Prinzessin. Da bedankten sie sich bei dem Jäger, daß er sie durch seine Standhaftigkeit nun erlöst hatte. Nachdem so wurde der Jäger König und hielt Hochzeit mit der schönen Prin- zessin, und wurde getanzt und geschmaust; und wenn die Hochzeit noch nicht zu Ende ist, so dauert sie heute noch.
25. Drei Königskinder.
Es war einst ein König, der hatte Befehl gegeben, daß in seinem Reiche abends nach zehn Uhr keiner mehr arbeiten sollte, und wer das doch thäte,
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der sollte schwerer Strafe gewärtig sein. Nun saßen noch spät abends bei Licht drei arme Mädchen und arbeiteten. Da sprach die erste: »ich wollte, ich kriegte des Königs Koch zum Mann,« die zweite: »ich wollte, ich kriegte dem König seinen Minister,« die dritte und jüngste aber sprach: »ich wollte, daß ich den König selber zum Mann kriegte«. Das hatte der König alles mit angehört, denn er stand hinter dem Fenster und horchte, und kam ihm so drollig vor, daß er beschloß, den drei Mädchen ihre Wünsche zu erfüllen.
Den Tag darauf ließ er die älteste zu sich rufen, die sich den Koch zum Manne gewünscht hatte und sprach zu ihr: »ich habe gestern deinen Wunsch vernommen und
weil du den Koch begehrt,
so bist des Koches werth« und gab ihr den Koch zum Manne. Darauf ließ er die zweite vor sich kommen und sagte: »ich habe gestern deinen Wunsch vernommen und
weil du den Minister begehrt,
so bist du seiner auch werth« und gab ihr seinen Minister zum Manne. Nachdem so mußte die dritte und jüngste Schwester vor ihn kommen, die ihn selber zum Manne gewünscht hatte, zu der sprach er auch: »ich habe gestern deinen Wunsch vernommen und
weil du meiner begehrt,
so bist du meiner auch werth« und heirathete sie und machte sie zur Königin.
Über eine Zeit, so wmrde die Königin schwanger; da fragte sie der König, wen sie denn am liebsten zu ihrer Pflege bei sich haben wollte. Da verlangte sie nach ihrer ältesten Schwester, die des Königs Koch zum Manne hatte. Die Königin brachte aber einen hübschen Knaben zur Welt, der trug an seiner Stirn einen goldenen Stern.- Weil nun die älteste Schwester neidisch war, daß die jüngste den König zum Mann gekriegt hatte, sie selber aber nur des Königs Koch, so legte sie der Königin einen jungen Hund ins Bett, nahm das Kind, klebte ihm ein Pechpflaster auf die Stirn, daß der goldene Stern nicht zu sehen war und that es in einen Kasten; den Kasten mit dem Kinde setzte sie heimlich auf den Strom,*) der dicht an des Königs Schloß vorbeifloß, und da trieben ihn die Wellen immer weiter hinab in das Land hinein. Der König, da er vernahm, daß seine Frau einen Hund geboren hätte, ward erst ganz zornig, aber doch, aus großer Liebe zu ihr, gab er sich zufrieden und war freundlich und gut mit ihr wie zuvor.
Zu derselben Zeit wohnte weiter den Strom hinab ein Gärtner, der hatte drei Kinder und dicht an dem Strom einen schönen Garten. Da nun einst die Kinder, wie sie immer thaten, in dem Garten dicht am Wasser ihre Spiele
*) Eine Art Nilstrom, wie die Erzählerin bemerkte. W. B. 60
trieben, so kam ein Kästchen den Strom herabgeschwommen, und wie es die drei Gärtnerskinder auftischten und ans Ufer zogen, so lag ein kleiner hübscher Knabe darin, dem saß auf der Stirn ein Pechpflaster. Da liefen die Gärtners- kinder mit dem Kästchen und dem Kinde darin voller Freuden zu ihrem Vater und zeigten es ihm, und der Gärtner, da er das arme hülflose Kind sah, erbarmte sich seiner und behielt es bei sich und behandelte es, als ob es sein eigenes Kind gewesen wäre, und die drei Gärtnerskinder warteten es und spielten damit.
Über ein Jahr kriegte die Königin wieder ein kleines Kind und das war wieder ein Knabe und trug vor seiner Stirn auch so einen goldenen Stern, genau wie das erste Kind. Die neidische Schwester aber, welche die Königin wieder zur Pflege bei sich hatte, nahm das Kind, sobald es geboren war, heimlich weg, legte ein Pechpflaster auf seine Stirn und setzte es in einem Kästchen auf den Strom, daß es die Wellen hinuntertrieben. An seiner Statt legte sie der Königin einen jungen Hund ins Bett und ging hin und sagte dem Könige, seine Gemahlin hätte diesmal wieder einen Hund zur Welt ge- bracht. Darüber gerieth der König in heftigen Zorn, versammelte seine Räthe und fragte sie, was sie meinten, daß er in der Sache thun solle? Da hielten sie einen Rath und sprachen; diesmal sollte der König noch verzeihen; wenn aber so was noch einmal wieder vorkäme, so hätte die Königin verdient, daß sie in einem Thurme lebendig vermauert würde und kein Essen und kein Trinken kriegte und so des Todes stürbe. Damit war der König zufrieden.
Es begab sich aber, daß zu derselben Zeit des Gärtners drei Kinder wieder in dem Garten waren und an dem Wasser spielten, da kam das Kästchen mit des Königs zweitem Kinde auf dem Strome dahergeschwommen, das zogen die drei Kinder auch ans Ufer und brachten es voller Freuden zu ihrem Vater, und weil der ein mitleidiger Mann war, so behielt er das arme hülflose Ding bei sich, und die drei Gärtnerskinder warteten es und spielten damit.
Nachdem, da ein Jahr vergangen war, wurde die Königin zum dritten Male schwanger und hatte wieder ihre Schwester bei sich, und als sie nun ein kleines Mädchen kriegte, da legte ihr das boshafte Weib eine Katze ins Bett und setzte das Kind in einem Kasten auf den Strom, daß es die Wellen hinaustrugen in das weite Land hinein. Aber die drei Gärtnerskinder ringen es auf und brachten es ihrem Vater, der erbarmte sich seiner und behielt es bei sich.
Der König, da er vernahm, daß seine Frau zum dritten Male ein Thier zur Welt gebracht hatte, ward seines Zornes nicht mehr Meister, ließ die arme Königin greifen und sie in einem Thurm lebendig vermauern, so daß sie vor Hunger bald umkommen mußte.
Eine Zeit darnach begab es sich, daß die drei Gärtnerskinder krank wurden und starben, die Königskinder aber wuchsen und wurden schön und stark, und der Gärtner setzte sie zu seinen Erben ein. Da sie nun einstmals in
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ihrem Garten spazieren gingen, so kam ein alter Mann vorbei, der redete sie an und sprach: > Wißt ihr, was euch zu eurem Glücke noch fehlt?« »Nein!« sprachen die Kinder; »was sollte uns noch fehlen; wir haben es ja hier so gut.« Da sprach der alte Mann: »Drei Dinge fehlen euch noch:
Der Vogel der Wahrheit, Das Wasser des Lebens Und der Apfel Sina; die sind es, die euch noch fehlen, daß ihr ganz glücklich seid, und zu finden sind sie auf einem hohen Berge; wenn da einer hinaufkommt, so fängt es an zu donnern und zu blitzen und die Erde bebt, und wenn der, welcher die drei Dinge holen will, sich umsieht, so wird er in einen Stein verwandelt.«
Da hub der älteste Knabe an und sprach: »Nun habe ich nicht eher weder Ruhe noch Rast, bis ich den Vogel der Wahrheit, das Wasser des Lebens und den Apfel Sina gefunden und erlangt habe. Hier in diesen Baum stoß ich mein Messer, wenn das rostig wird, so bin ich todt und komme nie mehr zurück.« Damit nahm er Abschied von Bruder und Schwester, stieß sein Messer in den Baum und zog fort in die weite Welt hinein.
Lange Zeit warteten die Kinder, daß ihr Bruder wiederkomme, aber er kam und kam nicht, und als sie nach dem Messer sahen, so war es rostig geworden und da konnten sie sich wohl denken, daß ihr Bruder in einen Stein verwandelt war. Da sprach der zweite Knabe: »Ich lasse meinen Bruder nicht im Stiche, es mag kommen wie es will.« Damit nahm er Abschied von seiner Schwester, stieß auch ein Messer in den Baum, daß sie daran er- kennen könnte, ob er lebendig wäre oder todt und zog aus, seinen Bruder aufzusuchen.
Das Mädchen wartete lange Zeit vergeblich, daß ihr Bruder wiederkäme, aber er kam und kam nicht, und als sie einmal nach dem Messer sah, so war es auch rostig geworden, wie ihrem ältesten Bruder seins. Da fing sie bitterlich zu weinen an und sprach: »Nun sind doch meine beiden Brüder gewiß in Steine verwandelt; aber ich lasse sie nicht im Stich, es mag kommen wie es will,« und machte sich auf den Weg, ihre Brüder aufzusuchen.
Sie mußte erst viele Meilen gehn, bis sie endlich an den Berg kam, wo der Vogel der Wahrheit, das Wasser des Lebens und der Apfel Sina zu finden waren. Da faltete sie ihre Hände und betete erst, und da sie nun den Berg hinanstieg, fing es plötzlich an zu donnern und zu wetterleuchten und die Erde bebte, doch stieg sie getrost, ohne hinter sich zu schauen, bis zum Gipfel, wo der Baum stand mit dem Apfel Sina, und ein Brunnen floß, daraus das Wasser des Lebens quoll. Nachdem sie den Apfel gepflückt und von dem Wasser geschöpft hatte, wollte sie wieder fortgehen, da rief der Vogel der Wahrheit: »Vergiß meiner nicht! Vergiß meiner nicht!« Danahm sie den Vogel auch mit sich, den sie beinahe ganz vergessen hätte.
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Auf dem Berge lagen aber viele viele Steine, die begoß das Mädchen mit dem Wasser des Lebens, und da wurden sie auf einmal lebendig und waren auch des Mädchens Brüder dabei, und es entstand da, als das Mädchen noch immer mehr Steine mit dem Wasser begoß, ein groß Gewühl von Menschen, die zogen nun alle in Scharen singend den Berg hinab.
Die beiden Brüder und ihre Schwester gingen nun wieder miteinander in ihre Heimath und als sie zu Hause angekommen waren, sprach der Vogel der Wahrheit, sie sollten ein Mahl bereiten und den König zu Gaste laden Da sagten die Kinder: »Wie können wir den König zu Gaste bitten und haben doch keine Speise, die für einen König schicklich ist? Sprach der Vogel: wenn sie in jede Schüssel ein Stückchen von dem Apfel Sina legten, so würden die Speisen von selber kommen. Da thaten die Kinder, wie der Vogel gesagt hatte, und luden den König zu Gaste, und als er kam und die Schüsseln aufgedeckt wurden, da waren die köstlichsten Speisen darin.
