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"CIRCLE NETWORK NEws" P.O. Box 219 MT. HorREB, WI 53572 USA "EINHERIAR BULLETIN" Box 5764 LONDON WC1N 3XX ENGLAND

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IMPRESSUM

DER HAIN erscheint dreimal im Jahr in verschiedenen Buchläden oder wird direkt versandt. Der Umfang einer Ausgabe beträgt mindestens 50 Seiten. Eine Aus- gabe kostet 3,50 DM, ein Abonne- ment (= 4 Ausgaben + Versand- kosten) 19,- DM. Abonniert wird durch Überweisung von Y9,= DE auf das Konto und gleichzeitige Benachrichtigung.

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Die Redaktion dankt Astrid Mo- haupt für die Spende, Ulrich Diehn für das stürmische Gedicht und allen Lesern für die vielen lieben Briefe, Ermunterungen, Ratschläge, Kritiken und zur Veröffentlichung bestimsten Le- serbriefe (aus Platzgründen konnten nicht alle abgedruckt werden).

NR, 5 va 3,50 DH ZEITSCHRIFT FÜR HEIDENTUM UND NATURRELIGION

KONTAKTE GEDICHTE

NATUR UND MEDITATION, TEIL 3

EX ORIENTE LUX - EINE ÜBERHOLTE IDEE ? NEUIGKEITEN

REZENSION: DIE HOHEN STEINE" VON MOYRA CALDECOTT

HEIDENTUM ODER HEIDENTÜHMER ?

ORTE DER KRAFT: KULTSTÄTTEN AUS HEIDNISCHER ZEIT.

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INHALT VORWORT en son unnsen sauna une en DE Serge GESCHICHTLICHES: HEIDENTUM ODER HEIDENTUMER U Re NE Set. SEITE EX ORIENTE LUX - EINE ÜBERHOLTE IDEE Be ge RR en SEITE MEDITATION: NATUR UND MEDITATION, TEIL ER 2 ER he ehe ee SSETTE

ORTE DER KRAFT: KULTSTÄTTEN AUS HEIDNISCHER ZEIT

IM VULKANISCHEN GEBIRGE FRANKREICHSWIES= U..2 0 abe a ernees = SEITE

REZENSION:

"DIE HOHEN STEINE" VON MOYRA GARNDECHTTRE N ae de SEITE BEIORETHEN esaratel er. HR nat eralenn ar ES TE er ERRSELTE ERIERE hans na ch oe A le SEITE hen ee ash ae ne ET EN EL . Serre GEDICHT:

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Liebe Leserin!

Lieber Leser!

Kürzlich sandte air ein Bekann- ter einen dicken Stapel eng- lischsprachiger Heidenmagazine zu. Es war diese Flut an Gruppen, Netzwerken und Zei- tungen, die mich vollkommen überraschte: Wiccas, Druiden, Runenmagier, germanisches Hei- dentum, Heiden gegen Atomkraft, Heiden für altheidnische Feuer- bestattungen, dÖkoheiden - alles war vertrreten. Heidnische Gruppen gibt es nicht nur in England und in den USA (in bei- den Ländern zahlreicher und wohl mit einem besseren Informations- netz versehen als bei uns), sondern auch in Frankreich, den Niederlanden, Irland, Island, Finnland, Kanada und Australien. Da wir (obwohl unser Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum liegt) auch eine internationale Ver- netzung fördern wollen, haben wir einige Adressen ausgewählt und in der Rubrik "Kontakte" veröffentlicht. Alle konnten wir nicht bringen, dafür bieten wir aber ein "Informationspaket" mit Adressen und Informationen an (Näheres steht bei "Kontakte"). Aber nicht nur, daß das Heidentum international größer ist, als ich dachte, überraschte mich. Das deutsche Heidentum mit seiner Unauslotbarkeit erstaunt

mich ebenfalls immer wieder. Da wir - zum Glück - keine großen Organisationen, Kirchen oder Großlogen bilden, erfahre ich aus Leserbriefen immer wieder Neues, Unbekanntes, unter den Mantel der Unscheinbarkeit Ver- stecktes. Dabei sind es keines- wegs immer die "Scenegänger", die, die überall dabei sind und deren Namen jeder kennt, welche intensiv mit den Mächten leben. Oft sind es die Stillen, die Bescheidenen, für die der Umgang mit den Kräften ein selbstver- ständlicher Teil ihres Lebens geworden ist, von dem manchmal nur die besten Freunde wissen.

"Wie leben Heiden?", dazu würde ich gern eine Umfrage machen und einige Antworten (anonym, logo!) im nächsten HAIN abdrucken, ehrliche Antworten, ohne Show und Gefasel. Setz Dich an die Schreibmaschine und schreib' mir etwas über Deine Feste, Deine Riten, Deinen All- tag, eventuelles Engagement für irgendwas und die Reaktionen Deiner Umwelt auf Deine Lebens- einstellung. Vielleicht interes- siert es ja andere Leser, die nicht wie ich jede Woche Post von anderen Heiden bekonnen.

Ein anderer Versuchsballon dieser Art ist die Rubrik "Fra- gen Sie Dr.Odin", die wir ait dem nächsten HAIN einführen wol- len (um es gleich zu sagen: uns

mangelt es keineswegs an Ehrfurcht vor dem großen Asen, aber gerade weil wir Heiden sind, gehört scheinbare Respekt- losigkeit für uns zu einem tie- fen, aber eben auch menschlichen Verhältnis zu den Göttern - siehe Havamal, 1.Odinsbeispiel). In dieser Rubrik wollen wir Raum geben für Leserfragen aller Art (unter Pseudonyn): Rituale, Kräuter, Meditation, Lebens- weise, Philosophie, Basteln usw. Die Antworten sollen gleichfalls von Lesern stammen, die sich zu dem entsprechenden Thema äußern möchten. Mag sein, daß die Idee ein Flop wird, weil Ihr nicht an so einer Art Leserforum interes- siert seid oder meint, daß Wis- sen nur persönlich weitergegeben werden sollte (meinen wir übri- gens auch - aber wir machen graduelle Unterschiede bei der Geheimhaltung, sonst könnte es diese Zeitschrift ja gar nicht geben). Versuchen wollen wir's aber auf alle Fälle.

Zum Schluß möchte ich auf eine Leserfrage eingehen, die uns gelegentlich gestellt wird: die Prage nach Kontaktadressen von Dianic Wiccas oder des Diana-Kults. Nun ist der Diana- Kult eine extrem feministische Richtung, die offenbar keinen Kontakt oder Zusammenarbeit mit männlichen Heiden wünscht, und wir können den entsprechenden Leserinnen leider nur die Mög-

lichkeit einer Anzeige im HAIN oder im "Mescalito" eröffnen. Vielleicht kann ja irgendeine andere Leserin weiterhelfen. Außerdem möchte ich noch zwei völlig verschiedene Arten von Dienst an unserer Mutter Erde erwähnen: zum einen die Aktivitäten der Umweltschutz- gruppe "Greenpeace" (siehe Spar- te "Neuigkeiten“"), zum anderen den "Suggested Earth Rite" der New Yorker Gaia Group, ein Erd- heilungszauber, der an bestinmn- ten Tagen im Jahr gleichzeitig von Heiden auf der ganzen Welt auusgeführt wird (Adresse der Gaia Group siehe "Kontakte"). Euch allen, die Ihr Euch für die Erde und das Leben auf ihr einsetzt, wünscht Euch die Beweglichkeit des Windes, die Energie des Feuers, die Beharr- lichkeit des Wassers und die Erneuerungskraft der Erde

Euer Michael

HEIDENTUM ODER HEIDENTUMER ? EINE AUFFORDERUNG ZUR DISPUTA- TION

Den meisten arrivierten Histori- kern müßten eigentlich die Haare zu Berge stehn, wenn sie den Beginn der sogenannten geschichtlichen Neuzeit betrach- ten. Denn es ist nicht das Licht der Vernunft und Aufklärung, mit der sie sich ankündigt. Es ist vielmehr ein seltsamer, volks- tünlicher Kult, den wir mittler- weile unter dem Stichwort "He- xenkult" kennengelernt haben. Und es sind die Scheiterhaufen der Inquisition, die, lange nach dem "Verenden" des Mittelalters, noch einmal kräftig auflodern. Noch aufsehenerregender als dieses geschichtliche Paradox ist hingegen der Kult selbst in seinen Erscheinungsformen, wie wir ihn aus den Inquisitions- protokollen und zeitgenössischen Werken kennengelernt haben. Sein "plötzliches" Erscheinen auf der geschichtlichen Bühne ist so verblüffend, daß ihn manche His- toriker, wie z.B. Norman Cohn zu einer bloßen paranoiden Er findung der Inquisitoren machen wollten.Andere, wie z.B. Margret Murray sahen in den Erschei- nungsfornen des Kults die Wiederkehr einer uralten vorge- schichtlichen Religion.

Wo sehen aber jene Menschen

Wurzel und Ursprung des Hexen- tums, die sich heute als seine legitimen Erben betrachten? Ein gutes Beispiel dafür ist der Vortrag von Vivianne Crouley auf dem Hexencanmp in Höxter, den Michael in seinem Erlebnisbe- richt in HAIN 4 referiert hat. Er ist meines Erachtens sehr interessant und wirft Fragen auf, deren sich wahrscheinlich die meisten Zuhörer (und viel- leicht auch Leser) gar nicht recht bewußt geworden sind. In ihrer Darstellung wird grund- sätzlich unterschieden zwischen "alter europäischer Religion" und den Religionen der indoger- manischen Stämme, die als patri- archalische Macho-Nomaden aus

der Steppe gekonnen seien. Folge sei eine Bekämpfung der

Die erbarmungslose

an älteuropäischen Religion gewesen, die sich auf-

grunddessen als eine Art

Untergrundreligion in der Defen- sıve sah. Dies sei dann offenbar die eigentliche Wurzel des neu- zeitlichen Hexenkults geworden. Es ist offensichtlich, daß diese Sichtweise von einigen histo- rischen Auseinandersetzungen ausgeht, die völlig hypothe- tischer Natur sind. So ist es z.B, durchaus nicht auszu- schließen, daß der Unterschied zwischen den einwandernden Indo- germanen und den "vorindogerna- nıschen" Völkern gar nicht so groß gewesen sein muß, daß es zu einer brutalen Unterwerfung der Ureinwohner durch die Einwan- derer kam. Gerade bei Germanen, Kelten, Griechen und Rönern(La- tinern) können wir durchaus ei- nen harmonischen Verschnel- zungsprozeß beobachten, der zu kulturellen Gestaltungsformen "wie aus einem Guß" geführt hat. Das wird gerade angesichts des Ausnahmefalls der Inder deut- lich, bei denen die Konfronta- tion mit den Ureinwohnern zu einen brutalen, bis heute unzer- störbaren Kastensysten geführt hat. Im Gegenteil! Eine harmo- nische Synthese wie z.B. zwi- schen "Streitaxtleuten"” und "Me- galithikern" in der germanischen Kultur tührte zu der Legenden-

bildung, daß es sich bei den Germanen schon immer um eine homogene, authochtone Kultur gehandelt hätte - ein Mythos, den erst die moderne Archäologie gebrochen hat. Alteuropäische Bauernkulturen als unversöhn- licher Gegenpart nomadischer Kriegerkasten ? Wenn dieser Konflikt sich in religiöser Be- ziehung drei Jahrtausende lang am Leben gehalten hätte, kann er wohl auch heute noch nicht ganz erledigt sein. Müssen wir uns

also als zeitgenössische Heiden die Frage stellen, ob wir auf der Seite

megalithischer Sanftmut und mystischer Innig- keit stehen, oder eher ab- strakte, vernünftelnde Mannes- tugenden aus indogermanischer Wurzel vertreten ?