Während dem, daß sie zu Tische saßen, iing der Vogel zu sprechen an und fragte den König, ob er denn wohl wüßte, mit wem er da zu Tische säße? Sprach der König: »Es sind die Kinder eines Gärtners.« »Nein,« sagte der Vogel, »es sind deine eigenen Kinder.« Und da erzählte er dem Könige, wie sich alles so zugetragen hatte, und daß die Königin unschuldig zum Tode verurtheilt wäre, daß ihr die neidische Schwester die beiden ersten Male zwei kleine Wölpen und das dritte Mal eine Katze ins Bett gelegt hätte und daß die Kinder vor der Stirn einen goldenen Stern trügen. Als ihnen der König nun die Pechpliaster vor dem Kopfe wegnehmen ließ, so kamen die Sterne zum Vorschein. Da war die Freude groß, und that es dem Könige nur leid, daß die arme Königin das alles nicht auch mit erleben konnte. Da sprach der Vogel der Wahrheit, sie sollten ihr nur von dem Wasser des Lebens bringen, so würde sie wieder lebendig werden. Das thaten sie, und von dem Wasser kam sie auch wieder ins Leben zurück, und da hielt der König zum zweiten Male Hochzeit mit ihr.
26. Der kluge Knecht.
Ein Bauer sprach zu seiner Frau: »Nun will ich zu Markte und mir einen neuen Knecht mieten; aber Hans muß er heißen, sonst nehm ich ihn nicht. Und als er nun auf den Markt kam, so begegnete ihm gleich einer, der fragte, ob er keinen Knecht nötig hätte? »Ja,« sagte der Bauer; »aber wie heißt du denn?« »Ich heiße Kurt,« sprach der Bursche. »Dann kann ich dich nicht gebrauchen,« sagte der Bauer; »mein Knecht muß Hans heißen, sonst nehm ich ihn nicht.« Da ging der Bursche weg, zog sich andere Kleider an und trat dem Bauern zum zweiten Male in den Weg. »Habt Ihr nicht einen Knecht nöthig?« fragte er ihn. »O ja«, sagte der Bauer; »aber wie heißt du
denn?: »Ich heiße Hans! sprach der Bursche. »Dann geh nur mit mir«, sagte der Bauer; so einen habe ich grade gesucht« und nahm den Burschen, der kein Dummer war, mit sich nach Hause und in seinen Dienst.
Des Bauern Frau hielt es aber mit dem Pastor und gab ihm immer das beste Essen und Trinken, was sie nur im Hause hatte; und eines Abends, als der Bauer nicht zu Hause war, hörte der Knecht in der Küche was flüstern; da legte er sein Ohr an die Thür und horchte und hörte, daß der Pastor mit des Bauers Frau darinnen war. Sprach der Pastor: »Ihr habt da einen neuen Knecht gekriegt; wenn der nur nichts merkt.« »Ach, nein,« sagte die Frau, »der sieht mir nicht aus, als wenn er einer von den klügsten wäre. Darum, wenn mein Mann und der Knecht morgen früh zum Pflügen ins Feld ziehen, so kommt nur her; wenn es dann noth thut, so könnt Ihr Euch ja schnell da in die alte Lade verstecken.« Da hatte der Knecht genug gehört und schlich sich leise davon.
Den andern Morgen zog der Bauer mit seinem Knechte Hans zum Pflügen in das Feld hinaus ; aber der Knecht hatte vorher heimlich den Pflug so verkeilt, daß nichts damit anzufangen war. Sprach der Bauer: »Ich weiß gar nicht, was das heute mit dem Pfluge ist; lauf doch mal schnell nach Hause, Hans, und hole mir die Barte, daß ich den Pflug wieder i«n Ordnung bringen kann.« Da lief der Knecht schnell fort, und als er vor das Haus kam, so war es fest zu. Er klopfte »Bum! Bum!« Da hörte er wie die alte Lade rappelte und die Bauersfrau rief von innen: »Wer ist da?« »Ich bins.« »Was willst du denn?« »Ich will die Barte holen.« »Die will ich dir schon herausreichen.« »Nein!« sprach der Knecht, »unser Herr hat gesagt, ich sollte erst die alte Lade verkaufen, die in der Küche steht.« Nun mußte die Frau wohl aufmachen; der Knecht aber setzte die Lade auf einen Schubkarren und fuhr damit vor dem Pastor sein Haus, da guckte die Frau Pastorin gerade zum Fenster heraus. »Wollt Ihr nicht eine Lade kaufen?« fragte der Knecht.
Was soll sie denn kosten?« »Fünfundzwanzig Thaler.« »Das ist zuviel, das geb ich nicht dafür« »Gut«, sprach der Knecht ; »so muß ich sehen, daß ich einen anderen Käufer finde." Da rief der Pastor vor Angst in der Lade:
Frau, kauf sie nur, Frau, kauf sie nur! und die Frau mußte nun dem Hans die fünfundzwanzig Thaler geben. Damit ging er fort, holte die Barte und kam wieder auf das Feld zu seinem Herrn. »Das hat ja lange gedauert«, sprach der Bauer. »Seid nur zufrieden, Herr!« sagte Hans; »ich habe erst Eure alte Lade verkauft, dafür habe ich fünfundzwanzig Thaler gekriegt. Hier sind sie.« Junge, rief der Bauer voller Freude; »dann sollst du auch fünf abhaben , und gab ihm von dem Gelde fünf Thaler ab.
Den Abend ging der Bauer ins Wirthshaus. Da hörte der Knecht, daß in der Küche wieder ein Geflüster war, legte sein Ohr an die Thür und horchte, und es war wieder der Pastor, der heimlich zur Hinterthür hereingekommen
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war und mit der Frau des Bauern eine Unterredung führte. Sprach der Pastor: »Das war ein schlimmer Spaß mit der Lade. Seid nur ohne Sorgen , sagte die Frau, »mein Mann hat nichts gemerkt; morgen früh, wenn er im Felde ist, so kommt nur dreist wieder her; sollte es dann noth thun, so könnt ihr ja schnell in die Tonne kriechen, die da in der Ecke steht. Hans, der alles mit angehört hatte, was die beiden zusammen sprachen, schlich sich leise fort und ließ sich nichts merken.
Am andern Morgen, da der Bauer mit seinem Knechte ins Feld kam, war wieder der Pflug verkeilt. »Ich weiß nicht, was das wieder mit dem Pfluge ist«, sagte der Bauer; »geh doch mal schnell hin, Hans, und hole mir die Barte, daß ich ihn wieder in Ordnung bringe. Da lief der Knecht schnell fort, und als er vor das Haus kam, so war es fest zu. Er klopfte »Bum, Bum!« Da rief die Bauersfrau von innen: Wer ist davor? Ich bins!« »Was willst du denn?« »Ich will die Barte holen, daß wir den Pflug stellen können.« »Die will ich dir wohl herausreichen. « Nein! sagte Hans; unser Herr hat gesagt, ich sollte noch die alte Tonne verkaufen, die in der Küche in der Ecke steht.; Nun mußte die Frau wohl aufmachen; der Knecht legte die Tonne auf einen Schubkarren, fuhr damit vor dem Pastor sein Haus und ließ sich fünfzig Thaler dafür bezahlen. Nachdem so ging er hin, holte die Barte und kam wieder auf das Feld zu seinem Herrn. Du bist ja lange ausgeblieben«, sagte der Bauer. »O Herr, seid nur zufrieden, sprach Hans, »ich habe erst Eure alte Tonne verkauft, dafür habe ich fünfzig Thaler gekriegt. Hier sind sie.« »Das hast du gut gemacht, mein Junge,« rief der Bauer und war ganz vergnügt; »nun sollst du auch gleich fünf Thaler abhaben.
Den Abend ging der Bauer ins Wirthshaus. Da hörte der Knecht, daß in der Küche wieder ein Geflüster war, legte sein Ohr an die Thür und horchte, und es war wieder der Pastor, der heimlich zu des Bauern Frau gekommen war. Sprach der Pastor: »Das ist mir heute Morgen aber wieder ein theurer Spaß geworden mit der Tonne; wenn nur Euer Mann nichts erfahren hat. »Seid ohne Sorgen«, sagte die Frau; »mein Mann hat nichts gemerkt, morgen früh, wenn er im Felde ist, so kommt nur dreist wieder her; sollte es dann noth thun, so könnt ihr ja schnell in den Backofen kriechen, der kann nicht weggefahren und verkauft werden.« Hans, der alles mit angehört hatte, was die beiden zusammen sprachen, schlich sich leise fort und ließ sich nichts merken.
Am andern Morgen, da der Bauer mit seinem Knechte Hans ins Feld kam, war wieder der Pflug verkeilt. Ich weiß nicht, was das wieder mit dem Pfluge ist,« sagte der Bauer, »geh doch mal schnell hin. Hans, und hole mir die Barte, daß ich ihn wieder in Ordnung bringe.« Da lief der Knecht schnell fort, und als er vor das Haus kam, so war es fest zu. Er klopfte »Bum bum!« Da rief die Bauersfrau von innen: »Wer ist davor? »Ich bins!« »Was willst du denn?« »Die Barte holen. »Die will ich dir wohl
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herausreichen.« »Nein,« sagte Hans ; »mein Herr hat gesagt, ich sollte noch den Backofen heizen, daß Brot gebacken würde.« Nun mußte die Frau wohl aufmachen ; der Knecht aber nahm ein Bund Stroh, schob es in den Ofen und wollte es anzünden. Da schrie der Pastor, der in dem Ofen saß: »Laß mich doch erst heraus, laß mich doch erst heraus!« »Nicht anders,« sprach Hans, als wenn du mir hundert Thaler geben willst.« »Ach ja, ach ja!« schrie der Pastor; »die will ich dir ja gerne geben, nur laß mich aus dem Ofen heraus.« Da ließ ihn Hans aus dem Ofen steigen und nahm die hundert Thaler in Empfang ; dann ging er hin und brachte seinem Herrn die Barte. Von dem Gelde sagte er aber diesmal nichts, sondern behielt die hundert Thaler für sich allein.
Den Abend ging der Bauer wrieder ins Wirthshaus. Hans blieb aber daheim und horchte an der Küchenthür, denn der Pastor war wieder zu des Bauern Frau gegangen. Sprach der Pastor: »Das ist mir aber heute morgen wieder ein verdammt theurer Spaß geworden.« «Ja,« sprach die Frau, »der Hans hat seine Nase überall; wir müssen es jetzt anders anfangen, denn hier im Hause ist es nicht mehr sicher; darum so geht morgen früh zu Eurem Acker vor dem Walde, wo Euer Knecht pflügt, dann will ich Euch eine gute Suppe und dem Knecht ein schönes Butterbrod mit Fleisch bringen ; mein Mann geht auch zum Pflügen, aber weit davon, so daß er unmöglich etwas merken kann.« Hans, der wieder alles gehört hatte, was die beiden miteinander verabredeten, schlich sich leise fort und that, als wenn er von nichts was wüßte.
Als nun am folgenden Morgen der Hans mit seinem Herrn in das Feld zog, sprach er zu ihm: »Wißt ihr was, Herr; laßt uns heute nur den Acker pflügen, der vor dem Walde neben des Pastors Lande liegt.« Das war der Bauer zufrieden ; und als sie hinkamen, so war der Pastor mit seinem Knechte auch da und ließ seinen Acker pflügen, der neben des Bauers Acker lag.
Zur Frühstückszeit kam dem Bauer seine Frau dahergegangen und wollte dem Pastor die schöne Suppe bringen. Da sprach der Knecht Hans zu seinem Herrn: »Seht, Herr, da kommt unsere Frau mit dem Morgenbrode,« und da konnte sie nicht anders, sie mußte die Suppe und das schöne Butterbrod ihrem Manne und dem Knechte Hans bringen. »Frau,« sagte der Bauer, »das ist doch recht schön von dir, daß du uns ein so gutes Morgenbrod auf das Feld bringst.« »Ja«, sprach sie da und that ganz freundlich; »ich dachte, ihr würdet hier draußen wohl frieren, und da habe ich gedacht, ich wollte euch mal recht was zu gute thun.« Währenddem, daß nun der Bauer seine Suppe aß, ging Hans zu dem Pastor, der aus der Ferne ganz verdrießlich zusah, und bei jedem Schritte ließ er von seinem Butterbrode ein Stück auf den Boden fallen. Nach- dem er dem Pastor einen guten Morgen gewünscht hatte, ging er wieder zurück zu seinem Herrn, dem sagte er leise, daß es die Frau nicht hören konnte, ins Ohr: »Der Herr Pastor hat gesagt, Ihr solltet doch mal zu ihm hinkommen.« Der Bauer wischte sein Maul und wollte hingehen, und wie
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er ging und die Stückchen von dem Butterbrode auf der Erde liegen sah, so dauerte es ihn, daß die schöne Gottesgabe umkommen sollte, darum bückte er sich jedesmal, wo er ein Stückchen liegen fand und hob es auf. Da meinte nun der Pastor nicht anders, als der Hans hätte alles verrathen, und der Bauer nähme nun Steine vom Boden auf und wollte ihm damit zu Leibe rücken, und da fing er an zu laufen und sprang davon, als wenn ihm der Kopf brannte. »Was mag nur unserm Herrn Pastor eingefallen sein«, dachte der Bauer, »daß der fortläuft wie närrisch, nun er mich kommen sieht.« Als sich der Bauer nun umdrehte, um zurückzugehen, da sprang seine Frau auch auf und lief fort, daß ihr die Röcke flogen, denn sie meinte auch wie der Pastor, ihr Mann wisse schon alles und wolle ihr jetzt zu Leibe rücken. Sprach der Bauer zu seinem Knechte Hans: »Was heißt denn das, Hans, daß meine Frau auf einmal so an zu laufen fängt?« »Ach, Herr,« sprach Hans, »sie hat ge- sagt, sie wollte mal sehen, wer am schnellsten laufen könnte, Ihr oder sie. »Ei!« sagte der Bauer, »das müßte doch sonderbar zugehen, wenn ich mein Weib nicht einmal wieder kriegen könnte.« Und da fing der Bauer auch an zu rennen, immer hinter dem Weibe her, und die, da sie sah, daß der Mann hinter ihr her war, lief nun um so schneller; aber zuletzt holte sie der Mann doch ein und faßte sie und rief: >:Jetzt hab ich dich.« Da schrie die Frau in ihrer Angst: »Ach lieber Mann, vergieb es mir doch! Ich will auch in meinem Leben nichts wieder mit dem Pastor zu thun haben.« So hatte sie sich selber verrathen, und der Bauer merkte nun wohl, was die Glocke geschlagen hatte, paßte auch nachher wohl auf, daß seine Frau ihr Versprechen halten mußte, sie mochte wollen oder nicht.
27. Die alte Slüksche.
Die alte Slüksche hatte eine rechte Schnüffelnase und konnte gleich alles riechen, was im Dorfe gebacken oder gebraten wurde. Nun wohnte da auch ein junger Bauer mit seiner Frau, der fing, da er eines Tages auf dem Felde pflügte, einen Hasen, gab ihn dem Knechte und schickte ihn damit zu seiner Frau, daß sie ihn auf den Mittag braten und zurichten sollte. Die Frau kriegte den Hasen auch zu Feuer, und als er nun recht briet und brutzelte und schön braun wurde, so hatte es die alte Slüksche gleich gewittert, kam in die Küche und schnüffelte mit ihrer langen Nase um den Braten herum. »Ach Gott, Nachbarin«, sprach sie zu der Bauersfrau; das riecht mal schön und ist so appetitlich, lasse Sie uns mal ein Stück davon probiren ! Nein, nein,« sagte die Frau, »wrenn das mein Mann merkt, so kriege ich Schläge. »Ach Gott«, sagte die alte Slüksche und hielt ihre Schnüffelnase dicht über den Braten, »nur ein ganz kleines Stückchen, das merkt er ja nicht.« Da ließ sich die Frau bereden und schnitt ein Stück von dem Braten ab, und
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das schmeckte so schön, daß sie noch ein zweites Stück abschnitt, und als sie erst in den Geschmack kamen, da verzehrten sie endlich den ganzen Braten. »O weh, sprach da die Frau, »was soll ich nun sagen, wenn mein Mann zu Hause kommt und findet den Braten nicht.« »Och,« sagte die alte Slüksche, »wenn er fragt, so sagt nur, Ihr wüßtet von nichts; er möchte wohl geträumt haben.« Damit wischte sie ihr Maul und ging weg.
Den Mittag, da der Bauer zu Hause kam und die Frau ihm sein ge- wöhnliches Essen vorsetzte, fragte er, wo denn der Hase wäre, den sie ihm auf den Mittag hätte zurichten sollen. »Ich habe keinen Hasen gesehen,« antwortete die Frau und stellte sich ganz verwundert. »Ei!« sprach der Mann ich habe dir doch diesen Morgen durch den Knecht einen Hasen geschickt und dabei sagen lassen, du solltest ihn auf den Mittag zurechtmachen, und nun weißt du von nichts?« »Ach Mann, das hat dir die Nacht wohl nur geträumt; besinne dich nur recht, so wird es dir wohl einfallen.« Es ist doch sonderbar, dachte der Bauer, daß man so lebhaft träumen kann, meinte ich doch, ich hätte meiner Frau einen leibhaftigen Hasen geschickt, und nun ist es doch nur ein Traum gewesen.
Eine Zeit darnach trug es sich zu, daß der Bauer auf dem Felde eine Wachtel fing; da schickte er sie durch den Knecht zu seiner Frau und ließ ihr sagen, sie sollte die Wachtel auf den Mittag braten und zurecht machen. Die Frau kriegte das Wachtelchen auch gleich in die Pfanne, und als es nun recht briet und brutzelte, so hatte es die alte Slüksche mit ihrer Schnüffel- nase gleich gewittert und kam in die Küche geschlichen, und als sie da das Wachtelchen so schön braun in der Pfanne liegen sah, sprach sie zu der jungen Frau: »Ach Gott, Nachbarin, das riecht so schön und ist so appetitlich; lasse Sie uns doch ein Stückchen davon probiren.« »Ach nein!« segte die Frau; wenn das mein Mann merkt, so kriege ich Schläge.« »Ach nur ein kleines bißchen«, sprach die alte Slüksche; »das merkt er ja nicht.« Da ließ sich die Frau bereden und schnitt dem Wachtelchen erst, ein Bein ab, und dann das andere, und endlich verzehrten die beiden das ganze Wachtelchen, daß nichts davon überblieb. »O weh,« sprach da die Frau; »was fange ich nun an, wenn mein Mann zu Hause kommt und findet das Wachtelchen nicht?« I >ch, sagte die alte Slüksche; wenn er fragt, so sagt nur, das möchte ihm wohl geträumt haben.« Damit wischte sie ihr Maul und ging weg.
Den Mittag, da die Frau ihrem Manne sein gewöhnliches Essen brachte, fragte er, wo denn das Wachtelchen wäre, das er ihr diesen Morgen geschickt hätte. «Du hast wohl wieder geträumt,« sprach die Frau und that ganz ver- wundert, »ich habe kein Wachtelchen gesehen.« »Ei!« sagte der Bauer, »es ist doch sonderbar, daß man so lebhaft träumen kann.« Aber diesmal hatte er doch gemerkt, daß ihn seine Frau zum besten hatte und dachte, warte nur, dich will ich anführen, schnitt sich drei Haselstöcke und brachte sie heimlich
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in die Kammer. No ja, dachte die Frau, die es gesehen hatte, nun gehts mir aber schlecht. Sie wußte sich aber doch zu helfen.
In der Abendzeit, während ihr Mann nicht zu Hause war, ging sie zu der alten Slükschen und sagte zu ihr: »Wißt Ihr was? Ihr könntet diese Nacht wohl mal bei meinem Manne in der Kammer schlafen.'. Liebend gern, sagte die alte Slüksche, »das will ich wohl tun.« Und den Abend ging sie hin und legte sich in der Frau ihr Bett. Bald darnach kam der Bauer, der meinte, seine Frau läge da im Bette, im Dunkeln hereingeschlichen, schnitt ihr die Haare ab und prügelte sie so lange bis die drei Haselstöcke in Stücken waren, dann gab er ihr noch einen Schub, daß sie aus der Thüre flog.
Am andern Morgen aber brachte die Bauersfrau ihrem Manne ganz ver- gnüglich den Kaffee. Sprach der Mann: »Nun Frau, wie haben die Schläge geschmeckt?« »Welche Schläge?« »Nun die mit den drei Haselstöcken.« »Ich glaube gar, du hast wieder geträumt; ich habe keine Schläge gekriegt.« »So? dann habe ich dir auch wohl die Haare nicht abgeschnitten? Setz mal gleich deine Mütze ab.« Das that die Frau, und da sah der Bauer, daß sie noch alle Haare auf dem Kopfe hatte. »Hol mich der Kuckuck,« rief er da, »nun sehe ich doch wohl ein, daß alles nur ein Traum gewesen ist.«
Die alte Slüksche mit der Schnüffelnase hatte aber noch lange einen blauen Buckel zu tragen und schnüffelte so bald nicht wieder.
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28. Die zwei Brüder.
Es war einmal ein Bauer, der wurde so arm, daß er nur ein einziges Pferd behielt. Da nahm er einen Fischteich in Pacht, daß er sich von der Fischerei ernähren möchte. In dem Teiche hatte er schon mehrmals einen mächtig großen Fisch bemerkt, der ging niemals in das Netz hinein, aber der Mann hatte nicht eher Ruhe noch Rast, bis er den Fisch doch endlich ge- fangen hatte. Da er ihn nun ans Land legte, that der Fisch sein Maul auf und sprach: »Du hast mich nun in deiner Gewalt, Fischer, und ich merke wohl, daß ich nicht wieder fortkomme; darum befolge meinen Rath und nimm, wenn du mich geschlachtet hast, mein Herz, meine Leber, meine Galle und vier von meinen Floßfedern; das Herz gib deiner Frau zu essen, die Leber Deinem Pferde, die Galle dem Hunde und die Floßfedern vergrabe unter dem Tropfenfall. Wenn du das thust, so wird es dein Glück sein.« Da that der Mann, wie der Fisch ihm gesagt hatte.
Über eine Zeit, so gebar des Fischers Frau zwei Knaben, das Pferd warf zwei Füllen, der Hund zwei Junge, und als der Fischer unter dem Tropten- falle nach den Floßfedern sah, so waren daraus zwei Schwerter und zwei Pistolen geworden. Die beiden Kinder, da sie größer wurden, hatten eine sonderliche Lust, mit den blanken Waffen zu spielen ; das sah aber ihr Vater
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gar nicht gern, nahm sie ihnen weg und versteckte sie oben im Hause unter den Hahnenbalken ; die Kinder wußten sie aber doch wieder in ihre Hände zu bringen. Als sie sechzehn Jahre alt waren, sprach der, welcher zuerst geboren war, zu seinem Bruder: »Es läßt mir hier zu Hause keine Ruhe mehr; ich will jetzt fort in die Fremde und sehen, daß ich mein Glück mache.« Er nahm ein Pferd, einen Hund, ein Schwert und eine Pistole, verabschiedete sich bei Vater, Mutter und Bruder und ritt weg in die weite Welt hinein. Vorher stieß er aber noch ein Messer in einen Baum, daß sein Bruder daran erkennen könnte, ob es ihm gut ginge oder ob ihm ein Unglück widerfahren sei.