Vielleicht ist es hilfreich,

einmal be-

Was die moderne Reli- gionswissenschaft

wenn wir zunächst trachten,

E an den alten europäischen Mythen als

3 indoger- man = isch und was sie als vorindo- rmani nn Basen zu erkennen glaubt. Spielsweise finden wir in

fast allen Mythologien die Ge- schlechter älterer, aber von neueren Göttersippen bekänpfter und überwundener Gottheiten. Das sind in der germanischen Mytho- logie etwa die Riesen aber auch die Wanen. In der griechischen Mythologie denken wir dabei an die Titanen, aber auch an Lamien und Erinyen. Im Hinduismus wäre die Göttin Kali eine solche

vorindogermanische Gottheit.

Wenn wir all diese besonderen Göttergeschlechter betrachten, wird sehr schnell deutlich, daß die These von einem alteuro- päischen Matriarchat vor der

"patriarchalischen" indogerma- nischen Einwanderung eine schwerwiegende optische

Täuschung darstellt: So ist z.B. der offensichtlich vorindoger- man. Chronos/Saturn eine sehr

dominante Gestalt und das glei- che gilt auch für die germa- nisch-wanischen Götter Njörd und Freyr. Auch die ausgesprochen chtonischen Thursen in der ger- manischen Religion zeigen vor allem herrausragende männliche Vertreter(z. B. Ymir, Waf- thrudnir oder Utgard-Loki). Umgekehrt zeigt sich in den neueren indogermanischen "Syn- thesereligionen" ein überragen- der Einfluß mütterlicher, weib- licher Gottheiten, wie z.B. der Moiren und Nornen, Demeters oder Friggas. In den homerischen Hym- nen, einen typischen lite- rarischen Produkt des "olym- pischen" Griechentums sind zwei der vier großen Hymnen Göttinnen gewidmet: Demeter und Aphrodite. Hesiod beginnt seine Theogonie mit einem Preislied auf die neun Musen, einem Urbild weiblicher Priesterbünde. Wir können uns kaum vorstellen, daß es sich hier um typische Erbauungsbücher einer patriarchalischen Diktatur handelt. Dennoch besitzen zahl- reiche Religionswissenschaftler, geschweige denn feministisch orientierte Forscherinnen, die Kühnheit, dieses zu behaupten. Immerhin besteht ja auch die Möglichkeit, daß man hier etwas zu sezieren versucht, was immer eine unteilbare Einheit bildete. Vielleicht haben die Ureinwohner Europas und die einwandernden Völker Religionen besessen, die

sich sehr ähnlich und in denen die Schwerpunkte nur etwas an- ders verteilt waren.

Gerade in einer Beziehung ist die Beschäftigung mit dem Indo- germanischen in den verschiede- nen eurasischen Religionen au- ßerordentlich hilfreich: Wir erkennen dadurch strukturelle und ursymbolische Gemeinsankei- ten der verschiedenen Religions- systeme, die uns einen Schlüssel zu einer Art Urreligion liefern. Und sie lassen uns jede einzelne dieser Religionen anhand des Vergleichs besser verstehen, als dies je durch die geschlossene Betrachtung innerhalb eine s Systems möglich gewesen wäre. Auch auf einer anderen Ebene kommen wir in der Klassifikation der beiden "Kontrahenten" nicht sehr viel weiter. So wird von den Indogermanen behauptet, sie seien ordnungs- und vernunftbe- tont gewesen. Die vorindogerma- nischen Megalithiker aber können auch nicht nur "aus dem Bauch heraus" gelebt haben. wie sollen sie denn auf diese Weise ihre nachgewiesenermaßen hohen Kennt -

nisse auf mathematischen, astro-

nomischem und ingenieurtech-

nischem Gebiet erworben haben ? Und ganz so sanftmütig können sie auch nicht gewesen sein, da die bautechnischen Leistungen des Megalithikuns ein hohes

Maß an Drill und Sklavenhalterähn- liche Verhältnisse vorraus-

setzen.

Angeführt werden als Beleg für indogermanische Hyperrationali- tät auch die neuplatonische Phase der griechischen Religion oder gar den Erstarrungszustand römischer Religiosität in Form einer autoritären Staatsreli- gion. Hier handelt es sich doch aber eindeutig um die Auf- lösungsformen von ursprünglichen Naturreligionen, deren zugrunde- liegende Kulturen und Sozialge- füge längst morsch geworden wa- ren(Durch Verstädterung, Orien- tali-ı2rung, exzessive Krieg- führung usw.). Wie irreführend die historischen Momentaufnahmen dieser Religionen in Zustand ihrer Dekadenz wirklich sind, zeigen die Schriften der Philo- sophen: Statt der instinktiven, urtünlichen Gewißheit der älte- ren mythologischen Schriftstel- ler begegnen wir hier einen spekulativen Chaos(z. B. Cicero: Vom Wesen der Götter). Diese Leute begriffen überhaupt nichts mehr vom Wesen der Götter, weil die Blütezeit ihres Kultes ei- gentlich schon abgelaufen war ! Befassen wir uns noch mit den Thenen mystische Ekstase und schamanistische Wildheit, denen die Indogermanen voller Unver- ständnis gegenüber gestanden haben sollen. Ein eindeutiges Gegenbeispiel ist der germa- nische Odin, den sogar noch historisierende Mythen des Mit-

telalters aus Asien einwandern lassen. Schließlich spielt er eine ähnliche Rolle in der ger- manischen Religion, wie Zeus in der griechischen. Aber gerade er ist der ekstatische Gott par excellence, dem die Leidenschaft mystischen Erlebens kein Opfer zu groß erscheinen läßt. In der indoarischen Religiosität des frühesten Hinduismus treffen wir auf Shiva, aber auch die Maruts und Rudras, ekstatische Männer- bünde, die in Naturgeistern des Sturmwindes widergespiegelt wer- den. Und was erfahren wir von Zeus, in dem man im landläufigen Sinne genau das Gegenbild eines schamanistischen Zauberers er- blicken wird ? Karl Kerenyi teilt uns mit, daß sich Zeus in verschiedenen Mythen u.a. in einen Kukuck, einen Schwan und einen Stier verwandelte. Dies zeugt eher von einer innigen Verbundenheit mit untergründigen tierischen Instinkten, kaum je- doch einem Primat des Intel- lekts.