Er ritt eine lange Zeit; da kam er endlich an den königlichen Hof, da waren alle Geländer schwarz mit weißen Knöpfen darauf. In dem Wirthshause dem Schlosse gegenüber nahm er Herberge und fragte sogleich den Wirth, was denn das zu bedeuten hätte; die Gitter um das königliche Schloß wären ja alle ganz schwarz mit weißen Knöpfen. Sprach der Wirth: »Das kommt daher, weil die junge Prinzessin morgen dem Drachen geopfert werden muß.« »Warum wird der Drache denn nicht getödtet?« fragte er. »Ach Gott«, sprach der Wirth; »es haben schon viele versucht, denn der König hat dem seine Tochter versprochen, der den siebenköpfigen Drachen besiegen würde, aber sie sind alle ums Leben gekommen.« Da faßte er den Entschluß,' das Wage- stück zu unternehmen und ritt den andern Tag zur bestimmten Stunde den Drachenstein hinauf. Da saß die Prinzessin und war ganz schwarz an- gezogen und weinte und erwartete jeden Augenblick den greulichen Drachen, und indem, so kam das Ungeheuer auch schon heulend und mit Gebrause durch die Luft dahergeflogen und wollte die Prinzessin verschlingen. Aber der Junge ritt ihm muthig entgegen, schwang sein Schwert, und wie er den ersten Hieb that, so flogen drei Köpfe ab, mit dem zweiten Hiebe wieder drei und als er zum dritten Male sein Schwert schwang, lag der siebente und letzte Kopf des Drachen auf dem Boden. Da hatte er die Prinzessin erlöst; die dankte ihm und wollte ihn gleich mit zu ihrem Vater nehmen. Er wollte aber nicht, so viel sie auch bat, sondern sprach: »Erst muß ich noch weiter in die Welt hinein, bis über ein Jahr, da will ich wiederkommen, wenn ich dann noch am Leben bin.« Weil er sich nun gar nicht halten ließ, so schenkte ihm die Prinzessin zum Andenken ihr seidenes Tuch und dem Pferde und dem Hunde, die bei dem Kampfe treulich mitgeholfen hatten, gab sie von ihrem Korallenhalsbande jedem drei Schnüre um den Hals. Daraufschnitt der Junge den sieben Drachenköpfen die Zungen aus, wickelte sie in das seidene Tuch der Prinzessin, und nachdem er von ihr Abschied genommen hatte, ritt er wieder den Berg hinab in das Wirthshaus, zahlte seine Zeche und sprach zu dem Wirthe, wenn ein Jahr vergangen wäre, so käme er wieder zurück ; damit zog er weiter fort.
Nun war da an dem königlichen Hofe ein alter General, der hatte aus der
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Ferne alles mit angesehen, was sich auf dem Drachenstein zutrug, und da er sah, daß der, welcher den Drachen getödtet hatte, fort und die Prinzessin allein war, stieg er zu ihr hinauf und bedrohte sie mit heftigen Worten, daß sie schweigen oder auf der Stelle sterben müßte; und dann nahm er zum Wahr- zeichen die sieben Drachenköpfe mit und ging mit der Prinzessin zu ihrem Vater dem Könige und gab sich für den aus, der den Drachen besiegt und die Prinzessin erlöst hätte. Die Prinzessin stellte aber die Bedingung, daß erst über ein Jahr die Hochzeit gefeiert werden sollte.
Der rechte Drachentödter war unterdeß weiter geritten und kam an ein fließendes Wasser, da hinüber führte eine Brücke, die war so beschaffen, daß sie wegfloß, wenn einer hinüber war. In demselben Augenblicke, da der Junge auf der andern Seite ankam, wurde die Brücke auch von dem Strome hinweggerissen. »Das ist noch einmal gut gegangen«, sprach er, »es war Zeit, daß ich hinüberkam.« Nicht lange war er geritten, so kam er an ein ver- wünschtes Schloß, da war kein Baum und kein Strauch und War alles still und öde. Bei dem Schlosse war aber ein großer Pferdestall mit vielen Pferden darin; denen kam der Hafer von selber in die Krippen; da brachte der Junge sein Pferd in den Stall und ging dann in das Schloß hinein.
In dem Schlosse waren zwei Junfern; die eine war weiß, die andere war schwarz; die weiße lag im Bett und war nicht lebendig und auch nicht todt und konnte kein Wort sprechen; die schwarze aber redete den Jungen an und sprach: »Du hast hier eine schwere Aufgabe zu vollbringen, wenn du uns und unser Schloß erlösen willst. Drei Nächte hintereinander mußt du wachen und darfst kein Auge zuthun; schläfst du aber ein, so ist hier noch eine alte Zigeunerin, die macht dich todt.« Darnach brachte sie ihn in ein schönes Zimmer, gab ihm gutes Essen und Trinken und ließ ihn allein. Bis drei Uhr in der Nacht hielt es der Junge aus und blieb wach, da wurde er aber auf einmal so müde, daß er fest einschlief. Da kam die alte Zigeunerin hereingeschlichen und trug ein großes Beil in der Hand, damit hackte sie den Jungen in vier Stücke, trug ihn in ein Faß und salzte ihn ein.
Um dieselbe Stunde stand der andere Bruder daheim bei dem Messer und sah, daß es auf einmal rostig wurde. »Nun ist mein Bruder in großer Noth,« sprach er; »aber ich lasse ihn nicht im Stich, es mag kommen wie es will.« Sogleich setzte er sich auf sein Pferd, nahm seinen Hund, sein Schwert und seine Pistole mit, verabschiedete sich bei Vater und Mutter und zog fort, seinen Bruder aufzusuchen.
Er kam auch in die Stadt und in dasselbe Wirthshaus, wo sein Bruder zuletzt eingekehrt war, und als ihn der Wirth kommen sah, meinte er, es wäre der andere und sprach: Ihr kommt ja früh zurück; ich meinte, Ihr wolltet erst über ein Jahr wieder hier sein, und jetzt ist doch kaum ein halbes verflossen.« »Ach, Herr Wirth« , sagte der Junge; »Ihr haltet mich gewiß für
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meinen Bruder; könnt Ihr mir vielleicht sagen, wo er hingeritten ist?« Da zeigte ihm der Wirth den Weg, den sein Bruder geritten war. Er zog die Straße weiter fort und kam an das Wasser und die Brücke, und als er da hinüber ritt und eben auf der andern Seite war, floß sie hinweg. »Das ist noch einmal gut gegangen«, rief er; »es war Zeit, daß ich hinüberkam.« Als er nun immer weiterzog, fand er auch das Schloß, daraus kam ihm seines Bruders Hund entgegen gelaufen, und in dem Stalle, wo den Pferden der Hafer von selber in die Krippen fiel, stand seines Bruders Pferd. Da sah er wohl, daß hier oder nirgends sein Bruder zu finden sei, band sein Pferd in den Stall und ging in das Schloß hinein.
Es waren da auch wieder die beiden Junfern, eine weiße und eine schwarze; die weiße lag noch immer im Bette; sie lebte nicht und war nicht todt und konnte kein Wort sprechen. Die schwarze war aber schon etwas weiß geworden, weil der erste Bruder bis drei Uhr in der Nacht gewacht hatte, und als sie der andere fragte, ob sein Bruder nicht hier wäre, erzählte sie ihm, wie es dem ergangen sei, daß er eingeschlafen wäre und daß ihn die alte Zigeu- nerin ums Leben gebracht hätte. Da ruhte der Junge nicht eher, bis er das alte Weib fand, das sich versteckt hatte, und da mußte sie aus ihrem Schlupfwinkel heraus, und der Junge bedrohte sie und sprach: »Verdammte alte Hexe! gieb meinen Bruder heraus, oder ich haue dich in eine halbe Stiege Stücke!« Da wurde das Weib bange, lief schnell hin und machte den Bruder wieder lebendig. Als der andere sah. daß sein Bruder wieder am Leben war, schwang er sein Schwert und hackte der alten Hexe den Kopf ab.
»O weh!« sprach da die schwarze Junfer; »nun kann das Schloß nicht anders erlöst werden, als wenn ihr den sieben Nägeln, die dort hinter der Thür in der Wand sitzen, mit zwei Hieben die Köpfe abhaut.« Der zweite Bruder zog sein Schwert zuerst, und mit dem ersten Hiebe, den er that, flogen von fünf Nägeln die Köpfe ab und aus jedem Nagelkopfe floß ein Tropfen Blut. »So, Bruder; nun haue du die andern ab; du bist zwar eine gute Weile eingesalzen gewesen, aber ich denke, die beiden letzten Köpfe wirst du doch wohl herunterbringen.« Da nahm der erste Bruder, der solange im Salze gelegen, alle seine Kraft zusammen und hieb mit seinem Schwerte den beiden letzten Nägeln auch glücklich die Köpfe ab und aus jedem Nagelkopfe floß wieder ein Tropfen Blut.
In diesem selben Augenblicke hörte aber auch die Verwünschung auf. Trompeten erschallten, Bäume und Blumen wuchsen aus der Erde und wurde auf einmal ein Gewühl von Menschen, die da alle mit verwünscht gewesen waren. Da wurde auch die schwarze Prinzessin ganz weiß, und die weiße, die nicht lebendig und nicht todt war, erwachte nun aus ihrem Zauberschlafe und wurde wieder frisch und lebendig. Ihr gehörte das Schloß; und da heirathete sie den jüngsten Bruder und hielt Hochzeit mit ihm.
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Der älteste Bruder aber, als die Hochzeit zu Ende war, zog wieder von da fort nach der Stadt, wo die Prinzessin wohnte, die er von dem Drachen erlöst hatte und kehrte wieder in dem Wirthshause ein, das dem Schlosse gegen- über lag. Es war aber zu der Zeit gerade ein Jahr vergangen, seit er von hier fort war. Sprach derWirth: Das heiß ich pünktlich sein; heute vor einem Jahre sah es hier traurig aus, heute aber ist Hochzeit drüben auf des Königs Schlosse, denn die Prinzessin heirathet den alten General, der den Drachen getödtet hat. Ein Jahr hatte sie sich ausbedungen und das ist heute herum. »Glaubt Ihr denn wohl, Herr Wirth \ sprach der Junge, daß mir mein Hund von dem Braten holt, der vor der königlichen Prinzessin auf dem Tische steht r
Das kann nicht sein , meinte der Wirth und verwettete eine große Summe, daß das nicht möglich wäre. Da hing der Junge dem Hunde die drei Reihen Perlen um, die ihm die Prinzessin gegeben, steckte ihm hinten in das Nacken- haar einen Zettel, worauf er schrieb: Ich wünsche Braten von der königlichen Tafel zu haben,« und schickte ihn hinüber in das Schloß. Obgleich ihn die Wache nicht durchlassen wollte und Halt! gebot, so kehrte sich der Hund doch nicht daran, sondern ging gerades Wegs in den Saal zu der Prinzessin, die mit dem ganzen Hofstaate bei Tafel saß und klopfte ihr mit der Pfote auf den Schooß. Da erkannte die Prinzessin den Hund an den drei Reihen Perlen, ging mit ihm in das Nebenzimmer und fand in seinem Nackenhaar den Zettel, worauf geschrieben stand: »Ich wünsche Braten von der königlichen Tafel zu haben.« Nachdem die Prinzessin dem Hunde einen Korb mit Braten ins Maul gegeben, ließ sie der Schloßwache sagen, sie sollte den Hund nur frei passiren lassen. Der kam mit dem Braten auch getreulich zu seinem Herrn, und der Wirth mußte die Wette bezahlen.
Die Prinzessin, welche nun wohl sah, daß ihr Befreier angekommen war, bat ihren Vater, den König, daß er den Herrn, dem der Hund gehörte, holen lassen sollte. Da gab der König ihren Bitten nach, und ließ ihn in einer Kutsche mit vier Schimmeln auf das Schloß holen. Er setzte sich ganz bescheiden zu unterst an die Tafel, darauf lagen zur Schau die sieben Köpfe des Drachen, und es wurde von den Gästen viel von der Tapferkeit des alten Generals hin und her gesprochen. Da stand der Junge ganz gelassen auf, sah den Drachenköpfen in den Schlund und fragte wie das wäre; ob die Drachen denn keine Zunge hätten? »Nein!« sprach schnell der alte General, »Drachen haben keine Zungen.« »Das haben sie doch! sprach der Junge, »und wer den Drachen getödtet hat, der muß auch wissen, wo die Zungen geblieben sind. Damit band er sein seidenes Tuch auf. nahm die sieben Drachenzungen heraus und zeigte sie den Gästen, und als er sie den Drachen- köpfen in den Schlund hielt, so paßten sie ganz genau. Als der alte General das sah, wTollte er flüchten, aber der König ließ ihn von der Wache fest- nehmen und sah nun wohl, wer der rechte Drachentödter gewesen war; dar-
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nach so heirathete der Junge die königliche Prinzessin. Der treulose alte General wurde aber zur Strafe von vier Ochsen mitten auseinandergerissen.
29. Der Schmied und der Pfaffe.
Es war ein loser Pfaff, der hatte dem Schmied seine Frau gern und sie ihn; weil aber die beiden bange waren, daß der Mann etwas merken thäte, so sann der Pfaff einen Streich aus, wie er den Schmied könnte von da weg- schaffen. Darum so ging der Pfaff zum Edelmann und sprach: »Ihr habt da in Eurem Dorf einen sehr kunstreichen Schmied, der kann machen was er will; und ist seine Kunst so groß, daß er Euch in einer Nacht ein Schloß auf den Hof baut; aber Ihr müßt es ihm befehlen bei Leib und Leben, sonst thut ers nicht.« Da ließ der Edelmann den Schmied vor sich kommen und sprach: »Ich habe so viel von deiner Kunst reden hören, daß ich dich einmal auf die Probe stellen will; so baue mir denn ein Schloß auf meinen Hof, aber in einer Nacht mußt du damit fertig sein.« »Ach Gott, Herr,« sprach der Schmied; »das ist ja nicht möglich, das kann und kann ich nicht.« »Ich sage dir,« rief der Edelmann, »ist morgen früh das Schloß nicht fertig, so lasse ich dich aufhängen, ohne Gnade und Barmherzigkeit.« Da ging der Schmied ganz traurig fort und nach Hause zu seiner Frau. »Ach Frau,« sagte er, »ich soll dem Edelmann noch in dieser Nacht ein Schloß bauen, und wenn ich das nicht fertig bringe, so muß ich sterben.« »Da ist kein anderer Rath,« sprach die Frau, »als du mußt fort und das diesen Abend noch.« »Ja,« sagte er; »ehe ich so mein Leben lasse, will ich lieber fortwandern, so weit mich meine Füße tragen wollen.« So schnürte er denn in der Eile sein Bündel, nahm traurig von seiner Frau Abschied und ging weg- und gedachte niemals wieder zu kommen. Das wars, was der Pfaff und die Frau eben gewollt hatten.
Mit Anbruch der Nacht kam der Schmied in einen Wald; da begegnete ihm ein grauer Mann, der redete ihn an und fragte: »Wohin mein lieber Schmied?« »Ach!« sagte der Schmied; »ich sollte noch in dieser Nacht dem Edelmann ein Schloß bauen, das hat er mir befohlen bei Todesstrafe; und weil ich das nicht kann, so will ich nun gehen, so weit mich meine Füße tragen können.« »Geh nur wieder nach Hause,« sprach der graue Mann; »ich will es schon für dich ausrichten; morgen früh zur rechten Zeit soll das Schloß fertig sein.« Da kehrte der Schmied wieder um und ging nach Hause zu seiner Frau. Die Frau wollte gerade hin und den Pfaffen holen, und als sie nun auf einmal ihren Mann wieder ankommen sah, rief sie ganz verwundert: »Ach Gott, Mann, kommst du schon wieder; wie will das nun werden, wenn morgen früh das Schloß nicht fertig ist.« »Es mag nun kommen wie es will,« sprach der Schmied, »aber ich kann und kann es nicht aushalten, von
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dir und von Haus so lange fort zu sein. Damit legte er sich zu Bett und schlief ein.
Den andern Morgen stand der Edelmann schon ganz früh auf und sah aus dem Fenster und traute seinen Augen kaum, denn vor ihm auf dem Hofe stand ein neues prächtiges Schloß, das glänzte ihm entgegen in den Strahlen der ersten Morgensonne. Als das der Pfaff erfuhr und sah, daß sein Anschlag nicht geglückt war, ging er wieder zu dem Edelmann und sprach: »Seht Ihr nun wohl, daß der Schmied die Kunst versteht; jetzt sagt ihm, daß er Euch auch noch bis morgen früh den Himphamp vor das Schloß bringt; Ihr müßt es ihm aber bei Leib und Leben anbefehlen, sonst thut ers nicht.« Da ließ der Edelmann den Schmied zum zweiten Male vor sich fordern. Sprach der Edelmann: »Du hast das Schloß ganz zu meiner Zufriedenheit aufgebaut ; nun bringe mir auch noch bis morgen früh den Himphamp vor das Schloß, das wird dir wohl mit deiner Kunst ein Leichtes sein.?« »Ach Herr«, sagte der Schmied, »wie soll ich Euch den Himphamp bringen, und weiß doch nicht was das ist; das kann und kann ich nicht.« »Einerlei 1« sprach der Edelmann; »ich sage dir, ist morgen früh der Himphamp nicht vor meinem Schlosse, so lasse ich dich aufhängen ohne Gnade und Barmherzigkeit.« Da ging der Schmied traurig fort und nach Hause zu seiner Frau. »Ach Gott, Frau«, sagte er; »nun soll ich gar dem Edelmann den Himphamp schaffen bis morgen früh, und wenn ich das nicht kann, so will er mich aufhängen lassen ohne Gnade und Barmherzigkeit.« »Da ist kein anderer Rath,« sprach die Frau, »als du mußt noch diesen Abend fort von hier.« »Ja«, sagte er, das wird das Beste sein; ehe ich so mein Leben lasse, will ich doch lieber fortgehen, so weit mich meine Füße tragen können.« So schnürte er denn sein Bündel und ging fort mit traurigem Herzen. Das hatten aber der Pfaff und das treulose Weib nur gewollt; und nicht lange war er weg, so schlich der Pfaff zu dem Weibe in das Haus hinein.
Der Schmied kam unterdessen wieder in den Wald und wieder begegnete ihm der graue Mann und fragte: »Wohin mein lieber Schmied?'; »Ach!« sagte der Schmied; »nun der Edelmann das Schloß hat, nun will er auch den Himphamp haben, und weil ich den nicht schaffen kann, so will ich gehn, so weit mich meine Füße tragen können.« »Das hat kein anderer als der Pfaffe schuld,« sprach der graue Mann, »der hält's mit deiner Frau und will dich gerne aus dem Wege schaffen; aber geh nur wieder nach Hause, da sind die beiden grad beisammen; und wenn du dann siehst, daß der Pfaff deiner Frau einen Kuß giebt, so sprich Halt fest!« nimm deine Peitsche und klappe die beiden vor dir her aus dem Hause die Straße entlang zu des Edelmanns Schlosse hin; und wenn wer kommt und will sie voneinanderreißen, so sprich wieder: »Halt fest!« so werden sie alle aneinander fest hängen, bis du sprichst: »Laß los!« Das wird ein schöner Himphamp werden.« Da bedankte sich der Schmied
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bei dem grauen Manne und kehrte wieder nach Hause um. Es war am frühen Morgen, als er wieder in sein Dorf kam, und als er sieh nun leise in sein Haus schlich, 50 sah er wie der PfafT seiner Frau grad einen Kuß gab. »Halt fest!« rief der Schmied. Da der PfafT die Stimme des Schmiedes hörte, wollte er eilig fortspringen, aber o weh ! er saß an der Frau fest wie angeleimt. Da nahm der Schmied seine Peitsche von der Wand und klappte die beiden vor sich her aus dem Hause hinaus die ganze Straße entlang, und als sie vor dem Pfaffen sein Haus kamen, trat gerade die Magd mit einer Schürze voll Heu heraus und wollte der Kuh das Morgenfutter bringen. Die Magd, da sie ihren Herrn in der schlimmen Lage sah, lief schnell herbei und faßte ihn an, um ihn ins Haus zu holen, daß die Leute seine Schande nicht sehen sollten. »Halt fest!« rief der Schmied und wie er das gesagt hatte, saß des^ Pfaffen Magd auch fest und mußte mit. Zu der Zeit tutete gerade der Kuhhirt und trieb seine Heerde vor sich her und da kam eine alte Kuh und wollte von dem Heu fressen, das des Pfaffen Magd in der Schürze trug. »Halt fest!« rief der Schmied, und wie er das gesagt hatte, saß die alte Kuh auch fest und mußte mit. Das sah ein Bäcker, der eben den Ofen geheizt hatte und nun dabei war, die Kohlen auszuziehen. Schnell kam er angerannt mit seiner langen Ofenlaute und schlug die Kuh damit. »Halt fest!« rief der Schmied, und wie er das gesagt hatte, saß der Bäcker mit seiner mächtig langen Ofen- laute auch fest und mußte mit.
Der Edelmann war den Morgen schon früh aufgestanden, lag im Fenster und sah auf den Hof hinaus. Da kam der Schmied mit seinem Himphamp angezogen, und als der Edelmann das sah, fing er laut zu lachen an und sprach: »Das hast du gut gemacht, mein lieber Schmied; das ist ein schöner Himphamp, den du mir da gebracht hast; aber laß sie jetzt nur wieder los, daß sie nach Hause gehen können.« Da sprach der Schmied: »Laß los!« und wie er das gesagt hatte, lief ein jeder hin, wo er hergekommen war, der Pfaff, die Frau, die Magd, die Kuh und der Bäcker mit seiner langen Ofen- laute. Der Pfaff hat sich darnach aber so geschämt, daß er niemals wieder in dem Schmied sein Haus gekommen ist.
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30. De rabe un de pogge.