Trotz all dieser seltsamen Unge- reimtheiten ist es kein Gehein- nis, worin die Nutzanwendung der vorgeschichtlichen Konfronta- tionstheorie (Indogermanen con- tra Ureuropäer) bestand und auch heute noch besteht. Für das feministische Geschichtsbild ergibt sich eine geschichtliche und kulturelle Identität infolge der konkreten Unfaßbarkeit und

Unerkennbarkeit eines vorge- schichtlichen Matriarchats. Zu diesem Zweck werden insbesondere die Kulturen der Megalithzeit als matriarchalisch definiert. Und aus dieser Richtung kommt wahrscheinlich auch ihre ent- sprechende moralisch positive

Wertung im heutigen Wicca-Kult. Nun haben es die Feministinnen von heute mit ihren berechtigten Forderungen wirklich nicht nö- tig, Geschichtslegenden zu ersinnen. Die Formen weiblicher Lebensgestaltung in den großen Hochkulturen überzeugen uns auch so ohne weiteres.

Beliebt war die geschilderte vorgeschichtliche Polarität aber auch noch in einem anderen Zu- sammenhang: Um nämlich dem Na- tionalismus und den Klassenaus- einandersetzngen des vorigen Jahrhunderts zur Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen zu dienen, mit dem Argument, diese würden ohnehin nur zu den minderwertigen und unterlegenen Nicht-Indogermanen gehören. Würde man die Unvereinbarkeit

zweier solcher Kräfte im Europa der Neuzeit mit voller Konse- quenz vorantreiben, so müßte man auch innerhalb des Heidentuns entsprechende Strömungen ausein- anderdividieren. Möglicherweise ist aber jenes Geschichtsbild auch der Grund für eine Eigenart der Wicca-Geschichtsschreibung, die uns schon bei Starhauk auf- gefallen war: Statt den Ursprung der Erscheinungsformen des He- xenkults in konkreten kulturel- len Traditionen der letzten drei Jahrtausende zu suchen, springt man sofort aus dem sechzehnten Jahrhundert zurück in die Stein- zeit. Und damit in eine weitest- gehend ungreifbare, hypothe- tische Vergangenheit, über deren Relikte wir heute nur noch spe- kulieren können. Dennoch würde das geographische Territorium der Hexenverfolgung es nahele- gen, zunächst einmal jene Kulturen zu untersuchen, die vor der Zeit der Christianisierung dort verbreitet waren: Nämlich der germanischen und keltischen. Ein zentrales Symbol in ihren beiden Religionen war der hei- lige Kessel: Uber ihm versöhnen sich die alten Götter mit den Neuen.

würden wir es anders halten, liefen wir Gefahr, entweder unsere Minderwertigkeitsgefühle oder ein Bedürfnis nach Vorherr- schaft in die religiöse Vorge- schichte zu projizieren. M.W.

DREI Yosıs SITZEN IN DER WÜSTE UND MEDITIEREN. AM HORIZONT IST EIN VORUÜBERLAUFENDES KAMEL ZU SEHEN. NACH EINIGEN TAGEN MEINT DER EINE Yocı: "DA DRÜBEN LIEF EIN KAMEL."

NACH ZWEI WOCHEN SAGT DER ZWEITE Yocı: "STIMMT, DA DRÜBEN LIEF EIN KAMEL.”

NACH DREI MONATEN DER DRIT- TE Yosı: "SAGT MAL, SIND WIR ZUSAMMENGEKOMMEN, UM ZU MEDITIE- REN ODER UM ZU QUATSCHEN?!"

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KULTSTÄTTEN AUS HEIDNISCHER ZEIT IM VULKANISCHEN GEBIRGE FRANK- REICHS

l. Vorbemerkung.

Ich bin ein Sohn dieses vulkanischen Gebirges. Die Berg- kuppen gehören zu meinen ersten Erinnerungen. Und nach vielen Abenteuern begrenzen sie heute wieder mein Sein. Diesen Berg- kuppen verdanke ich vieles: All meine wissenschaftlichen und dichterischen Bemühungen, alles, was in mir fähig ist, tief zu fühlen und tief zu schauen.

Gefühl und Wissenschaft? Ein heikles Problem. Aber wer könnte eine einzige Tat nennen, einen einzigen Einsatz, dessen Ursprung nicht in einem Gefühl

läge ? Ohne Gefühl ist keine Bewegung in uns Menschen, weder für den Körper, noch für den Geist.

Gefühl ist auch ein Weg zur Erkenntnis, vorrausgesetzt, man übt ständig Selbstkritik.

Im Europa von heute glaube ich zwei wesentliche Strömungen zu erkennen: eine unheilige Selbstentfremdung der Völker und eine Kulturlosigkeit schier töd- lichen Grades; aber auch bei einer an Zahl geringen Elite das Aufkommen eines neuen religiösen Bewußtseins, das an Klarheit und Entschlosenheit dem Heidentum der Antike weit überlegen ist.

Um dieses neue heidnische Bewußtsein zu stärken, schreibe

ich folgenden Aufsatz.

Schloß von Polignac

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2. Le Puy

Ich glaube behaupten zu dürfen, und das ohne übertrei- bendes Heimatgefühl, daß mein Städtchen Le Puy und dessen Umgebung eine der wichtigsten Kultstättenvorkonmnen waren und blieben, ein Komplex, der an Bedeutung Rom, Delphi, dem Teu- toburger Wald und Jerusalen nicht nachsteht. Bei der Chri- stianisierung gelang es dem Klerus nicht, die vielen Kultstätten durch Umfunktionie- rung oder Verteufelung aus dem Gedächtnis des Volkes zu ver- treiben. Mitten in der Stadt gibt es noch fünf wichtige Kultstätten.