Et kam äis en rabe aneflägen un sette sick an en dik un in den dike satt ne pogge. Do säe de rabe mit siner knörigen stimme täo der poggen : Brauer kum herüt, brauer kum herüt!« »Ne, ne!« säe de pogge, »du hackest mi, du hackest mi! »Ferwahr nich, ferwahr nich!« säe de rabe, un köre säo lange, bet de pogge doch terlest üt'n water herüt kam. Säo bolle awerst de pogge an t land kam, hacke de rabe täo un kreg mine läiwe pogge bin hals. Do fong de pogge an, täo schräien un räip: Heb eck et -nich esegt!
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Heb eck et nich esegt! »Eck heb et jo nich eswoaren, eck heb et jo nich eswoaren!« säe de rabe mit siner knörigen stimme un stök de pogge hendal un mene, wenn häi et nich eswoaren harre, säo brüke häi sin wärt ok nich täo holen.
31. Der harte Winter*).
Es war einmal ein unvernünftig kalter Winter, da gingen zwei gute Kameraden mit einander auf das Eis zum Schlittschuhlaufen. Nun waren aber hin und wieder Löcher in das Eis geschlagen, der Fische wegen; und als die beiden Schlittschuhläufer nun im vollen Zuge waren, versah's der Eine, rutschte in ein Loch und traf so heftig mit dem Halse vor die scharfe Eis- kante, daß der Kopf auf das Eis hinglitschte und der Rumpf ins Wasser fiel. Der Andere, schnell entschlossen, wollte seinen Kameraden nicht im Stiche lassen, zog ihn heraus, holte den Kopf und setzte ihn wieder gehörig auf, und weil es eine solch barbarische Kälte in dem Wrinter war, so fror der Kopf auch gleich wieder fest. Da freute sich der, dem das geschah, daß die Sache noch so glücklich abgelaufen war. Seine Kleider waren aber alle ganz naß geworden; darum so ging er mit seinem Kameraden in ein Wirthshaus, setzte sich neben den warmen Ofen, seine Kleider zu trocknen und ließ sich von dem Wirthe einen Bittern geben. > Prost Kamerad!« sprach er und trank dem andern zu; »auf den Schreck können wir wohl Einen nehmen.«
Nun hatte er sich durch das kalte Bad aber doch einen starken Schnupfen geholt, daß ihm die Nase lief. Da er sie nun zwischen die Finger klemmte, sich zu schnauzen, behielt er seinen Kopf in der Hand, denn der war in der warmen Stube wieder losgethaut. Das war nun freilich für den armen Menschen recht fatal, und er meinte schon, daß er nun in der Welt nichts rechts mehr beginnen könnte; aber er wußte doch Rarh zu schaffen, ging hin und ließ sich anstellen als Dielenträger, und war das eine gar schöne Arbeit tür ihn. weil ihm dabei niemals der Kopf im Wege saß, wie andern Leuten, die auch Dielen tragen müssen.
32. Der Soldat und das Feuerzeug.
Es zog ein abgedankter Soldat die Landstraße daher; sein Geld und seine Wegzehrung waren zu Ende; arbeiten konnte er nicht, stehlen mochte er nicht und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Betteln sein Brod zu suchen. Das gefiel ihm aber auch nicht sonderlich. So kam er einst in
*) Wurde in den fliegenden Blattern abgedruckt. W. B. (Vergl. FL Bl. 1859, Nr. 707, S. 22.)
einen dichten Wald, und ganz verloren in seine trüben Gedanken, kam er vom Wege ab und verirrte sich. Da begegnete ihm ein kleines schwarzes' Männchen, das fragte ihn, was ihm denn fehlte, er wäre ja so traurig? »Ach Gott,« sprach der Soldat, »wie sollt ich nicht traurig sein! Im Kriege ging es lustig her, da hatt ich Geld und Wein vollauf, aber jetzt muß ich Hunger und Durst leiden, meine Kleider sind zerrissen, mein Muth ist hin « Das Männchen tröstete ihn und sprach: »Geh nur diesen Weg hier, so kommst du an ein verwünschtes Schloß, das wird von vielen wilden Thieren bewacht. Vor dem Schlosse liegt ein großer Stein, wenn du dich darauf setzest, so werden die Thiere fürchterlich an zu brüllen fangen, aber bleib nur ruhig sitzen bis die Glocke zwölf schlägt, da schlafen die Thiere ein. Dann geh in das Schloß hinein, da kannst du dir so viel Geld nehmen, daß du deine Lebtag genug daran hast; mit dem Schlage Eins mußt du aber zurück sein, sonst geht es dir schlecht.«
Der Soldat bedankte sich und ging auf dem Wege weiter, den das Männlein ihm gezeigt hatte. Als er nun an das Schloß kam und sich auf den großen Stein setzte, fingen alle die wilden Thiere, die das Schloß bewachten, auf einmal fürchterlich zu brüllen an, aber der Soldat kehrte sich an nichts, blieb ruhig sitzen bis um zwölf, wo die Thiere einschliefen, und ging dann in das Schloß hinein. Zuerst kam er in ein schönes Zimmer, das war ganz voll Kupfergeld und lag ein schlafender Riese dabei. Der Soldat füllte seine Taschen und wollte schon wieder fortgehen, als er noch eine zweite Thür bemerkte. Er machte sie auf und kam nun in ein zweites Zimmer, das war viel schöner als das erste, und auf dem Boden lagen große Haufen Silbergeld, lauter blanke Thaler, und ein Riese lag dabei und schnarchte. Da warf der Soldat schnell sein Kupfergeld wieder fort, steckte seine Taschen voll Silbermünze, so viel nur hineinging und dachte: »Nun hast du dein Lebelang Geld genug, nun sollst nur wieder umkehren.« Er sah aber da noch eine dritte Thür, machte sie auf und guckte hinein, und gut! daß er es gethan hatte, denn da lag lauter rothes Gold in großen Haufen und auch ein Riese dabei, aber der schnarchte und schlief ganz fest, und das Zimmer war so schön, wie der Soldat noch keins in seinem Leben gesehen hatte. Schnell warf er sein Silbergeld weg und packte nun so viel Gold ein, wie er nur tragen konnte und wollte wieder zurückgehen. Da sah er aber noch eine vierte Thür, die machte er auch auf und kam nun in das vierte und letzte Zimmer, das war schöner als das schönste Zimmer in des Königs Schlosse. Geld war da nicht, aber auf der Tafel stand Wein und Braten, der roch so schön, und die Teller, Messer und Gabeln waren von purem Golde. Da setzte sich der Soldat und pflegte seinen hungrigen en nach Herzenslust und trank von dem Weine so viel er nur mochte. Mittlerweile war es aber Zeit geworden, daß er wieder umkehren mußte. Nun hing an der Wand eine Pfeife und ein Tabaksbeutel und auf dem Tische
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stand ein Feuerzeug, das steckte er auch noch alles ein, denn er war ein großer Freund vom Rauchen, und darnach so beeilte er sich, daß er aus dem Schlosse noch zu rechter Zeit wieder herauskam. Es war auch die höchste Zeit gewesen, denn kaum war er wieder bei dem großen Stein angelangt, so schlug die Glocke Eins, und die wilden Thiere erwachten und brüllten fürchterlich.
Der Soldat ging nun mit seinem vielen Gelde weiter, kam auch glücklich aus dem Walde und gelangte in die Stadt, wo der König Hof hielt. Er er- kundigte sich gleich nach dem vornehmsten Gasthofe, ging hinein und verlangte Herberge und weil er so zerlumpt und schmutzig aussah, brachte ihn der Wirth in die Bedientenstube. »Das ist ja hier eine elende Wirthschaft«, sprach der Soldat; »bringt mir Wein her!« Da ging der Wirth hin und holte eine Flasche von der schlechtesten Sorte und meinte, die wäre für so einen Lump wohl gut genug; aber der Soldat, der in dem verwünschten Schlosse den köstlichen Wein getrunken hatte, wußte wohl was gut schmeckte, probte den Wein, schnitt ein Gesicht und rief: »Bah! der Wein ist ja gar nicht zu ge- nießen! Bringt bessern her!« Der Wirth bequemte sich und holte eine Flasche von der Mittelsorte; aber der Soldat, da er ihn geprobt hatte, rief wieder: »Bah! bringt bessern her! Es koste, was es will; hier ist Geld!« Damit warf er ein paar Goldstücke auf den Tisch. Als das der Wirth sah, wurde er auf einmal ganz höflich, ging in den Keller und brachte eine Flasche vom besten. »So!« sprach der Soldat, »der läßt sich trinken. Nun gebt mir auch ein besseres Quartier, daß ich aus diesem elenden Loche komme.« Da brachte ihn der Wirth mit tiefen Bücklingen in das schönste Zimmer, das er im Hause hatte. »Jetzt, Herr Wirth!« sprach der Soldat, »bringt mir einen Juden her, daß er mir Kleider und Wagen und Pferde schafft.« Der Jude kam. »Hör mal Jude,« sprach der Soldat, »du kannst mir wohl schöne Kleider schaffen, wie sie der König trägt, auch drei Kutschen und zu jeder Kutsche sechs Pferde; sechs Schimmel, sechs schwarze und sechs Isabellen.« »Das ist recht schön!« schmunzelte der Jud; »aber hat der Herr auch Geld dazu, mit Verlaub zu fragen?« »Hier, Jude, hast du Geld,« sprach der Soldat, griff in die Tasche und warf ein paar Hände voll Goldstücke auf den Tisch. Der Jude strich das Geld schmunzelnd ein und ging unter tiefen Bücklingen zur Thür hinaus. Er hatte auch bald alles aufs beste besorgt, wie es der Soldat gewünscht hatte. Der lebte nun alle Tage in Saus und Braus, und jeden Mittag, wenn er gegessen hatte, fuhr er in seiner Kutsche durch die Stadt und vor des Königs Schlosse vorbei.
Es hatte der König aber drei Töchter, die sahen von ihrem Fenster aus, wie der Soldat in seinem prächtigen Kleide und in seiner schönen Kutsche da jeden Tag vorbei fuhr. Da sprach die älteste: »Das ist gewiß ein reicher Prinz, den will ich mal zu Gaste bitten.« Sie schickte ihren Diener nach dem Gasthofe und ließ den Soldaten zu sich einladen. Er kam auch und brachte eine ganze Tasche voll Goldstücke mit. Nach dem Essen wurde
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Karten gespielt; der Soldat spielte aber so unglücklich, daß er all sein Geld verlor, was er mitgebracht hatte. Den andern Abend ließ ihn die zweite Prinzessin einladen; da erging es ihm auch so unglücklich beim Spiele, daß er wieder sein mitgenommenes Geld verspielte, und das war sein letztes. Den dritten Abend wurde er zu der jüngsten und schönsten Prinzessin ein- geladen, und weil er da für sein Leben gern hinging, sein Geld aber zu Ende war, so verkaufte er Wagen und Pferde und bekam eine hübsche Summe dafür. Damit ging er zu der Prinzessin. Nach dem Essen wurde wieder Karten gespielt, und wieder verlor der Soldat alles Geld, das er mitgebracht hatte. Nun war er so arm, wie er gewesen war, da er seinen Abschied kriegte und bettelnd durch die Welt zog.
Ganz mißmuthig und zerzweifelt ging er in seinen Gasthof zurück und legte sich zu Bett. Er konnte kein Auge zuthun und wälzte sich voll Unruhe von einer Seite auf die andere. Endlich, weil ers im Bette gar nicht aus- halten konnte, stand er auf und ging im Zimmer auf und ab. Da fiel ihm mit einem Male die Pfeife und das Feuerzeug ein, das er mit aus dem ver- wünschten Schlosse gebracht hatte, und wreil ihm seine trüben Gedanken gar keine Ruhe ließen, so dachte er zu seiner Zerstreuung eine Pfeife zu rauchen, nahm das Feuerzeug und pinkte, daß die Funken flogen. So wie er aber1 den ersten Schlag that, stand plötzlich ein allmächtig großer Riese vor ihm, der war einer von den dreien, die in dem verwünschten Schlosse das Geld bewachten. »Was befiehlt der Herr?« fragte der Riese. »Bringe mir einen Sack voll Geld!« sprach der Soldat. Kaum hatte er das Wort gesagt, so war der Riese auch schon wieder fort, und kam bald zurück und schleppte einen großen Maltersack voll Geld herein. »So!« sprach der Soldat; »nun hole mir auch die jüngste Prinzessin her.« Der Riese lief fort und brachte die Prinzessin mit sammt der Bettstelle. Nachdem nun der Soldat die Prinzessin tüchtig ab- geküßt hatte, mußte sie der Riese wieder forttragen.
Den andern Morgen sprach die Prinzessin zu ihrer Mutter: >Ach liebe Mutter, diese Nacht wars mir doch gerade, als hätte mich ein Riese mit der Bettstelle zu einem schönen Prinzen getragen und. der hätte mich geküßt.« * Liebes Kind«, sprach die Mutter, »das sind Träume, denke nicht mehr daran.«
In der folgenden Nacht nahm der Soldat wieder sein Feuerzeug und schlug Feuer. Sogleich erschien der Riese und fragte: »Was befiehlt der Herr?« >Hole mir die Prinzessin her«, sprach der Soldat. Der Riese lief fort und brachte sie mit sammt der Bettstelle. Nachdem nun der Soldat die schöne Prinzessin wieder tüchtig abgeküßt hatte, mußte sie der Riese wieder forttragen.
Den andern Morgen sprach die Prinzessin zu ihrer Mutter: »Ach liebe Mutter, diese Nacht war mir's doch grade so wieder wie vorige Nacht; ein Riese trug mich zu dem schönen Prinzen und der hat mich geküßt.« »Liebes Kind«, sprach die Mutter, »das sind Träume; denke nicht mehr daran.« Es
So
kam der Königin aber doch sonderbar vor, daß das Mädchen zwei Nächte hinter einander immer denselben Traum gehabt hatte, und weil sie gern gewußt hätte, ob etwas Wahres daran sei, so nähte sie einen Beutel, füllte ihn mit Erbsen, schnitt ein kleines Loch hinein, daß die Erbsen allmählich herauslaufen könnten, und hängte ihn an der Prinzessin ihr Bett. In der Nacht kam der Riese auch richtig wieder an ; während er aber die Prinzessin forttrug, fielen, ohne daß er etwas merkte, die Erbsen nach und nach aus dem Beutel heraus auf den Boden den ganzen Weg entlang, und als nun die Königin am andern Morgen nachsah, merkte sie wohl, daß ihres Töchterleins Träume nicht ohne Grund wraren. Die ausgestreuten Erbsen verriethen ihr den Weg, den der Riese gegangen war, nach dem Gasthause bis vor des Soldaten Zimmer- thür. Da nahm sie den Wirth heimlich beiseite und befragte ihn, wes Standes und Herkommens der Gast wäre, der da bei ihm im Hause wohnte. Der Wirth sprach, er wüßte es selber nicht so recht, aber es müßte wohl ein ab- gedankter Soldat sein, der plötzlich zu vielem Gelde gekommen sei; als er angekommen, hätte er eine alte schmutzige Soldatenuniform getragen. Da lief die Königin schnell hin und holte die Wache, die nahm den Soldaten, ehe er sich's versah, gefangen und brachte ihn in einen festgemauerten Gefängniß- thurm. Der König, da er die Sache erfuhr, verurtheilte den Soldaten zum Tode. Nun hätte sich der Soldat leicht befreien können, wenn er nur sein Feuerzeug gehabt hätte, das hatte er aber in der Eile in seinem Gasthofe liegen lassen. Den andern Tag sollte er hingerichtet werden. Da saß er nun schon des Morgens ganz früh, da eben der Tag anbrach, ganz traurig vor dem Gefängnißgitter, und wie er so auf die Straße hinaussah, ging da gerade seines Wirthes Dienstmagd vorbei und hatte Milch geholt. Da rief er das Mädchen an und versprach ihr viel Geld, wenn sie ihm sein Feuerzeug holen wollte, das er auf seinem Zimmer vergessen hätte. Das Mädchen lief auch schnell hin und brachte es ihm. Da schlug der Soldat Feuer und sogleich stand der Riese vor ihm und fragte: »Was befiehlt der Herr?« »Befreie mich aus diesem Gefängnisse«, sprach der Soldat. Da lief der Riese fort und holte seine beiden Kameraden, und nun brachen sie die Mauer entzwei, daß der Soldat glücklich in Freiheit kam. Als das geschehen war, sprachen die Riesen: »Wir haben dir nun so viele Dienste geleistet, daß du uns auch wohl den Gefallen thun kannst, uns zu erlösen. In dem verwünschten Schlosse hängt in dem ersten Zimmer ein Schwert an der Wand, damit mußt du uns und den wilden Thieren die Köpfe abschlagen, dann hört die Verwünschung auf. »Ja,« sagte der Soldat, »so schwer es mir auch wird, an euch meinen Wohl- thätern so zu handeln, wenn es nicht anders sein kann, will ich es doch gerne thun. Nur müßt ihr mir aber noch zu guter Letzt die jüngste Prinzessin holen, denn ohne die kann ich nicht leben.« Da liefen die Riesen fort und brachten sie ihm. Der Soldat nahm sie nun mit nach dem verwünschten
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Schlosse. Dort setzte er sich wieder auf den großen Stein bis die Glocke zwölf schlug, ging dann in das Schloß, fand das Schwert und hieb damit den Riesen und den wilden Thieren, die das Schloß bewachten, die Köpfe ab. Da ertönte auf einmal die schönste Musik und entstand ein Gewühl fröhlicher Menschen, die huldigten dem Soldaten als ihrem König. Der Soldat aber hielt bald darnach Hochzeit mit seiner schönen Prinzessin.
33. Der Bettler aus dem Paradies.
Et was äis ne fräo der störv ör mann, un anse däi en jähr dote was, fräie de fräoe weer; säi harr et 'r awerst nich ten besten mee drapen. De mann stund den ganzen dag un schult, un wenn de fräoe äis wat nich rech emaoket harre, säo sä häi jümmer: »du gösekopp, du gösekopp!« Ör selige mann harr awerst Martin ehäiten. »Och gott, dachte do de fräoe, wenn doch min selige Martin noch liäwe, wenn doch min selige Martin noch liäwe!«
Do kam äis täo der fräoen, anse ör mann jüst nich inne was, en ölen bädeler un bidde um en almosen, un de fräoe frage ohne, »wo häi denn här wörer« »Eck bin ut Paris«, säe de bädeler. »Och, gott«, säe de fräoe, »wenn ji ut'n Paradise sind, säo kenne ji dar ok wol minen seligen Martin.« »Jao!« säe de bädeler, »dar sind awerst viäle Martins; dar is en lütken Martin, en langen Martin, en dünnen Martin, en dicken Martin.« »De dicke«, säe de fräoe, »däi is et. Nanu segget mi äis, wo geit et ohne denn dar?« »Och«, säe de bädeler, »dene geit et ganz bedreuwet, sin tüg is klaterig un geld hat häi ok nich mehr un mot snurren gaen anse ek ok.« Do wörd de fräoe ganz bedreuwet, dat et öhren Martin in jönner weit säo power gung, un frage den bädeler, of häi denn wol bolle weer mit öhren Martin te hope käime. »Eck denke«, säe de bädeler, »dat eck'en ünner en paar dagen weer täo säin kriege.« »Will ji denn wol säo gäot wäsen«, säe de fräoe, »un niämen ohne etwas geld un tüg mee? Eck will jük jo geren dervär betalen, denn eck will nich, dat ji et ümme süss däoet.« »Gott ja, worümme dat nich«, säe de bädeler, »jäoe Martin is min beste fründ, un wenn ji wat an ohne täo bestellen hebbet, säo giäwet man her, eck will et jo geren ümme süss mee niämen.« Do gung de fräoe vär öhren kuffer un kreg en büel vull geld herut, un ut'n schappe hale se öhren seligen Martin sin sönndagestüg, dat gaf säi alles den bädeler hen un gaf'n ok noch geld awerher vär sine gefälligkeit. »Och«, säe de bädeler, »dat wöre jo nich nödig ewesen; awerst et is man jüst van wegen der stüer, däi eck vär dat tüg betalen mot, wenn eck dar baben weer awer de grenze küome.« Anse de bädeler nu weggung, bestelle de fräoe noch viäle grüsse an öhren läiwen seligen Martin. »Wäset man ohne sorgen, eck will wol alles richtig bestellen,« säe de bädeler un make, dat häi wegkam, un freie sick, dat häi säo lichtfarig an geld un tüg ekuomen was.
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Mitdessen säo kämm der fräoen öhr mann weer in, un weil se säo vergnügt un lächerlik utkek, säo frage de mann, wat denn passirt würe, säi säige jao säo vergnügt ut? Do verteile säi ohne in aller freide, wo et öhr egaen harre, dat dar äiner ut'n paradise wäsen wöre, de harre öhr kundschopp van öhren Martin ebrocht, un do harre säi ohne, weil häi in jönner weit noth lien moste, en büel vull geld un sin sönndagestüg hen eschicket. »Du göse- kopp!« schult de mann do; »da hast du di doch weer anföhren laten!« un äin, twäi, dräi kreg häi sin pärd ut'n stalle un jage grade achter den bädeler her.
De bädeler, do häi vernam, dat dar äine täo päre achter ohne ankam, wusste glik wol, wat dat täo bedüen harre, tog sick grade ganz splinternäked ut, smet sin tüg in'n graben un sprung jümmer risch in de höchte. Ans de kerel nu anjagen kam un dat sach, frage häi den bädeler, wat häi denn dar täo springen döe? »Och, du läiwe tiet!« säe de bädeler, »wi hebbet dar baben in'n himmel eben en danz eholen, un do bin eck der luken täo nahe kuomen un bin herdal efallen; nu kann eck noch jümmer den rechten sprung nich edräpen, dat eck dar weer henup kuome.« Do frage ohne de mann, >of hier nich eben äine mit'n bündel tüg värbi egaen wöre?« »Ja wol!« säe de bädeler, »jüst eben is häi hier värbi elopen, häi keek sick alle ogenblick ganz ängstliken ümme, of ok wer achter ohne ankam un ans häi dat pärgetrappel höre, läip häi grade dar in dat buschwark henin.« »Denn weset säo gäot un holt äis min pärd,« säe de kerel, »denn säo will eck'n wol kriegen,« gaf den bädeler sin pärd täo holen un läip in dat gebüsch henin. Underdess tog aber de bädeler flink sin tüg weer an, sette sick up den kerel sin pärd un jage weg, säo grade ans häi man könne.