I.) 150 m über der Stadt erhebt sich auf einem Basaltfel- sen eine braunrote Madonna. Sie trägt das Kind auf dem rechten Arn. Die Bildsäule wurde aus russischen Kanonen gegossen, die in Sebastopol von Kaiser Napoleon III. erbeutet wurden. Die bronzene Bildsäule wurde braunrot (die Marsfarbe) ange- strichen.

Der Felsen heißt "Corneille", was nicht Krähe bedeutet, was viele Franzosen annehmen (es sind nämlich Dohlen und keine Krähen dort), sondern er wurde vom lateinischen Namen für Waren- und Waffenmeister abgeleitet. Es handelt sich also um alte militäriche Uberlie- ferung des Felsens.

Der Hügel, auf dem Felsen und Bildsäule stehen, heißt Anishügel (Mont Anis). Damit ist nicht die Pflanze gemeint, son- dern ein keltischer Ritus der Menschenjagd, ein Menschenopfer. Der Gefangene wurde an Brustbein und Stirn mit einem Dolch ri- tuell geritzt, dann wurden ihm etwa 50 m Vorsprung gegönnt, und die Verfolgung begann. Der Ge- fangene wurde fast immer von der Lanze der Andrasta durchbohrt. Andrasta war die keltische Artemis, eine Jagd- und Kanpf- göttin, die zu der Siegesmadonna aus Kanonenbronze durchaus paßt.

II.) auf einen spitzen Fel- sen, genannt Nadelfelsen (Rocher de 1l‘Aiquihle) wurde eine St. Michaels-Kapelle errichtet. Michael, dessen Kirchen in Deutschland an den Stellen der Wodans-Heiligtümer errichtet wurden, ist mit Georg, Martin und Victor hierzulande der ge- bräuchliche Ersatz für den Kriegsgott Mars.

III.) Uber den in rona- nisch/arabischen stil erbauten Dom berichtet eine Volkssage, die trotz der Reinigungsmaß- nahmen des Klerus erhalten blieb. Die Sage berichtet, ein Hirsch habe den Grundriß des Dons in den Schnee gezeichnet und zugleich sei ein Rosenzaun entstanden, Der Hirsch ist der Hirschgott Cernunnos, Gott der männlichen Fruchtbarkeit, zu

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Felsen von Aiguilke (95 m hoch) mit der St. Michaels-Kapelle (10.Jh.)

dessen Kultstätte (einem mächti- gen Dolmen, auf dem der Dom erbaut wurde) eine Reihe von sechs anderen Dolmen führte. Deswegen heißt heute noch die Straße, die zum westlichen Ein- gang des Dons führt, "rue des tables" (Straße der Tische). Die Tische, die hier gemeint waren, sind die Dolmen. Auf halbem Weg steht ein Brunnen, dessen Grund mit geopferten Münzen so bedeckt ist, daß die Straßenjungen, die auch bei Frost und Schnee die Münzen aus dem Brunnen fischen, ihn nie leeren können. So kommt zum Vorschein ein alter Ritus

von Liebe und Pruchtbarkeit.

IV.) Am westlichen Eingang des Doms liegt ein schwarzer Stein. Erist flach, und wenn man sich auf ihn legt, soll er vom Fieber befreien. Im Dom selbst steht eine der vielen schwarzen Madonnen, die das Kind vor sich hat. Diese Madonnen waren vor der Christianisierung Fruchtbar- keitsgöttinen, die sitzend das Kind vor sich hielten, das sie gerade geboren hatten. Daher haben alle schwarzen Madonnen eine kegelförmige Gestalt. Sie halten das Kind vor sich, nie auf dem Arm, und so ist in ihnen

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die alte Göttin des Volkes zu erkennen. Fieberstein und Göttin waren in alter Zeit aber nicht an ihrer heutigen Stelle, son- dern in etwa 1000 m davon ent- fernt, auf der anderen Seite des Anishügels. Heute ist dort noch eine Gruft, auf der täglich Tausende von Füßen unwissend gehen. In der Gruft befinden sich eine Nische und die Quelle, die noch heute ein Becken zum Waschen mit Wasser versorgt.

V.) Auf einem anderen Fel- sen steht eine Bildsäule von Josef. Darunter befindet sich eine Grotte von etwa 100 gm, in der eine Kapelle eingerichtet wurde. Die Bauern haben noch vor 50 Jahren den Josef als Beschüt- zer vor Blitz und Brand ange- rufen.

3.Die Umgebung von Puy

In einer Entfernung von 4 Kilometern (2 1/2 km Luftlinie) erhebt sich der mächtigste Fel- sen der Gegend: Rund 80 Meter hoch mit 30.000 Quadratmeter Fläche. Auf ihm steht ein vier- eckiger Turm. Mehrere unter- irdische Räume zeugen davon, daß hier eine sehr alte Festung gestanden hat. Ein 80 Meter tiefes Loch, Apollos Schacht genannt, endet am Fuß der Fels- wand. Zusätzlich wurden in den letzten Jahren mehr als ı0 in den Felsen gehauene Grabstätten

entdeckt. Die Gräber sind von

Westen nach Osten eingerichtet, und ein kleiner Zugang verbindet jedes Grab mit dem benachbarten. Funde wurden keine gemacht.

Die Ortschaft heißt Polignac. Die Mundart der hießi- gen Bauern neigt dazu, den Vokal am Anfang eines Wortes zu ver- schlucken. In dem bereits oben erwähnten Turm ist noch die steinerne Maske des Belenus,des keltischen Apollos zu erkennen. Die Endungen ac, ec, und at sind die keltischen Endungen des Genitivs. Somit heißt Polignac Apolinac: Ort des Apollo. Der römische Kaiser Claudius kam hierher, um ApollosOrakel zu befragen, bevor er mit der Er- oberung Brittaniens begann.

Etwa 700 Meter in der Luftlinie von Polignac entfernt erhebt sich ein Vulkan der Denise, der Feste des Dionysos. In diesem Zusammenhang muß ich eine unwahrscheinliche, aber wahre Geschichte erzählen. Im Juli 1971, also vor 14 Jahren, kan meine Frau ganz beglückt nach Hause, hielt mir ein Blatt vor die Nase und sagte: "Stell dir vor, auf dem Felsen zu Polignac wird ‘Also sprach Zara- thustra' dargestellt." Mein Erstaunen war kaum noch zu über- bieten. Obwohl ich Nietzsche seit Jahrzehten studiere und eine kommentierte Übersetzung seine größten Werks herausge- geben habe, würde ich es mir

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nicht zutrauen, "Also sprach Zarathustra" zu einem Bühnen- spiel umzuformen. Ich ging

trotzdem zu der Aufführung, die naturgemäß nur eine dürftige Wiedergabe der großen Prophe- zeiung war. Am Ende sprach ich ein paar Worte mit der Dame, die das Spiel veranstaltet hatte. Sie war die Leiterin der wichtigsten Privatschule für Bühnenkunst in Frankreich und vertraute mir an, daß sie eine gute Katholikin sei, aber "Also sprach Zarathustra" für die schönste Dichtung der Weltlite- ratur aller Zeiten halte. Gerade

hier in Polignac habe sie den Drang gespürt, eine Bühnendar- stellung von "Also sprach Zara- thustra"” zustande zu bringen.

Ich sagte dazu nichts, dachte aber zweierlei, was sie nicht wissen konnte: erstens, daß sie zwischen den Kultstätten von Apollo und Dionysos stand und zweitens, daß die tragische Spannung zwischen dem Apolloni- schen und dem Dionysischen zur Grundlage der Philosophie Nietzsches gehört. Seit diesen Erlebnis kann ich nicht mehr glauben, daß die alten Kult- stätten der heidnischen Zeit

Basilika und Statue von St. Joseph

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ihre Macht völlig eingebüßt haben. Ähnliche Feststellungen konnte ich auch in der Gegend von Nizza beobachten. Doch danit sei von Polignac und der Denise genug gesagt.

Drei Ortschaften in der Gegend von Puy heißen Mercoeur, was von Merkur abgeleitet wurde. Hinzu kommen noch zwei Ort- schaften, die mit Lug anfangen. Lug ist der keltische Name des Merkur.

Etwa 10 km-.von Le Puy liegt das Dorf Solignac (das Dorf der Sonne ). Es zeichnet sich vor allem durch Grotten, Brunnen und westgotische Gräber aus.

Rund 20 km weiter in Luftlinie erhebt sich der Meygal (Maiberg), ein Berg, der Ähn- lichkeiten mit dem deutschen Brocken aufweist (Steingeröll, wald und eine sehr große Anzahl von Quellen). Anm Maiberg hat sich die Sitte erhalten, am 1. Mai die 1300 m hohe Kuppe zu besteigen und den Sonnenaufgang von oben zu begrüßen. Ebenso verhält es sich mit den 1700 m hohem Mezenc.

Im Umfeld von Le Puy kann man die Grotten nit religiösen Uberlieferungen in sehr großer Zahl finden. In La Roche Lambert gibt es Felsenwohnungen, deren wände mit vielen Löcherpaaren versehen wurden. Uber Zweck und Bedeutung dieser doppelten Löcher weiß man nichts Zuverläs-

siges.

So ist meine Heimat ein Paradies für Menschen, die die Vergangenheit erforschen und in der Lage sind, Vergangenheit und Gegenwart zu erdenken. Sie ist - wie wir es so oft in Europa finden - ganz Mittelpunkt. Möge dieser Geist auch in der fern- sten Zukunft erhalten bleiben.

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NATUR UND MEDITATION Teil 3: Mit der Sonne leben

Sonnengruß

Der Sonnengruß muß nicht unbe- dingt zur Zeit des Sonnenauf- gangs durchgeführt werden, subjektiv beginnt für uns der Tag ja mit dem Aufstehen und so kann der Sonnengruß zu jeder Vormittagsstunde ausgeführt wer- den (Nachmittags wird's da etwas schwieriger, da die Nähe zum Abend und damit zum Sonnenab- schied geringer ist). Natürlich ist es schöner, wenn man die Rituale/Meditationen des Sonnen- grußes oder -abschieds genau in dem Augenblick macht, wenn der Sonnengott den Leib der Erde verläßt bzw. zu ihr zurückkehrt, und noch schöner ist es, wenn man sie im Freien vollzieht. Aber die Rituale sind auch wir- kungsvoll, wenn sie irgendwann nach Hochziehenn der Rolläden und vor Einnahme des Frühstücks bzw. in der Dämmerstunde durchgeführt werden.

Wende dich nach Osten oder in Richtung des Fensters, durch das jetzt der Tag hereinscheint.

Setz dich auf den Boden und stimme leise das Mantra "Ooommm" an. Dies ist der Gleichklang des Universuns vor der Geburt des Lebens.

während du noch Luft holst, stehe auf, recke die Hände nach oben und reiße sie mit aller Kraft auseinannder. Dabei schreist du aus voller Kehle "Aaaaaaaaaa!!!" (mögen es dir deine Nachbarn verzeihen). Dies ist der Schrei der Geburt, der aufgehenden Sonne, des fordern- den Lebens, des "Ich bin da".

während der Schrei noch anhält, wird die Bewegung deiner Arme langsamer, in einer Kreis- bewegunngg sinken sie nach unten und erreichen deine Ober-

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schenkel, wenn der Schrei ver- hallt ist. Jetzt ziehst du sie mit nach oben wie Schalen geöff- neten Händen herauf, an deiner Brust, an deinem Gesicht vorbei, bis sie sich zusamaen wie ein Kelch dem Himmel und dem Licht entgegenstrecken. Dabei singst du "0000000..." und stellst dir vor, wie das Licht sich in deine Hände ergießt, durch sie hindurch deinen ganzen Körper erfüllt und belebt und zugleich über den Rand deiner Hände sprudelt und in die Welt fließt, sie segnet mit der Freude des Lebens.

Führe nun die Hände vor deiner Brust zusammen und danke dem Universum auf deine eigene Art (vielleicht auch mit deinem eigenen Symbol für den Kosmos als Imagination: der Großen Göt- tin, Wakan Tanka, dem Tao oder etwas annderem) für dieses kurze individuelle Dasein in der Un- endlichkeit des Alls.

Sonnenabschied

Wie schon gesagt, wird die Sonne in der Dämmerstunde, nach Mög- lichkeit (kein Muß) im Augen- blick ihres Untergehens, verab- schiedet. Wende dich nach Westen oder in Richtung des Fensters, durch das du nun das Zwielicht erkennen kannst.

Strecke die Arme gen Hin-

mel, die Handflächen nach vorn, und rufe: "Aaaaaaa...!" Dabei

Anbetung der Sonne Ägypten, 20. Dynastie

läßt du deine Hände langsan sinken und dein Ruf ändert sich: "...aaaoooouuuuuuh!" Du folgst deinen Händen nach, fällst auf die Knie. Du beugst dich nach vorne, berührst mit den Hand- flächen (wenn du etwas gelenkig bist, auch mit der Stirn) den Boden und stimmst den tiefsten Ton an, den deine Stimme be- herrscht: "Raadaaadd..." Dies ist der tägliche Tod des Sonnen- königs, sein Eingehen in die Gefilde von Hel, wo er sich stärken wird, umm wiedergeboren zu werden und erneut zu leuch- ten, der tote Krieger im Kessel der Ceridwen, der schllafende Artus auf Avalon, das Schiff des Ra auf der Fahrt durch die Unterwelt. Das Licht vergeht,

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dunkel wird die Welt, doch ein neuer Tag wird kommen.

Setz dich aufrecht und sin- ge das Mantra "Oooommmm", den ewigen Gleichklang des allgegen- wärtigen Seins in seinen Millio- nen vergänglichen Formen.

Varianten

Diese rituelle Meditation (oder auch: dieses meditative Ritual) kann natürlich als nur ein Grundgerüst . aufgefaßt werden, welches sich mit beliebig vielen und verschiedenen eigenen Ideen ausfüllen läßt. So kann man beim Sonnengruß in der Haltung des Dankens verharren und sich für das Bewußtsein des in einen pulsierenden Lebens öffnen. Beim Sonnenabschied verharrt man dann in der Geste der Erdberührung und meditiert über Tod und Wie- dergeburt, über die Erde als nährende Mutter und als Grab zugleich, über die Wandlungspro- zesse in einem selbst oder die Notwendigkeit des - auch des eigenen - Todes.

Oder man reflektiert beim Sonnengruß über den heute an- brechenden Tag und das, was man sich von ihm wünscht, und beim Sonnenabschied reflektiert man das Erreichhte und die Not- wendigkeit, der Aktivität Ruhe unnd Erholung folgen zu lassen, nach äußerer Tätigkeit seinen

Geist der Inneren Welt zuzuwen- den, Unerreichtes loszulassen und sich dem Strom des Ganzen hinzugeben.

Man kann auch vor dem Son- nengruß die Nacht verabschieden ‚und nach dem Sonnenabschied die Nacht begrüßen. Beim Abschied der Nacht kann man sich noch einmal auf seine Träume be- sinnen (vielleicht auch, um sie sich besser einzuprägen, wenn man ein Traumtagebuch führt) und der Mondin danken für die weisen - wenn auch nicht imaer an- genehmen - Worte des Unterbewuß- ten. Bei der Nacht- oder Mondbe- grüßung macht man sich dann dementsprechennd bereit für eine Zeit der Verinnerlichunng und des Konntakts mit den Tiefen- kräften. In diesem Fall gewinnt die Meditation schon den Cha- rakter einer Anrufung. Freilich hat dieses Ritual wenig Sinn, wenn die eigene Lebensführung einer Besinnunng oder einem Aus- leben der inneren Kräfte entge- genläuft...

Gebete lassen sich eben- falls in diese rituellen Medita- tionen einbauen, z.B. das fol- gende(*1):

Heil Dir Sonne, heil Dir Tag. Heil Dir Mondin, heil Dir Nacht. Heil Dir Himmel, heil Dir Erde,

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heil Dir, innerliche Macht.

Oder jenes aus der Edda (Sigrdrifumal):

Heil Dir Tag, heil Euch Tages- kindern, heil Dir Nacht und Kind der Nacht.

Schaut mit gütigen Augen auf uns nieder

und gebt uns Betenden Sieg.

Heil Euch Göttern, heil Euch Göttinnen,

heil dir, fruchtbares Feld.

Wort und Weisheit gewährt uns und heilende Hände allezeit.

Im übrigen lassen sich auch moderne Rocksongs in das Ritual einbauen (z.B. Toyah: "Good Mor- ninng Universe" oder Doors: "Waiting For The Sun").

Was Gebete für den Sonnenabschied angeht, eignen sich einige der Orphischen Hyn- nen recht gut dafür ("An He- kate", "Der Nacht", "Den Ster- nen", "Der Selene" (*2)).

Eine Alternative zu der von mir beschriebenen rituellen Me- ditation möchte ich noch nennen:

Das Ritual, das Aleister Crowley in seinem "Liber Resh vel He- lios" schildert (*3). Es enthält Anrufunngen der Sonne in ihren vier Aspekten (Aufgehende Sonne, Mittagssonne, Untergehende Sonne und versteckte Mitternachtsson- ne) und orientiert sich dabei an ägyptischen Sonnenvorstellungen. Die Beschreibung der Meditatio- nen ist allerdings - in Gegen- satz zu den Anrufungen - dürf- tig.

Pür weitere Anregungen bin ich dem meditativ oder kultisch erfahreneren Leser übrigens sehr dankbar.

NATUR UND MEDITATION Teil 4: Freie Meditation

Im Gegensatz zu thematisch fest- gelegten oder gar in ihrem Ver- lauf vorgeplanten Meditationen ist die freie Meditation in ihrer Methode eine sehr einfache Sache. Es gibt über die Freie oder Offene Meditation an und für sich nicht viel mehr zu erzählen, als daß man sich hin- setzt, sich entspannt und auf

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das achtet, was in einem hoch- steigt.

Die Entspannung selbst kann auf verschiedene Weisen vor sich gehen, Yoga, Autogenes Training und andere Richtungen der Medi- tation bieten dafür verschiedene Techniken an. Sie kann, falls nötig, in kurzer Zeit (nach entsprechender Ubung sogar in Sekunden) vorgenommen werden, oder sie kann ein langer, inten- siver Prozeß sein, bei dem man sehr genau Körper, Gedanken und Gefühle entspannt. Nach einigen Meditationsmeistern lernt man erst durch jahrelange Praxis, sich tiefer und tiefer zu ent- spannen und den Geist weiter zu öffnen, als es einen ungeübten Menschen jemals auf Anhieb mög- lich wäre. Die Entspannung ist in jedem Fall das Tor zur Medi- tation, denn erst, wenn der Geist nicht mehr von aktuellen, oberflächlichen Gedanken unnd Erinnerungsfetzen gejagt wird, kann er sich auf ein tieferes Erleben einlassen. Er muß also ein gewisses Maß an Ruhe er- reichen, um für subtile Dinge offen zu sein (dann langweilt man sich auch nicht mehr, wie dies am Anfang der Meditations- praxis öfters einmal vorkommt - Geist und Körper genießen ein- fach).

Was steigt nun hoch?

Ab hier kann man verschie- dene Wege einschlagen oder viel-

mehr, man wird auf einen von mehreren möglichen Wegen ge- bracht. Denn an dieser Stelle folgt man oft spontanen, aber starken Regungenn, man ist gleichermaßen aktiv und passiv, mal ler.kt nan die Meditation, mal wird man von ihr gelenkt und oft ist der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen nur ein Wort. Ist wirklich Ruhe in den Geist eingekehrt, folgt ihr nämlich das Vertrauen in sich selbst, in die Natur, in die Welt und man vertraut jenen spontanen Regungen, die einen in den Bereich des Bewußtseinns tragen, der im Moment am wich- tigsten ist (oft ist es ein anderer, als man dachte). Diese Regungen kommen nicht sofort, aber sie kommen bestimat. Man kann darauf vertrauen. Alles, was dazu nötig ist, ist die Ruhe zum Warten.

Welche Wege öffnen sich jetzt einen?

Oft reicht es aus, einfach die Entspannung zu genießen. Einfach nur da sein. Ein vorzüg- liches Werkzeug gegen Streß unnd Nervosität, gegen Angst und Hoffnngslosigkeit. Danach er- scheint die Welt in £frischeren, bunteren Farben, oder vielmehr: Man sieht die bunten Farben wieder, die man vorher nicht mehr beachtet hatte.

Auf diese Weise ist Medita- tion auch ein Mittel, die Wirk-

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lichkeit wiederzuentdecken, die so oft unter einem uns gar nicht mehr bewußten Schleier verborgen liegt. Plötzlich hört man wieder das Singen der Vögel, das nan vorher selten wahr-nahn (wenn man nicht gerade gewollt darauf achtete). Plötzlich spürt man wieder den Körper der Erde unter den Füßen, die doch in Wahrheit tastende Hände sind. Plötzlich bedeutet einem wieder das Licht in einem Wassertropfen viel. Man fühlt Freude über das Leben in sich, als ob man gerade etwas besonders Schönes erlebt hätte, und das Gefängnis der tausend Nebensächlichkeiten, das gewöhn- lich unseren Geist gefangen hält, verblasßt zu den Nichts, aus dem es in Wahrheit besteht. Das Ruhigwerden und Sich- öffnen des Geistes läßt diesen nicht nur die Umelt in einer neuen Intensität wahrnehnen. Auch der Körper wird nicht mehr als "Anhängsel des Geistes" ig- noriert, sondern als Manifesta-

tion des eigenen Seins begrif-

fen, dessen Bedürfnisse genauso wichtig und ernstzunehmen sind wie die des Kopfes und der uns unendlich viele Sinnesfreuden schenken kann. So ist es nicht ungewöhnlich, daß einer Medita- tionsphase Massagen, Selbstmas- sagen oder körperliche Ubunngen wie Hatha-Yoga, Tantra-Yoga, Qi Gonng oder Kong Fu folgen und umgekehrt.

Oder man versenkt sich in seinen eigenen Atem, genießt den Fluß des Lebens, der Ebbe und Flut gleich einen füllt und leert. Das sanfte Geschehen- lassen dieser Bewegung beruhigt und erfrischt gleichermaßen. Man kann sich dem ganz hingeben. Nach einigen Malen wird man vielleicht schon die Energien spüren, die durch den Körper fließen - als ein feines, kaum merkliches Kribbeln oder eine subtile Wärme, die vom Leib in die Glieder ausgeht und zurück- strönt. Reines Beobachten dieses Phänomens, ohne bewußt Einfluß zu nehmmen, verstärkt die Offen- heit dafür im Laufe der Zeit. Geduld ist überhaupt eine der wichtigsten Dinge bei der Medi- tation, denn Vieles stellt sich erst allmählich ein und läßt sich durch nichts herbeizwingen. Bereitschaft, Geduld und die Freude am Entdecken genügen, alles andere ist zuviel.