Min läiwe kerel sochte nu dat ganze buschwark dör, aber häi sochte un sochte un könne niks finnen, un ans häi nu weer terügge kam, säo was sin pärd wege mit sammt den manne, däi et harre holen schöllt. Da sach häi wol in, dat häi an eföhrt was, un ärgere sick, dat häi nu doch noch eben säo dumm ewesen was ans sine fräoe, da häi jümmer vär'n gösekopp ut eschullen harre.
Ans häi nu weer na hüs kam, säo frage sine fräoe glik: »No, wo is et? Hast'n weer ekriägen.« »Ja,« säe de mann, »de arme minsche düre mi, dat häi säo viäl te drägen harre up den wien weg, darümme säo heb eck'n ok noch min pärd egiäben, nu kann häi doch ok tewielen rien un brüket nich jümmer te fäote te lopen.« Dat säe awerst de mann man jüst, ümme dat ohne sine fräoe niks utlachen schölle, un hat sä sin liäwe nich weer vär'n gösekopp ut eschullen, wenn sä äis wat verkehrt maoke.
Der Bettler aus dem Paradies.
(Hochdeutsch.) Eine Witwe hatte wieder geheirathet. Ihr zweiter Kerl aber schalt viel, und wrenn sie was nicht recht machte, so sagte er immer »Du Gösekopp«
zu ihr. — »Ach,« seufzte sie oft, »wenn doch mein seliger Martin noch lebte.« — Einst, als ihr Mann nicht zu Haus war, kam ein Bettler. — »Wo seid ihr denn her?« fragte die Frau. — »Aus Paris«, sagte der Bettler. — »Aus dem Pa- radies?« rief die Frau; »dann kennt ihr auch wohl meinen seligen Martin.« — »Tja!« meinte der Bettler; »es giebt da viele Martins; da ist ein kleiner Martin,
ein langer Martin, ein dünner Martin, ein dicker Martin« »Der dicke«,
rief die Frau, »der ist es. Wie geht es ihm denn da?« — »Recht betrübt,« sagte der Bettler; »er muß schnurren gehn, wie ich. Wenn ihr ihm was schicken wollt, so will ich es gern mitnehmen, denn in ein paar Tagen, denk ich, krieg ich ihn wieder zu sehn.« — Da lief die Frau vor das Schapp, holte ihrem Martin sein bestes Sonntagszeug, band es in ein Bündel, nahm einen Beutel voll Geld aus der Lade, reichte alles dem Bettler hin und gab ihm zuletzt auch fürs Mitnehmen noch was extra überher. — »Och«, sagte der Bettler, »das wTäre ja nicht nötig gewesen; aber es ist nur bloß von wegen der Steuer an der Grenze.« — Damit verabschiedete sich der Bettler, nachdem sie ihm noch viele herzliche Grüße an ihren seligen Martin aufgetragen hatte. — Als ihr Mann nach Haus kam, war seine erste Frage: »Warum siehst du denn heute so vergnügt aus?« — Da erzählte sie ihm, was ihr eben passiert war. —»Du Gosekopp!« schrie der Mann. Er setzte sich aufs Pferd und jagte hinter dem Bettelmann her. Dieser, sowie er das Pferdegetrappel hörte, wußte Bescheid. Schnell zog er sich splitternackt aus, warf das Zeug in den Graben und huckte auf einer Stelle immer risch in die Höhe. — »Was machst du denn da?« fragte der Kerl. — »Och, och!« jammerte der Bettler, -wir hatten einen Tanz da oben, da kam ich der Luke zu nah, und nun kann ich noch immer den rechten Sprung nicht treffen, daß ich wieder hin- aufkomme.« Da erkundigte sich der Kerl bei ihm, ob er nicht Wen gesehen hätte mit einem Bündel Zeug. — »Jüst eben,« sagte der Bettler, »lief so Einer, der sich ängstlich umsah, dort in das Buschwerk hinein.« — »Dann will ich ihn wohl kriegen,« rief der Kerl; »halt mal eben mein Pferd sp lange.« — Der Kerl sprang ins Gebüsch, der Bettler zog sich schnell an, schwang sich aufs Pferd und galoppierte davon.
»Na, hast'n wiedergekriegt?« fragte die Frau ihren Mann, als er kleinlaut zurückkehrte. — »Ja,« sagte er, »aber der arme Mensch that mir leid, weil er solch einen weiten Weg hat, und da hab ich ihm auch noch mein Pferd gegeben.
Seitdem sagte er nie mehr Gosekopp zu seiner Frau.
34. Der verwunschene Prinz.
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten nur eine einzige Tochter. Nun begab es sich aber, daß die Frau krank wurde, und weil
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es von Tage zu Tage schlimmer mit ihr ward und sie endlich fühlte, daß ihre Sterbestunde gekommen war, rief sie ihr Kind zu sich ans Bett und gab ihm einen Ring von ihrem Finger und sprach: > Den trage zu meinem An- denken und heb ihn wohl auf.« Darnach legte sie sich und starb ; und noch war kein Jahr seitdem vergangen, da nahm sich der Mann eine andere Frau. Sie war aber gar nicht gut gegen das Kind; das Mädchen durfte nie mit in die Stube kommen, sondern _ mußte immer auf der Diele beim Heerde sitzen, und als einmal die Stiefmutter den schönen goldenen Ring an ihrem Finger sah, fing sie an zu schelten und bedrohte das Mädchen. »Ich sollte dir den theuren Ring eigentlich wegnehmen«, sagte sie ; > aber das sage ich dir, verlierst du ihn, so prügele ich dich, daß du schwarz wirst.« Nun mußte das arme Mädchen alle Tage Wasser schleppen, und als sie auch einmal wieder die Brunnenstange anfaßte, um den schweren Eimer in die Höhe zu ziehen, glitt ihr der Ring vom Finger und fiel in den tiefen Brunnen hinein. Da- rüber fing sie bitterlich zu weinen an. Mit dem, so kam ein Laubfröschlein im Grase dahergehüpft, fing an zu sprechen und fragte: »Was fehlt dir denn, du wackres Mädchen, daß du so bitterlich weinen thust? Das sage mir, so will ich sehen, ob ich dir helfen kann.« »Ach Fröschlein!« sprach das Mädchen, »du kannst mir doch nicht helfen. Ich habe meiner Mutter ihren goldenen Ring in den Brunnen fallen lassen, und wenn das meine Stiefmutter erfährt, so werde ich gewiß Schläge kriegen.« »Sei nur still und laß dein Weinen sein,« sprach das Fröschlein; »wenn ich diese Nacht bei dir in deinem Bettlein schlafen soll, so will ich dir den Ring wohl wieder holen.« »Ach ja liebes Fröschlein,« sprach das Mädchen, »ich will ja gerne alles thun was du verlangst, wenn ich nur mein goldenes Ringlein wieder kriege!« Sprach das Fröschlein: ?So setze mich in den Wassereimer und laß mich in den Brunnen hinab, daß ich dir dein goldenes Ringlein wieder hole.« Da setzte das Mädchen den Laubfrosch in den Eimer und ließ ihn in den Brunnen hinab, da tauchte er unter und kam bald wieder angeschwommen mit dem Ringlein in seinem Maule. Das Mädchen zog ihn wieder herauf, nahm den Ring steckt' ihn voller Freuden an ihren Finger und ging ins Haus und dachte nicht mehr an das Laubfröschlein und was es ihm hatte versprechen müssen. Des Abends aber, da das Mädchen wieder wie immer aut der Hausflur beim Heerde saß und spann, klopfte mit einmal was an die Seitenthüre und rief: »Wackres Mädchen, wackres Mädchen ! was du versprochen hast, mußt du auch halten; setze mich in dein Haus.« Das Mädchen machte die Thüre auf und erschrack ordentlich , denn davor saß das Laubfröschlein. Erst wollte das Mädchen die Thüre wieder zuschlagen ; weil es aber an sein Versprechen dachte, und daß ihm der Frosch wieder zu seinem Ringe verholten hatte, setzte es ihn in ihr Haus herein. Der Frosch hüpfte nun mit an den Heerd und sah zu wie das Mädchen spann. Nachdem, da es Zeit war, schlafen zu
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gehn, ging das Mädchen in ihre Kammer, zog die Thür hinter sich zu und ließ das Fröschlein draußen sitzen. Da klopfte es an die Kammerthür und rief: »Wackres Mädchen, wackres Mädchen! Was du versprochen hast, mußt du auch halten! Setz' mich in deine Kammer.« Das Mädchen hätte lieber das Fröschlein draußen gelassen, aber es dachte daran, was es ihm am Brunnen versprochen hatte, nahm es und setzte es in seine Kammer. Nun zog das Mädchen sein Nachtzeug an, löschte das Licht und legte sich zu Bett und meinte, das Fröschlein würde nun wohl zufrieden sein. Aber nein! es wollte auch bei dem Mädchen im Bette schlafen und rief: »Wackres Mädchen, wack- res Mädchen ! Was du versprochen hast, mußt du auch halten ! Setz' mich in dein Bett.« Da nahm das Mädchen das Fröschlein auch noch zu sich ins Bett und sprach: »So! Nun sei aber auch hübsch still, sonst muß ich dich wieder hinaussetzen.« Bald darnach, weil das Fröschlein ganz stille war, schlief das Mädchen ein. Den andern Morgen aber, als es aufwachte und sich nach dem Fröschlein umsah, war kein Fröschlein mehr da, sondern lag da ein wunderhübscher junger Prinz im Bette, der lachte das Mädchen freund- lich an, küßte es und sprach: »Ich danke dir, daß du mich erlöst hast. Mein Großvater hatte mich in einen Laubfrosch verwünscht, und nicht eher konnte ich wieder eine menschliche Gestalt annehmen, bis mich ein Mädchen freiwillig mit in sein Bett nahm.«
Noch denselben Tag zog nun der Prinz mit dem Mädchen fort in sein Königreich und nahm sie zu seiner Frau und sie hatte es gut bei ihm bis an ihr Ende.
35. Das Hemd des Zufriedenen.
Es war einmal ein reicher König, dem machte das Regieren so viele Sorgen, daß er darum nicht schlafen konnte die ganze Nacht. Das ward ihm zuletzt so unerträglich, daß er seine Räthe zusammen berief und ihnen sein Leid klagte. Es war aber darunter ein alter erfahrener Mann," der erhob sich, da er vernommen, wie es um den König stand, von seinem Stuhle und sprach: »Es giebt nur ein Mittel, daß wieder Schlaf in des Königs Augen kommt, aber es wird schwer zu erlangen sein; so nämlich dem Könige das Hemd eines zufriedenen Menschen geschafft werden könnte und er das beständig auf seinem Leibe trüge, so halte ich dafür, daß ihm sicherlich geholfen wäre.« Da das der Konig vernahm, beschloß er, dem Rathe des klugen Mannes zu folgen und wählte eine Anzahl verständiger Männer, die sollten das Reich durch- wandern und schauen, ob sie nicht ein Hemd finden könnten, wie es dem Könige Noth that. Die Männer zogen aus und gingen zuerst in die schönen volkreichen Städte, weil sie gedachten, daß sie da wohl am ehesten zu ihrem Zwecke kämen; aber vergebens war ihr Fragen von Haus zu Haus nach
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einem zufriedenen Menschen; dem Einen gebrach dies, dem Andern das; so mochte sich keiner zufrieden nennen. Da sprachen die Männer untereinander: